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Jungen schnuppern in Frauenberufe: Gar nicht peinlich

Die Mädchen haben schon lange ihren eigenen Tag. Der "Girls' Day" soll sie für technische Berufe begeistern. Jetzt ziehen die Jungs nach: Am "Jungenzukunftstag" schnuppern sie in typische Frauenberufe - und strömen in Kindergärten, Altenheime, Supermärkte, Friseursalons.

Blumen binden statt Computer programmieren, Sandburgen bauen statt Automodelle entwerfen, Kochschürze statt Anzug: Traditionell männliche Berufsvorstellungen werden in dem Projekt "Neue Wege für Jungs" kräftig umgekrempelt. Parallel zum "Girls' Day", der Mädchen für technische Berufe begeistern soll, bietet der "Jungenzukunftstag" Buben die Möglichkeit, für einen Tag in Berufe im Sozial-, Pflege-, Erziehungs- und Dienstleistungsbereich zu schnuppern. Ziel sei es, den Jungen neue berufliche Perspektiven aufzuzeigen und das "typische männliche Rollenbild des Alleinernährers und starken Helden" zu hinterfragen. Das sagte Dörte Jödicke, Pressesprecherin des Service-Büros "Neue Wege für Jungs", das zum Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit in Bielefeld gehört. Benedikt Baumgärtner möchte zwar mal Elektriker werden, könnte sich aber auch vorstellen, als Kindergärtner zu arbeiten. "Mir wäre egal, was meine Freunde dazu sagen. Das ist doch mein Leben", sagt der 14-Jährige. Ähnlich sehen das seine Klassenkameraden aus der 7a der Münchner Artur-Kutscher-Realschule: Florian Probst, Philip Griebel und Tobias Zenz werden im Rahmen des "Jungenzukunftstag" einen Tag im Kindergarten verbringen. Ihr Freund Marc Fischer wird einem Tierarzt über die Schulter schauen: "Ich mag Tiere und würde später gerne mit ihnen arbeiten", sagt der 13-Jährige.

Peinlich, in Kindergarten zu gehen

Diese Schüler sind nur fünf von tausenden Jungen, die dieses Jahr am "Jungenzukunftstag" teilnehmen. Seit drei Jahren gibt es das Projekt, bei dem 2007 knapp 10.000 Jungen der Klassen fünf bis zehn mitgemacht haben. Das Pendant zum "Girls' Day" ist aber nicht auf einen Tag beschränkt: Workshops und Seminare zu Themen wie etwa Männlichkeit, Berufs- oder Familienplanung sollen das Projekt ergänzen. Als Informationsplattform dient das Internet: Auf www.neue-wege-fuer-jungs.de zeigt eine Karte alle am Projekt beteiligten Orte. Bundesweit gibt es in 84 Städten und Gemeinden 107 Aktionspartner, wie das Service-Büro in Bielefeld mitteilt.

Großen Zulauf erfährt das Projekt in Germering im oberbayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck: 244 Jungen werden dort Kindergärten, Altenheime, Supermärkte, Friseursalons, Zahnarztpraxen und sogar eine Hebammenpraxis belagern. "Egal wo die Jungen hingehen, es bringt ihnen immer etwas, weil sie sich einbringen müssen", so Projektleiter Hans-Ulrich Pollaschke. Die Erfahrung von Susanne Müller, Gleichstellungsbeauftragte im oberfränkischen Coburg, zeigt aber auch, dass sich nicht jeder Junge begeistern lässt: "Für die Mädchen ist es cool, am "Girls' Day" teilzunehmen, manche Jungs betrachten es aber als peinlich, etwa in Kindergärten zu gehen."

Echte Vorbilder fehlen

Ein Umdenken fordert Hartmut Kick, der Jungenbeauftragte der Stadt München. Männer, die sich stärker im Haushalt und der Familie engagieren, müssten breitere gesellschaftliche Akzeptanz und Förderung erfahren. Vor allem sei wichtig, dass mehr Männer in Erzieherberufen tätig würden: "Viele Jungs orientieren sich an künstlichen Figuren aus den Medien, weil echte Vorbilder fehlen", so Kick. Dass Jungenförderung noch ein Randthema ist, sagt auch der Projektkoordinator von "Neue Wege für Jungs", Miguel Diaz. Das Projekt soll auf jeden Fall fortgesetzt und weiter ausgebaut werden: "Vor uns liegt noch viel Feld, das wir bearbeiten müssen."

Alexandra Stahl, DPA / DPA
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