Leser-Kommentar Fleiß muss anerkannt werden!


Nach der stern-Reportage "Wehe, wenn du arbeitest" ist eine heftige Diskussion unter den Usern ausgebrochen: Dürfen Kinder von Hartz-IV-Familien ihr in den Ferien erarbeitetes Geld behalten oder nicht? stern.de-Userin Hanne Deitert sagt: "Ja, junge Menschen brauchen eine Perspektive." Wir stellen ihre Meinung vor.

Unter dem Titel "Wehe, wenn du arbeitest" hat stern-Autor Massimo Bognanni die Geschichte der Schülerin Laura* und ihrer Familie aufgeschrieben. Lauras Mutter ist eine sogenannte Hartz-IV-Aufstockerin. Ihr Gehalt allein reicht nicht zum Leben, so dass sie zusätzlich Arbeitslosengeld II erhält. Wie viele andere Kinder auch, geht Laura in den Ferien arbeiten, um sich ihren Wunsch nach einem eigenen E-Bass zu erfüllen.

Nur: Ein Gesetz verhindert, dass die Schülerin ihr Geld behalten darf. Kinder von Hartz-IV-Empfängern dürfen monatlich 100 Euro verdienen, alles darüber hinaus wird der Familie vom Arbeitslosengeld II wieder abgezogen. Laura findet das Gesetz ungerecht, fühlt sich als Kind zweiter Klasse, da ihre Mitschüler bis zu 7664 Euro im Jahr verdienen dürfen, ohne das deren Eltern der Kinderfreibetrag gestrichen wird. Sie schreibt einen Brief an Arbeitsminister Olaf Scholz, da sie verstehen will, warum sie ihr Geld nicht behalten darf. Nach drei Monaten erhält sie die Antwort: Er habe alles geprüft, schreibt Scholz, doch gäbe es leider derzeit keine andere Alternative.

Hartz IV polarisiert

Die Geschichte, die erst im stern und anschließend auf stern.de veröffentlicht wurde, hat viele, teils sehr emotionale, Leserreaktionen nach sich gezogen. Das Thema Hartz IV spaltet die User generell in zwei Lager: Die einen finden das Arbeitslosengeld II per se ungerecht, die anderen sind der Meinung, dass man durchaus davon leben kann. Und so diskutieren die Leser unter anderem darüber, ob man Kindern zumuten kann, für das Familieneinkommen mit verantwortlich zu sein.

Beim Lesen der Kommentare sind uns viele fundierte und sachliche Meinungen aufgefallen, einige der User haben wir gebeten, uns ihren Standpunkt einmal ausführlicher darzustellen. Leserin Hanne Deitert war dazu bereit und hat uns unter dem Titel "Armutszeugnis unseres Staates" beschrieben, warum sie das Gesetz als ungerecht empfindet:

Fleiß muss anerkannt werden!

Von Hanne Deitert

Es ist beschämend, wie viel unser Staat für Kinder übrig hat, allgemein, aber insbesondere auch für Hartz-IV-Kinder.

Die 15-jährige Laura im Artikel "Wehe, wenn du arbeitest", wird doppelt bestraft. Wofür? Einerseits, weil sie unfreiwillig im Existenzminimum leben und auf vieles verzichten muss, was in ihrem Alter eigentlich als normal dazugehören sollte. Andererseits, weil sie fleißig war, sich eingesetzt und in den Ferien gearbeitet hat, um sich einen großen Wunsch zu erfüllen.

Die politische Handhabung diesbezüglich ist nicht in Ordnung und pädagogisch gesehen ein Paradoxum. Hartz-IV-Kindern und Jugendlichen wird dadurch eine Perspektivlosigkeit vermittelt, die mutlos macht und sie resignieren läßt. Sie erfahren, auch wenn sie sich noch so anstrengen und bemühen, es wird ihnen nicht gelohnt, es wird nicht anerkannt. Eher das Gegenteil, sie werden dafür noch bestraft.

Menschen brauchen Perspektive

Von Laura finde ich es sehr toll, dass sie diesen Brief an den Arbeitsminister Olaf Scholz geschrieben hat. Sie ist betroffen und es ist mutig und richtig von ihr auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Andere Kinder dürfen ihr Geld behalten.

Leider schweben unsere Politiker in anderen Sphären und schaffen Gesetze, die diesen Jugendlichen keinen Anreiz und keine Möglichkeit bieten, aus Hartz IV herauszuwachsen.

Es wäre doch äußerst wünschenswert, diese Gesetze endlich grundlegend anzugehen. Es nützt niemanden, wenn sie nur ins Wahlprogramm aufgenommen werden, um dann zur Wahlkampagne zu verkommen.

Die jungen Menschen brauchen eine gesellschaftliche Zukunft mit Perspektive, in der sie erfahren: Wenn ich fleißig bin, wird es auch anerkannt!

*Name von der Redaktion geändert


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