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Teilzeit: "Wer teilt, gewinnt"

Das neue Teilzeitgesetz wird vom Arbeitsmarkt positiv aufgenommen. Immer mehr Arbeitnehmer arbeiten kürzer, teilen ihren Job mit anderen und legen größeren Wert auf Freizeit: »Ich will keinen Porsche. Ich will Lebenszeit«, lautet der neue Trend.

Nach gut zwei Jahren Teilzeitgesetz, fällt die Bilanz auf dem Arbeitsmarkt durchweg positiv aus. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat erheblich zugenommen: Viele Arbeitnehmer reduzieren ihre Arbeitszeit, Kollegen können im Betrieb gehalten werden, zusätzliche Mitarbeiter werden eingestellt, und unter dem Strich kann der Chef auf motiviertere Angestellte zählen. Arbeitnehmern bleibt der Weg in die Arbeitslosigkeit erspart. Teilzeitarbeit ist aus unserer modernen Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken.

Seit 1. Januar 2001 ist das so genannte »Gesetz über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge« in Kraft. Mit Hilfe dieses Arbeitsförderungsgesetzes will der Gesetzgeber seinen Beitrag für neue und sichere Arbeitsplätze leisten. Die Neuregelung hat zum Ziel, Teilzeitstellen zu fördern und die Diskriminierung von Teilzeitbeschäftigten abzubauen. Dabei gilt: Wo Vollzeitstellen in Teilzeitjobs umgewandelt werden, entsteht Mehrarbeit für die Kollegen und somit neue Arbeit.

Die Regierung hat damit auf neue Anforderungen im Arbeitsleben reagiert, denen sich große Teile der Wirtschaft als Folge des weltweiten Strukturwandels gegenüber sehen. Mit Hilfe von flexibleren Jobzeiten können Unternehmen nun besser auf den gestiegenen Wettbewerb reagieren, in dem sie ihre Arbeit effektiver organisieren und konjunkturelle Schwankungen betriebsgerecht auffangen. Wie unsere niederländischen Nachbarn vorgemacht haben, »ist der Anspruch auf Teilzeitarbeit der richtige arbeitsmarktpolitische Anstoß zur langfristigen Sicherung und Schaffung von Arbeit«, bestätigt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie von 2000.

Teilzeitstellen im Einklang der Sozialpartner


Im Mittelpunkt der Reform steht der gesetzliche Anspruch auf Teilzeitarbeit. Das bedeutet konkret, dass jeder Arbeitnehmer seine volle Arbeitszeit in eine Teilzeitbeschäftigung umwandeln kann. Die neuen Regelung zielt auf einen angestrebten Konsens zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, denn Teilzeitarbeit kann nur realisiert werden, wenn beide Sozialpartner zustimmen. Teilzeitarbeit wird folglich immer dann vereinbart, wenn der Angestellte eine kürzere Arbeitszeit wünscht und der Arbeitgeber keine betriebsbedingten Einwände hat. Die betrieblichen Gründe, den Anspruch auf Teilzeit abzulehnen, sind vielseitig und im Gesetzestext bewusst ungenau definiert: Die Sozialpartner sollen sich selbst mit Hilfe von Tarifverträgen einigen und gegebenenfalls branchenspezifische Erfordernisse mit einplanen. Keine Seite wird dadurch benachteiligt. Darüber hinaus verbietet das Gesetz, Teilzeitbeschäftigte im Vergleich mit anderen Kollegen zu diskriminieren. Schließlich soll Teilzeitarbeit keine Arbeit »zweiter Klasse« sein. Besonders in Bezug auf Karrierechancen, Lohn und Leumund sind Teilzeitbeschäftigte somit Vollzeitkräften gleichgestellt.

Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit (BA) bestätigt die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitsteilzeit hat sich gerade in der Praxis als flexibles Instrument der Personalpolitik etabliert. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass verkürzte Arbeitszeiten wirkungsvolle Effekte für die Beschäftigung mit sich gebracht haben. Bei drei Viertel der insgesamt 73.000 befragten Unternehmen wirkten sich kürzere Arbeitszeiten beschäftigungsförderlich aus: Zusätzliche Mitarbeiter wurden eingestellt, Entlassungen vermieden und Arbeitszeiten von Teilzeitbeschäftigten verlängert.

Familienfreundlich arbeiten

Laut IAB-Studie, wirkt sich Teilzeitarbeit aber auch positiv auf die Arbeitsproduktivität selbst aus. Sie rationalisiert Aufgaben oder verlagert sie auf mehrere Mitarbeiter, so dass neue Teilzeitjobs geschaffen werden. Bislang ist daher kein genereller Kostennachteil für die Unternehmen zu verbuchen, wie Arbeitgeberorganisationen fälschlicherweise zunächst angenommen hatten. Denn mögliche Mehrkosten, die bei der Ausweitung von Teilzeitarbeit entstehen können, werden regelmäßig durch ein Plus an Produktivität ausgeglichen. Immer mehr Arbeitgeber haben mittlerweile begriffen, dass Teilzeitarbeit nicht zusätzlich belastet, sondern im Gegenteil ihre Wettbewerbsfähigkeit steigert. Wer Arbeitszeiten flexibler gestaltet, sichert seinen Mitarbeitern ihr Einkommen. Das motiviert seine Mitarbeiter. Und bessere Motivation und Arbeitsqualität kommen letztlich dem Unternehmen selbst zugute. In westdeutschen Betrieben wurde in 92 Prozent aller Fälle dem Antrag auf Teilzeit entsprochen. In ostdeutschen Betrieben waren es sogar 96 Prozent.

Allein im vergangenen Jahr ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten um 320.000 auf 6,8 Millionen gestiegen. Damit wuchs die Teilzeitquote auf nunmehr 20,8 Prozent. Besonders Arbeitnehmerinnen nutzen vermehrt ihren Anspruch auf Arbeitsteilzeit. Fast 40 Prozent der angestellten Frauen arbeiteten 2001 teilzeitbeschäftigt. Männer machen bislang im Vergleich mit nur 5,2 Prozent weniger von der Möglichkeit auf kürzere Arbeitszeiten Gebrauch. Denn mit insgesamt 86,4 Prozent stellen Frauen den größten Teil der Teilzeitbeschäftigten. Und das hat seinen Grund: Es sind überwiegend Frauen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen und müssen. Die Teilzeitarbeit kommt ihnen dabei zugute. Mit Hilfe der Neuregelung sollen aber auch Männer dazu ermuntert werden, mehr für die Familie zu tun.

"Work-Life-Balance"


Aus der Wirtschaft selbst kommen hauptsächlich positive Reaktionen. Viele Unternehmen haben sich jetzt einen Namen gemacht, indem sie verstärkt auf Teilzeitarbeit und andere familienfreundliche Arbeitszeitmodelle setzen: Eltern können ihren Arbeitstag eigenständig gestalten und sich dadurch um ihre Kinder kümmern. Diese familienfreundlichen Arbeitszeitmodelle vereinbaren Beruf und Familie und fördern die Gleichstellung von Mann und Frau. Personalchefs stellen zudem fest, dass auch zunehmend Männer den Wunsch haben, ihre Arbeitszeit zu Gunsten des Privatlebens zu kürzen. Das Zauberwort heißt nun »Work-Life-Balance«.

Negativ sind hingegen Unternehmen aufgefallen, welche die Umwandlung einer Vollzeitstelle dazu genutzt haben, eine halbe Stelle wegfallen zu lassen oder die anfallenden Aufgaben ganz wegzurationalisieren. Immerhin in 19 Prozent aller Fälle nutzen Unternehmen Teilzeit zum Personalabbau. Dabei ist diese Tendenz im Westen stärker ausgeprägt als im Osten: »Offensichtlich können größere Unternehmen auf Grund vielfältiger personalpolitischer Optionen Arbeitszeitverkürzungen eher kompensieren als Kleinbetriebe«, berichtet die IAB-Studie.

Weitere Informationen bietet die Webseite des Arbeitsamtes.

Nicole Bockstaller

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