HOME

Nominiert in der Kategorie "Aufsteiger": Kampf dem Chaos

Mit Digitaler Datenverwaltung versucht die Internetplattform des Münchner Unternehmens Conject Baustellen zu organisieren.

Vor ein paar Monaten war hier noch eine Großbaustelle: Schlammige Straßen, kilometerlange Zäune, Stahlkonstruktionen, die in den Himmel ragen. Kurz: 208 Hektar Chaos.

Doch davon ist nichts mehr zu sehen. Wie hingegossen steht das neue Autowerk vor den Toren Leipzigs und spiegelt in mattem Silber den Erfolg der Marke BMW.

Dass der Münchner Autobauer seine Fabrik in der Rekordzeit von drei Jahren aus dem Boden stampfen konnte, hat er auch dem Softwarehaus Conject und dessen "Immobilien-Lebenszyklus-Management-System" zu verdanken. Das Wort-Ungetüm steht für eine Art Babelfish für die Bau- und Immobilienbranche. Babelfish? Sie wissen schon, jenes kleine, schlüpfrige Wesen aus Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis", das alle Signale des Universums in eine verständliche Sprache übersetzt. Ganz ähnlich läuft es bei Conject. "Bauprojekte sind häufig schlecht koordiniert", sagt Elke Tonscheid, PR-Managerin und Mitbegründerin des Unternehmens. Da will der Architekt etwas vom Planungsbüro, der Generalunternehmer etwas von den Banken und diese wiederum etwas vom Bauherren – und alle verwenden unterschiedliche Formulare, Zeichnungen und Pläne. "Durch unsere Software wird das vereinheitlicht", sagt Tonscheid.

Am Bau des BMW-Werks in Leipzig waren beispielweise mehr als 170 Unternehmen beteiligt, die über 300.000 Dokumente erstellt und ausgetauscht haben: 147 Gigabyte Daten. Durch Conject waren nicht nur alle Beteiligten permanent über den Stand der Dinge informiert, sondern auch nach dem Bau lässt sich noch jede Mail und jede Akte wiederfinden. Will ein Handwerker in ein paar Jahren etwa wissen, wo eine Leitung verlegt wurde, oder wann die nächste Fahrstuhl-Wartung fällig ist, reicht ein Blick ins Internet. Für den Autobauer hat sich der Conject-Einsatz deshalb bereits heute "um ein Vielfaches bezahlt gemacht."

Ein Kompliment, dass sich die Unternehmensgründer hart erarbeiten mussten. Als die Firma im Jahr 2000 an den Start ging, glaubte wohl kaum jemand so recht an den schnellen Erfolg.

Die Talfahrt der New Economy hatte gerade begonnen und an einem Internet-Investment wollte sich zu diesem Zeitpunkt niemand mehr die Finger verbrennen, schon gar nicht mit Softwarelösungen für die chronisch klamme Bauwirtschaft. Nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei den Geldgebern musste das 12-köpfige Gründerteam deshalb harte Überzeugungsarbeit leisten. "Ein paar Monate früher wäre das sicherlich einfacher gewesen", sagt Finanzvorstand Philip von Ditfurth. Der späte Start war aber auch der Weg zum Erfolg: "Wir konnten dadurch die typischen Startup-Fehler vermeiden". Statt Marketing und Vertrieb künstlich aufzublasen, konzentrierte sich die Gründer-Truppe auf das Kerngeschäft. Von Ditfurth und seine Kollegen feilten einfach so lange am Produkt, "bis wir besser waren als die Konkurrenz." Für das Marketing setzten die Münchner vor allem auf ihre früheren Geschäftskontakte. "Wir haben einen Unternehmensbeirat mit hochkarätigen Experten eingerichtet, die uns und unsere Arbeitsweise kannten", erklärt Elke Tonscheidt. "Gerade am Anfang waren das die besten Referenzen."

Das Konzept ist aufgegangen: Bereits nach zwei Jahren arbeitete Conject profitabel. Inzwischen gilt das Unternehmen als SAP der Immobilienbranche und die Projekte, die über die Internet-Plattform betreut werden, erreichen ein Milliarden-Volumen. "Insgesamt arbeiten über zwei Drittel der DAX-30-Unternehmen mit uns zusammen", sagt Tonscheidt.

In ein paar Jahren will die Firma selbst aufs Parkett, bis dahin aber noch mal kräftig wachsen. Bis Ende 2006 soll sich die Zahl der Mitarbeiter von 80 auf 160 verdoppeln. Nicht nur mit der "digitalen Bauakte" könnte das Unternehmen dann Geld verdienen, sondern überall dort, wo viele unterschiedliche Teilnehmer an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. "Selbst einen Bundestagswahlkampf könnte man damit managen", sagt Elke Tonscheidt. "Und da gibt es manchmal noch mehr zu koordinieren als auf dem Bau". Elke Tonscheid muss es wissen – vor ihrem Wechsel in die Bauwirtschaft, war sie stellvertretende Sprecherin der CDU.

Henryk Hielscher
Themen in diesem Artikel