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Kategorie Visionär: Höhere Chancen bei Schlaganfällen

Bei einem Schlaganfall geht es ums Leben - und ein Medikament, das Blutgerinnseln auflöst, kann das Leben retten. Die Biotech-Firma Paion will damit 2008 an den Start gehen.

Von Philipp Eins

Um sich hinter seinen Schreibtisch zu setzen, muss Wolfgang Söhngen drei Stufen zu einem Podest hinaufsteigen. "Nicht, weil ich auf meine Mitarbeiter herabschauen möchte", sagt er. "Den Aachener Dom kann ich nur von hier oben sehen, durch das Kippfenster im Dachgeschoss." Der 52-jährige Mediziner zeigt in Richtung Altstadt. "Ein Büro mit dem Ausblick, das war mein Traum." Hinter Podest und Schreibtisch stehen Regale mit Akten aus schwarzer Pappe. Darin sammelt Söhngen Unterlagen zu den Themen Biotechnologie, Pharmazie und Umweltanalytik. An die Berufsschule, die bis Anfang der 90er Jahre den Backsteinbau für die Handwerksausbildung nutzte, erinnert nichts mehr: Seit 2003 gehört das Gebäude zur Biotechfirma Paion, die in ehemaligen Klassenzimmern auf Initiative von Wolfgang Söhngen und seiner Frau Mariola den Stoff Desmoteplase entwickelt. Eine Arznei, die zukünftig eines der wirksamsten Medikamente gegen die Volkskrankheit Schlaganfall werden soll.

Allein in Deutschland erleiden jährlich rund 200.000 Menschen einen Gehirnschlag. Von ihnen sterben innerhalb des ersten Jahres nach der Attacke 37 Prozent, 70 Prozent der Überlebenden bleiben langfristig geschädigt. Nach Krebs und Herzerkrankungen ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache in der westlichen Welt. Besonders betroffen sind die über 65-jährigen. "Mit steigendem Alter verengen sich die Arterien, Blutgerinnsel verstopfen die Adern", erklärt Söhngen. "Das Gehirn wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, Nervenzellen sterben ab." Desmoteplase könne die Verstopfungen lösen, indem es das Blut verflüssigt, so der Wissenschaftler. "Bislang gibt es nur ein Medikament auf dem Markt, das Blutpfropfen lösen können. Es ist zugelassen für die ersten drei Stunden nach dem Schlaganfall." Zwischen dem Zeitpunkt der Attacke und der Einlieferung ins Krankenhaus vergehen nach Untersuchungen von Paion in 85 Prozent der Fälle jedoch mehr als drei Stunden. "Desmoteplase soll das Behandlungsfenster auf 9 Stunden erhöhen. Das bedeutet einen Zeitgewinn für den Patienten."

Heilstoffe aus Krebszellen

Entdeckt wurde die Substanz bereits in den 90er Jahren von Mitarbeitern des Pharmaunternehmens Schering und der Universität Mexiko - und zwar im Speichel der südamerikanischen Vampirfledermaus. Der Parasit ist Handtellergroß und ernährt sich ausschließlich vom Blut anderer Säugetiere. "Die Fledermäuse ritzen eine Wunde in die Haut und lecken das Blut mit der Zunge", sagt Söhngen. "Ihr Speichel verhindert die Blutgerinnung." Das gleiche bewirkt der Stoff in menschlichen Arterien. "Doch glauben Sie nicht, dass wir in Südamerika eine Fledermausfarm besitzen", scherzt der Wissenschaftler. "Desmoteplase wird in einem industriellen Verfahren gewonnen. Mit Hilfe der Gentechnologie lässt sich der Stoff auf der Krebszelle eines Meerschweinchens gewinnen."

Ende 2003 wurde für das Medikament die Forschungsphase II abgeschlossen: Mehr als 100 Schlaganfallpatienten wurden mit Desmoteplase behandelt. In Phase III wird die Substanz an einer größeren Anzahl von Patienten getestet. "Frühestens im Jahr 2008 kann das Medikament dann auf den Markt", sagt Söhngen. Momentan schreibt Paion rote Zahlen, macht bei einem Umsatz von 18,8 Millionen Euro im Jahr 2005 einen Verlust von 4,76 Millionen. Doch in der Biotechbranche sind hohe Ausgaben während der Entwicklung durchaus üblich. Besteht das neue Medikament die Tests, winken dafür auch hohe Profite.

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