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Migranten: Jetzt kommen WIR!

Solche Einwanderer braucht das Land: jung, ehrgeizig und bereit, hart zu arbeiten. Von ihnen gibt es viel mehr, als wir glauben: 250 000 Migranten-Kinder gelten als besonders förderungswürdig. Doch viel zu wenige bekommen die Chance zu zeigen, was in ihnen steckt.

Von Ingrid Eissele

Natalia Tschatorow war 14, als sie mit ihren Eltern aus Sibirien ins schwäbische Allmersbach kam. Sie sprach kaum ein Wort Deutsch, doch schon nach einem Jahr hatte sie ihre Klassenkameraden eingeholt, mehr noch: Sie fühlte sich stark genug, um aufs Gymnasium zu gehen. Nur die Lehrerin an der Hauptschule riet ab. "Einwanderer steckt man lieber in die Hauptschule", so Natalias Erkenntnis. "Auch, wenn sie gut sind."

Jetzt hat sie ihr Abitur mit einem Notenschnitt von 1,4 bestanden und studiert Jura, um später internationale Unternehmen zu beraten. Eine Ausnahmekarriere in Deutschland. Denn die Chancen für eine Migrantin, ein Gymnasium zu besuchen und Abitur zu machen, stehen viermal schlechter als die deutscher Kinder. Fünfzig Prozent der Zuwandererkinder besuchen die Hauptschule. Weitere zwanzig Prozent schaffen überhaupt keinen Abschluss. "Deutschland hat vierzig Jahre lang verschlafen, welches Potenzial in seinen Migranten steckt", kritisiert Kenan Önen von der Frankfurter Hertie-Stiftung.

In Deutschland leben inzwischen mehr als 15 Millionen Zuwanderer. Fast jeder fünfte Einwohner Deutschlands stammt aus dem Ausland oder hat Eltern oder Großeltern, die eingewandert sind. Dennoch gibt es kaum Erkenntnisse, warum Integration beim einen glückt und beim anderen nicht. "Dazu fehlt bisher jede Forschung", sagt Kenan Önen, selbst Sohn türkischer Einwanderer. Ein Zuwanderungsland könne sich solche Ignoranz aber nicht leisten. Während die USA Spitzen-Abiturienten aus Deutschland mit Stipendien und der "Green Card" lockten, lasse man hierzulande den Ausländernachwuchs links liegen, kritisiert Önen. Manches Ausnahmetalent müsse sogar Angst haben, abgeschoben zu werden. So entging beispielsweise der aus dem Iran stammende Einser-Abiturient Arsalan Moradi-Chargari nur knapp seiner Ausweisung - dank der Intervention seiner Förderer darf er bleiben. "Deutschland braucht diese Zuwanderer", sagt Önen. "Das lohnt sich. Die werden alles einmal zurückzahlen."

Ein Dutzend Stiftungen kümmert sich inzwischen darum, bundesweit eine "Einwanderer-Elite" aufzubauen. Projektleiter Önen und seine Hertie-Stiftung kooperieren mit 14 Kultusministerien und unterstützten bisher 400 begabte Einwandererkinder auf dem Weg zum Abitur. Zehnmal so viele bewerben sich um die begehrten Plätze, die nicht nur 100 Euro pro Monat für Bücher, Computerprogramme und Kurse garantieren, sondern auch Seminare und Beratungen bei der Studienplatzwahl. Die Bosch Stiftung fördert Talente wie Natalia sogar mit durchschnittlich 200 Euro im Monat und stellt ihnen zwei Beraterinnen als Coach zur Seite.

"Wir sind erst am Anfang", bekennt Kenan Önen. Bundesweit gebe es mindestens 250 000 Schüler "mit förderungswürdigem Potenzial", so der Projektleiter. Ausgewählt wird nicht nur, wer gute Noten vorweisen kann, sondern sich auch sozial engagiert, zum Beispiel als Klassensprecher oder Nachhilfelehrer. Schließlich wolle man keine Egoisten fördern, betont Önen. "Wenn die sich eines Tages drei Autos leisten können, haben wir nichts davon." Die Stipendiaten sollen vielmehr als Botschafter zwischen den Welten fungieren. "Sie sollen ihren Mitschülern zeigen, dass sich Leistung in Deutschland lohnt, sie sollen andere Migrantenfamilien wachrütteln." Was jungen Einwanderern nämlich fehle, seien Vorbilder.

Gute Chancen, nach oben zu kommen, haben Kinder bildungsbewusster Eltern. Natalias Mutter ist pharmazeutisch-technische Assistentin, der Vater war in Sibirien Chef der Kriminalpolizei und arbeitet jetzt als Elektroschlosser. "Sie sind extra für mich und meinen Bruder nach Deutschland gezogen."

Von grosser Bedeutung ist offenbar auch, aus welcher Einwanderergeneration die Migrantenkinder stammen. Von den Bosch-Stipendiaten des Jahrgangs 2005 sind die wenigsten in Deutschland geboren, mehr als die Hälfte ist erst in den vergangenen sechs Jahren eingewandert. Kein Zufall, wie Kenan Önen meint. "Wer wandert denn heute noch ein? Das ist nicht mehr der Gastarbeiter aus Anatolien, auch nicht der einfache Bauer aus Afghanistan, sondern die geistige Elite."

Und die ist nicht nur zielstrebiger als frühere Zuwanderergenerationen, sie hat auch große Träume. Olga Grefenstein, 16, aus Kasachstan, will irgendwann "ein Mittel gegen Krebs finden". Und Anton Lebedev, 17, der vor fünf Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam, will zunächst "den besten Schnitt im Abitur schaffen" und später den Kosmos erforschen "wie Steven Hawking".

Mitarbeit: Carsten Stormer

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