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Sozialunternehmen Lemonaid Trinkend die Welt verändern

(von rechts) Lemonaid-Gründer Paul Bethke, Jakob Berndt und Felix Langguth. "Es geht nicht darum, irgendwann einen großen Bentley zu fahren, sondern darum, schöne, soziale Projekte unterstützen zu können und etwas möglichst Sinnvolles zu machen“, sagt Jakob Berndt.
(von rechts) Lemonaid-Gründer Paul Bethke, Jakob Berndt und Felix Langguth. "Es geht nicht darum, irgendwann einen großen Bentley zu fahren, sondern darum, schöne, soziale Projekte unterstützen zu können und etwas möglichst Sinnvolles zu machen“, sagt Jakob Berndt.
© Steffi Zepp /Lemonaid
Wenn frischer Saft aus fairem Handel den Schwächsten aus Schwellenländern auf die Beine hilft. Ein Besuch bei den Hamburger Sozialunternehmern Lemonaid.
Von Simone Deckner

In der TV-Gründer-Show "Die Höhle der Löwen" wären sie vermutlich zerrissen worden. Jochen Schweizer hätte seine Stirn in Falten so tief wie Ackerfurchen gelegt und sehr besorgt geguckt. Frank Thelen hätte etwas von "naiv" gezischt. Die Unternehmer wären sich einig gewesen, dass die Idee, eine Firma zu gründen, deren Ziel es nicht ist, möglichst schnell Gewinne einzufahren und die Gründer steinreich zu machen, eine Schnapsidee ist.

Politisch korrekt trinken

Paul Bethke, Jakob Berndt und Felix Langguth haben diese Firma gegründet. Die Hamburger verkaufen Limonade, Eistee und demnächst auch lose Tees, aber in erster Linie eine Idee: nämlich die, dass man auch politisch korrekt konsumieren kann. Sozialunternehmer wie sie wollen eine gesellschaftspolitische Mission erfüllen. Das klingt genau so anspruchsvoll, wie es gemeint ist. "Es geht nicht darum, irgendwann einen großen Bentley zu fahren, sondern darum, schöne, soziale Projekte unterstützen zu können und etwas möglichst Sinnvolles zu machen", sagt Jakob Berndt.

Berndt, millimeterkurze Haare, große Brille, aufmerksamer Blick sitzt in seinem Büro auf St. Pauli. Früher überlegte er sich als Kommunikationsstratege für die Werbeagentur Jung von Matt, wie Unternehmen ihre Botschaft am besten an den Kunden bringen können. Eine Arbeit, in der er jedoch "nie ganz aufgegangen" sei, sagt er. "Ich war jetzt aber auch nicht der Werber, der koksend 80 Stunden die Woche Projekte gepitched hat und dann plötzlich eine Sinnkrise bekommen hat. Also, ... nicht ganz", sagt Berndt und lacht. Aber als sich sein alter Schulfreund Paul Bethke vor sieben Jahren  mit einer Idee für ein etwas anderes Unternehmen meldete, ging alles ganz fix.

 Den Menschen eine Perspektive geben

Bethke, jungenhafter Typ, ruhige Ausstrahlung, hatte gerade einen gut dotierten Job gekündigt. Er war als Entwicklungshelfer für die Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit nach Sri Lanka gegangen. Schon als Schüler hatte er dort für ein Jahr bei einer einheimischen Familie gelebt. Dieses Mal aber stieg er im noblen Hilton Hotel ab, wurde zu Meetings in schicke Restaurants geladen und in großräumigen Jeeps durch das bitterarme Land chauffiert. "So einen Lebensstil hatte ich noch nie und das, obwohl ich als 'Sozialarbeiter' da war", ärgert sich Bethke auch Jahre später noch. Die Diskrepanz zwischen dem Anspruch zu helfen und dem Luxusleben als Helfer sei enorm gewesen, sagt er. Weil er kein Teil dieses "Apparats" mehr sein wollte machte er einen harten Schnitt. Den Menschen im Land eine Perspektive geben, so seine Überzeugung, müsse anders gehen. Besser. Nachhaltiger. Sinnvoller.

Jedes Jahr fährt eine Gruppe aus dem Lemonaid-Team von Hamburg zu den Kooperativen vor Ort. Vergangenes Jahr waren sie in Südafrika Rooibos ernten. Ein Knochenjob bei 40 Grad in der glühenden Sonne.
Jedes Jahr fährt eine Gruppe aus dem Lemonaid-Team von Hamburg zu den Kooperativen vor Ort. Vergangenes Jahr waren sie in Südafrika Rooibos ernten. Ein Knochenjob bei 40 Grad in der glühenden Sonne.
© Albert Retief / Lemonaid

„Aus Mitleid kauft keiner Lebensmittel“

Das Grundkonzept für LemonAid hatte der heute 35-Jährige schon damals im Kopf. Zuerst waren die Namen da: LemonAid und ChariTea. Sprechende Namen (das englische aid heißt übersetzt Hilfe, charity bedeutet Nächstenliebe), die mit ihrem Ansinnen elegant in die Tür fallen. Dabei sei er "überhaupt kein Limonadenexperte" gewesen, sagt der gelernte Volkswirt. Aber er bewies einen guten Riecher für Märkte und Nischen. Die Limonade, die als Vorbild für LemonAid dient, gibt es in Sri Lanka an jeder Ecke zu kaufen.

 Dass in Deutschland damals mit Bionade auch eine Limonade ihren Siegeszug durch die Trendkneipen begann, hatte Bethke als Schüler in Sri Lanka gar nicht mitbekommen. Auch Fritz Cola sei damals noch ganz klein gewesen, erinnert er sich. "Die haben mich aber gar nicht interessiert, weil das irgendeine Zuckerbrause war, die ich nicht lecker und nicht schön fand."

 Bethke wollte eine Limo, die wie hausgemacht schmeckt. Aber ohne Tricks aus der Lebensmittelchemieküche: Direktsaft aus frisch gepressten Limetten, Rohrzucker und ein wenig Wasser, mehr nicht. Monatelang tüftelten sie am exakten Mischverhältnis: "Das muss schon schmecken, aus Mitleid kauft keiner Lebensmittel", so Bethke.

Bio allein reicht nicht

Die Rohstoffe sind zudem Fair Trade-zertifiziert und Bio. "Bio ist gut", sagt Bethke, "aber in meinen Augen muss danach automatisch die Frage kommen: 'Was ist eigentlich mit den Leuten auf dem Feld?'" Deshalb beziehen sie die Rohwaren für ihre Getränke bei unabhängigen Kleinbauern-Kooperativen in den Erzeugerländern. Es gehe darum, den Menschen vor Ort eine langfristige Perspektive zu bieten. Jedes Jahr fährt eine Gruppe aus dem Team von Hamburg zu den Kooperativen vor Ort. Vergangenes Jahr haben sie gemeinsam mit den Arbeitern in Südafrika Rooibos geerntet, bei 40 Grad in der gleißenden Sonne, erzählt Jakob Berndt. "Entwicklungszusammenarbeit soll nicht bloß ein Buzzword sein, dass wir auf irgendwelche Flipcharts schreiben", formuliert es Berndt. Und sagt dann, dass sich die Bauern schon wundern, wenn da plötzlich ein Haufen junger Leute mit "Trinken hilft"-T-Shirts aufkreuzen. "In Ruanda auf den Plantagen war vor uns noch nie ein Kunde", sagt Bethke.

Die Schulen und Kantinen sensibilisieren

Dass der Preis für ihre Limonaden und Tees deshalb etwas teurer ist (zwischen 1,50 und 2 Euro im Laden) als für konventionell hergestellte Getränke, nehmen sie in Kauf. "Das liegt ja in der Natur der Sache", sagt Berndt, "man bekommt am Ende des Tages ja auch ein besseres Produkt." Die Kritik, dass nur Besserverdiener und Großstädter mit Ökogewissen sich leisten könnten, trinkend die Welt zu verbessern, kennen sie. Berndt verneint und entgegnet, dass sie mit ihrer Idee, die Kleinbauern zu stärken, jetzt auch in Bereiche vordringen, die vorher nicht sonderlich für solche Themen sensibilisiert waren: in Betriebskantinen, Schulen oder auf Musikfestivals etwa.

Der LemonAid & ChariTea-Verein erhält von jeder verkauften Flasche fünf Cent und unterstützt damit soziale Projekt in den Erzeugerländern. Etwa die Schule in Sri Lanka, an der Tamilen und Singhalesen Seite an Seite lernen.
Der LemonAid & ChariTea-Verein erhält von jeder verkauften Flasche fünf Cent und unterstützt damit soziale Projekt in den Erzeugerländern. Etwa die Schule in Sri Lanka, an der Tamilen und Singhalesen Seite an Seite lernen.
© Jonas Hasselmann / Lemonaid

Die LemonAid-Chefs benutzen häufig das Wort "Herzensangelegenheit", wenn sie über ihr Unternehmen sprechen. Seit 2010 gibt es den LemonAid & ChariTea-Verein. Der erhält von jeder verkauften Flasche 5 Cent und unterstützt damit soziale Projekt in den Erzeugerländern. Etwa die Schule in Sri Lanka, an der Tamilen und Singhalesen Seite an Seite schreinern, maurern und Kfz-Technik lernen, und so eine Alternative zur Arbeit auf dem Feld erhalten. Oder das Projekt in Südafrika, das Mini-Solaranlagen verteilt, damit die Familien im Dorf unabhängiger von der Stromversorgung werden. Insgesamt hat der Verein seit Bestehen rund 1,2 Millionen Euro verteilt.

Nicht bloß ein Job, eine Herzensangelegenheit

Trotzdem seien sie weit entfernt davon, jetzt die Hände in den Schoß legen zu können. Daran änderten auch "die paar Pokale" nichts, sagt Paul Bethke und meint damit Auszeichnungen wie den Deutschen Gründerpreis, den LemonAid diesen Sommer erhielt. Mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen sie mittlerweile, eine bunte Truppe Überzeugungstäter. "Das totale Familiending, fast wie eine Sekte", scherzt Bethke.

Im vergangenen Jahr haben die Freunde, die immer an den Erfolg ihrer Idee geglaubt haben, 8 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Die Welt war bereit für ihre Idee. Es habe schon Anrufe gegeben, bestätigen die Zwei, von "Firmen, bei denen niemand weiß, wer da eigentlich hinter steht." Ihre Herzensangelegenheit an einen Global Player verkaufen, so wie es einst Bionade tat? Die Frage scheint fast beleidigend zu sein für die Gründer. "Wir wollen das Projekt, was wir geschaffen haben, in den nächsten Jahren weiter nach vorn treiben", sagt Paul Bethke. Jakob Berndt nickt. "Wir ticken so anders als diese Konzernen und verfolgen so unterschiedliche Werte und Interessen, dass es überhaupt keinen Sinn ergeben würde, sich an einen Tisch zu setzen." Er sieht sehr zufrieden aus, als er das sagt.


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