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KREATIVE KONZEPTE: Was Experten fordern

»Eltern, kümmert euch um eure Kinder! Die Schule alleine kann die Probleme nicht lösen. Natürlich gibt es zahlreiche Mütter und Väter, die sehr viel für ihre Kinder tun. Aber bei etwa einem Viertel der Familien ist das nicht so. Die meist überforderten Eltern müssen etwa von öffentlich finanzierten Sozialarbeitern unterstützt und betreut werden. Mit Hilfe des Jugendamtes sollten wir zudem dafür sorgen, dass die Kleinsten in den Kindergarten kommen. Wir müssen aktiv werden, bevor die Probleme auftauchen. Aber auch die Lehrer können was tun. In Schweden etwa ist die Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule äußerst eng und produktiv. In Deutschland sieht das anders aus. Hier gibt es in der Lehrerausbildung noch nicht einmal eine einzige Veranstaltung zum Thema Eltern. Das ist eine Katastrophe.«

»Wir brauchen mehr Ganztagsangebote an unseren Schulen. Sie sind ein entscheidender Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ermöglichen es, auch das Potenzial von qualifizierten Frauen in der Wirtschaft verstärkt zu nutzen. Ganztagsschulen sind aber überdies für eine bessere Schulbildung notwendig. Wenn das Lernen nicht in das enge Korsett des Vormittagsunterrichts gepresst wird, ist es für Lehrer wesentlich einfacher, Stoffe zu vertiefen. Zudem sind dann fächerübergreifende Projekte und eine intensivere und gezieltere Förderung sowohl von lernschwachen als auch von besonders begabten Schülern möglich. Die persönlichen und sozialen Kompetenzen der Schüler werden gestärkt, wenn sie auf diese Weise zusammenarbeiten und lernen können. Um nicht missverstanden zu werden: Ich plädiere dafür, keinesfalls an den normalen Unterricht nur die Essensausgabe und dann eine beliebige Nachmittagsbetreuung zu hängen; Vor- und Nachmittag müssen vielmehr durch ein überzeugendes pädagogisches Konzept verbunden sein. Schulen können sich damit ein attraktives Programm und Profil geben.«

»Pisa hat gezeigt: Unsere Schüler lernen zu oberflächlich und schematisch - ihre Methodenkompetenz ist gering. Das merkt man zum Beispiel bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten. Die meisten büffeln immer noch wie die Generation ihrer Eltern: kurzfristig, am Abend vor einer Klassenarbeit. Sie lernen alleine statt mit Freunden. Und sie pauken den Stoff, indem sie ihr Hausheft und ihr Schulbuch durchlesen. Diese Vorgehensweisen sind für die meisten wenig hilfreich. Es wäre besser, sie würden den Stoff auf Frage-Antwort-Kärtchen übertragen, ein Schaubild zeichnen oder einem Partner einen gezielten Vortrag halten. Solche Lerntechniken üben wir mit den Kindern im Unterricht ein. Sie trainieren zu markieren, rasch nachzuschlagen, Mindmaps zu erstellen, Klassenarbeiten vorzubereiten, Folien zu gestalten oder kleine Vorträge zu halten. Das fördert effektives Lernen und Behalten!«

»Wir brauchen eine Reform des föderalen Bildungssystems. Der viel gelobte positive Konkurrenz-Effekt zwischen den Ländern führt zu viel mehr Stau als Belebung. Zudem brauchen wir in zentralen Fragen bundesweit verbindliche Regeln. Etwa in der Frage, ob es zwölf oder 13 Schuljahre am Gymnasium gibt. Oder in der ökonomischen Ausstattung, die mittlerweile eine bedrohliche Spannbreite hat. Geklärt werden muss auch, welche Leistungen zu welchem Zeitpunkt von den Schülern erwartet werden. Etwa nach der Grundschule, der Sekundarstufe I und II. Bisher gibt es da nur viel zu vage Formulierungen. Den Föderalismus insgesamt würde ich jedoch nicht infrage stellen. Es wäre verheerend, wenn die Bildungspolitik von nur einem Minister bestimmt wird. Wenn der was falsch macht, macht es gleich das ganze Land falsch.«

»Die Zuordnung von Zehnjährigen auf Schultypen ist pädagogisch nicht sinnvoll. Dies sollte deutlich nach hinten verschoben werden. Nach der Grundschule kann nur sehr fehlerhaft prognostiziert werden, ob jemand für das Abitur geeignet ist oder nicht. Außer in Deutschland gibt es eine so frühe Auslese nur noch in Ungarn, Österreich und der Schweiz. Die Philosophie des gegliederten Systems lautet, die Kinder so früh wie möglich zu sortieren, damit jeder Einzelne optimal gefördert werden kann. Doch die Realität ist anders. Im Spitzenbereich sind deutsche Schüler nur mäßig und im unteren Bereich katastrophal. Etwa ein Drittel bleibt bis zum 15. Lebensjahr mindestens einmal sitzen oder wird einen Schultyp runtergestuft. Viele Länder, in denen erst mit 15 oder 16 Jahren aufgeteilt wird, sind wesentlich erfolgreicher.«

»Schulsozialarbeit ist an unseren Schulen nicht mehr wegzudenken. Die sozialpädagogische Betreuung der Kinder und Jugendlichen, die Unterstützung der Pädagogen sowie die Funktion als Bindeglied zwischen Elternhaus und Schule sind unverzichtbar - insbesondere auch für Ganztagsangebote. Schulsozialarbeit kann aber nur dauerhaft erfolgreich sein, wenn sie nicht über befristete Maßnahmen des ?zweiten Arbeitsmarktes' mit wechselndem Personal erfolgt. Deshalb haben wir 1999 ein Landesprogramm ?Jugend- und Schulsozialarbeit' mit 1.000 festen Stellen aufgelegt. Das Land beteiligt sich mit 50 Prozent an den Kosten, 50 Prozent übernehmen die Kommunen. Die Bezahlung erfolgt nach Tarif. Es hat sich zu einem Renner entwickelt. Wir wenden dafür allein in diesem Jahr - trotz knapper Kassen - über neun Millionen Euro auf.«

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