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Fußball-Nationalmannschaft: Teilzeitarbeit und Jugendwahn

Angesichts des bevorstehenden Mammutprogramms auf Club-Ebene hat Teamchef Rudi Völler den deutschen Fußball-Nationalspielern ein Schonprogramm verordnet.

Das bedeutendste Testspiel des Jahres wird doch nur zum Experimentierfeld für Teilzeitarbeiter: Angesichts des Ausfalls etlicher Leistungsträger und dem bevorstehenden Mammutprogramm auf Club-Ebene hat Teamchef Rudi Völler den deutschen Fußball-Nationalspielern am Mittwoch (21.30 Uhr/ARD) gegen Spanien ein Schonprogramm verordnet. "Ich möchte immer mit der besten Mannschaft spielen, aber in diesem Fall muss man auch Rücksicht auf die Vereine nehmen. Wir stehen am Anfang von unheimlich vielen englischen Wochen", sagte Völler 24 Stunden vor dem Anpfiff auf der Ferieninsel Mallorca.

"Das Ergebnis ist nicht so wichtig"

Deshalb dürfen sich bis auf Ersatzkeeper Jens Lehmann alle Spieler aus dem 18-köpfigen Aufgebot Hoffnungen auf einen Einsatz machen, im Duell des Vize-Weltmeisters beim Weltranglisten-Dritten eingesetzt zu werden. "Das Ergebnis ist nicht so wichtig. In solchen Spielen sollte man etwas testen", formulierte Völler seine Ansprüche, "viel wichtiger sind die Spiele danach, vor allem das nächste EM- Qualifikationsspiel gegen Litauen."

Gewinnt die National-Elf gegen Spanien?

Integration der Neulinge

Beim "Kapitäns-Dinner" bemühte sich Oliver Kahn demonstrativ um die Integration der Neulinge Benjamin Lauth, Tobias Rau und Hanno Balitsch. Trotzdem warnt der Team-Senior energisch vor einem Ausbruch des Jugendwahns rund um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. "Man sollte nicht übertreiben: Nicht jeder, der sechs gute Bundesligaspiele macht oder 10 Tore schießt, ist ein Hoffnungsträger für die Weltmeisterschaft 2006. Das ist mir alles zu extrem. Spieler, mit denen man Weltmeister werden kann, sind keine 18- oder 19-Jährige, sondern Spieler, die in ihrem Leistungszenit stehen", bremste der 33 Jahre alte Nationaltorhüter vor dem Testspiel gegen Spanien die Erwartungen an Jungstars wie Lauth und Rau.

"Mei, bin ich schon alt!"

Beim Abendessen im Mannschafts-Quartier hatte DFB-Teamchef Rudi Völler die drei Debütanten extra am Tisch des Kapitäns platziert, der spontan dachte: "Mei, bin ich schon alt!" Kahn weiß aus eigener Erfahrung, wie groß der Respekt der Jungen vor den Etablierten ist. "Ich habe mich früher immer sofort auf mein Zimmer verkrochen", berichtete er am Dienstag über seine Anfangszeit 1993 im Kreise des Nationalteams. Auch er war dankbar für Hilfe von etablierten Stars wie Völler. "Lothar Matthäus hat sich, wenn er mal Zeit hatte, auch um die Integration bemüht", meinte Kahn mit einem Schmunzeln.

Jetzt muss er als Kapitän die Rolle des "Paten" übernehmen, indem er mit den Stars von Morgen spricht und ihnen Hilfestellung gibt. "Ich habe aber kein Handbuch für die Integration junger Spieler. Ich lasse mich intuitiv leiten", sagte Kahn, der einen "gewissen Respekt" beim Nachwuchs spürt.

Völlersche Talentförderung

In Völler haben die endlich wieder vorhandenen Talente einen großen Förderer, bekommen aber keinen Freibrief. "Sie sind nicht hier, weil sie jung sind, sondern weil sie es sich verdient haben", betonte der Teamchef, der jedoch großzügig Vorschusslorbeer an die Debütanten Rau und Lauth verteilte. "Lauth ist der Prototyp eines Stürmers, wie wir sie in Deutschland lange nicht mehr hatten", pries er den 21 Jahre alten "Löwen"-Torjäger in den höchsten Tönen.

"Benny Bomber"

Lauth bringt alles mit: Er ist jung, dynamisch, mode- und selbstbewusst, kurzum: voll im Trend. "Ich habe die Messlatte schon hoch gesteckt, aber das war kein Zufall. Ich weiß, was ich kann", stellte "Benny Bomber" sein großes Selbstvertrauen auf Mallorca selbstbewusst zur Schau. Nach seinem "Tor des Jahres" im Flutopfer- Benefizspiel der Nationalmannschaft kurz vor Weihnachten will sich der zehnfache Saison-Torschütze am "Ballermann", weiter in der Vordergrund ballern.

Der ebenfalls 21-jährige Rau verkörpert einen anderen Typ der neuen Generation, gleichfalls selbstbewusst, aber getreu seiner Position als linker Verteidiger auch in der Wortwahl eher defensiv ausgerichtet. Der Entschluss des Noch-Wolfsburgers, schon im Sommer das Wagnis FC Bayern einzugehen, imponiert Kahn sowieso mehr als flotte Sprüche: "Ich ziehe den Hut vor einem jungen Spieler, der mutig genug ist, diesen Konkurrenzkampf mit lauter Top-Stars anzunehmen."

"Sonneneffekt"

Mit den gegenüber dem Vortag deutlich höheren Temperaturen in Palma de Mallorca stieg auch das Stimmungsbarometer bei den deutschen Spielern. Kapitän Oliver Kahn machte gar einen "Sonneneffekt" bei sich und seinen Kollegen aus - die Aussichten aber sind eher trübe. Behält der Wetterbericht recht, müssen sich die deutschen Spieler und die rund 5000 erwarteten deutschen Fans im "Auswärts-Heimspiel" auf ein Regenduell einstellen.

Spaniens Top-Niveau

"Für uns ist es wichtig, dass wir uns mit den besten Mannschaften der Welt messen. Die Spanier haben absolutes Top-Niveau", urteilte Kapitän Oliver Kahn über den ersten Gegner des Jahres. Wichtiger Bestandteil ist die Integration der Neulinge, die Kahn sogleich in die Pflicht nahm. "Junge Spieler sind nötig, um das Gesicht einer Mannschaft zu ändern. Aber auch sie müssen erst einmal zeigen, dass sie die internationale Klasse besitzen, die man von ihnen erwartet", warnte der Welttorhüter des Jahres vor einem Jugendwahn im deutschen Fußball: "Die Jungen müssen sich erst einmal international die Hörner abstoßen."

Signalwirkung

Völler erhofft sich gegen den namhaften Kontrahenten, der aber bis auf einen EM-Titel keinen bedeutenden Erfolg aufzuweisen hat, eine ähnliche Signalwirkung wie beim letzten Aufeinandertreffen vor zweieinhalb Jahren. Der damalige 4:1-Erfolg in Hannover war der Beginn der Ära Völler und der Anfang einer Erfolgswelle, die das deutsche Team bis ins WM-Finale von Yokohama spülte. "Der damalige Sieg war für die Grundstimmung ganz wichtig", erinnerte sich Völler. Diesmal werden weit weniger Fans Notiz nehmen vom Auftritt der DFB- Auswahl. Dafür sorgt allein schon die späte Anstoßzeit um 21.30 Uhr. Schuld daran, so DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, sei das spanische Fernsehen, das auf eine Übertragung nach den 21-Uhr- Nachrichten bestanden habe.

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