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Moderne Walz: Werbetexter auf zünftiger Tour

Kommt der Prophet nicht zum Berg, geht der Berg eben zum Propheten: anstatt in Köln auf Arbeit zu warten, hat sich Werbetexter Stephan Ehritt auf die Walz durch Deutschland begeben.

Zur Ausrüstung des Kölner Wanderburschen gehören ganz traditionell "Charlottenburger" und "Stenz". Doch schon bei der Kluft ist der Unterschied zu den Angehörigen der alten Handwerksberufe augenfällig: Statt schwarz ist Stephan Ehritts Cord-Anzug knallrot. Vor gut einem Monat hat der 31-jährige sein "Charlottenburger" genanntes Bündel geschnallt, hat den Wanderstock, den "Stenz", zur Hand genommen und ist auf die Walz gezogen - als "Vorreiter" in seiner Branche.

Die "Komfortzone sprengen"

Ehritts erster Halt auf der für ein Jahr und einen Tag geplanten Reise ist Hamburg. Als ein Zentrum der deutschen Werbebranche bietet die Hansestadt für ihn einen idealen Startpunkt. Bereits vergangene Weihnachten stand der Entschluss des vielbeschäftigten Werbers fest, seine "Komfortzone zu sprengen". Mitte Mai gab er seine Wohnung und sein Leben mit Designerklamotten und Studenten-Regal auf und zog los.

Im ersten Monat hat Ehritt fast nur positive Erfahrungen gemacht. "Bisher begegnen mir alle Passanten wohlwollend. Selbst finster aussehende Typen grüßen mich", erzählt Ehritt. Und mit seiner roten Kluft versetzt er so manches Kind in Verzückung: "Guck mal, da kommt der Weihnachtsmann!", sei eine häufige Reaktion der Kleinen.

Seine erste Station hat der Wandersmann bereits absolviert. Bei einer Werbeagentur war er zuvor abgeblitzt: "Die Walz ist in meinem Bereich halt noch nicht so bekannt". Doch bei der zweiten Agentur wurde er aufgenommen. Kreativdirektor Gerhard Heimrath war zunächst belustigt, als ihn der Kölner mit "werter Meister" ansprach. Dann kam Skepsis in der Agentur "Zum Goldenen Hirschen" auf: "Kundschafter einer Diebesbande oder Undercoverreporter der Konkurrenz - im Business der gnadenlos vorgetragenen Halbwahrheiten kann man paranoid werden", sagt Heimrath.

Unterstützung für die Regierung

Doch der Wanderbursche konnte die Agenturmacher von seinen ehrenwerten Absichten überzeugen und entpuppte sich als erfahrener Texter - und das für ein Handgeld. Ehritt blieb dreieinhalb Wochen. Einen Schlafplatz hat der Werbewalzer bei einem Freund gefunden, dem er dafür bei der Einrichtung von Websites hilft. Da er pleite ist, muss er sich jetzt in Hamburg nach einem neuen Job umgucken. "Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu lange hier bleibe", sagt Ehritt. Denn die Zeit rennt. Als nächstes plant er, nach Berlin zu tippeln, wo er sich am liebsten auch im "branchenfremden" Bundeskanzleramt umtun will: "Ich will keine Politik machen, aber Hilfe bei der Kommunikation leisten. Damit tut sich die Regierung schwer".

Allein auf weiter Flur

Einen Bruch mit der aus dem Mittelalter stammenden Handwerkertradition sieht der Kreative bei seiner Walz nicht: "Auch das Texten ist für mich ein Handwerk". Was dem groß gewachsenen Kölner manchmal fehlt, sind allerdings gleichgesinnte Medienschaffende. Die mehreren hundert anderen derzeit wandernden Handwerker kommen aus herkömmlichen Berufen - meist aus der Baubranche - und sind in Zünften organisiert. Die gibt es bei den Werbern nicht.

Ehritt hofft, dass sich das bald ändert, sein Beispiel Schule macht. Auf lange Zeit wird der "Kopfarbeiter" allerdings ein "Äffchen" bleiben. So nennen die Handwerker losgezogene Gesellen, deren Kluft noch adrett und sauber ist.

Jörg Fischer / DPA
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