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Landwirtschaft: Aldi-Erben kaufen Ackerland in Ostdeutschland – die Bauern ärgern sich

Die Aldi-Familie hat ein großes Stück Agrarland in Ostdeutschland gekauft – das zweite innerhalb weniger Monate. Das gefällt manchen Bauern überhaupt nicht. Sie klagen über explodierende Bodenpreise und einen Ausverkauf des Ostens.

Ackerland in Brandenburg

Ackerland in Brandenburg

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Wenn schon der normale Sparer über Nullzinsen klagt, was sollen dann erst die Superreichen sagen? Wie soll man sein Milliardenvermögen heutzutage nur anlegen, damit es nicht an Wert verliert, sich am besten sogar noch vermehrt? Die Aldi-Erben haben darauf offenbar eine Antwort gefunden, die ihren Vermögensdimensionen entspricht: Sie investieren in Grund und Boden – aber nicht in München oder Berlin, sondern auf dem ostdeutschen Land. Und weil der Quadratmeter dort etwas günstiger ist, kaufen sie gleich ganze Landstriche auf.

So wurde vor wenigen Tagen bekannt, dass die Firma Boscor, die zur Lukas-Stiftung der Aldi-Nord-Familie gehört, einen großen Agrarbetrieb in Sachsen gekauft hat. Rund 1500 Hektar soll die Scholle groß sein, die Boscor dem früheren Bauernpräsidenten Thüringens, Klaus Kliem, abkauft - das entspricht in etwa der Fläche von 2000 Fußballfeldern. Ein bemerkenswert großes Stück Land.

Zumal sich die Aldis erst Ende Juni einen noch größeren Landstrich in Sachsen-Anhalt einverleibt hatten: die Agrargenossenschaft Kayna, die laut Recherchen der "taz" rund 2000 Hektar Land bewirtschaftet. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Größe eines Agrarbetriebes in Sachsen-Anhalt liegt bei 270 Hektar, im Rest der Republik sind es sogar noch deutlich weniger.

Boscor-Geschäftsführer Constantin Freiherr von Reitzenstein bestätigte, dass es sich bei dem Landkauf um eine private Investition der Albrechts handle. "Mit dem Discounter Aldi hat das nichts zu tun und wir beliefern auch nicht Aldi", sagte von Reitzenstein der "Mitteldeutschen Zeitung". Boscor bewirtschafte in ganz Deutschland Wälder und Äcker.

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Kritik an Großinvestoren

Dass die Albrechts unter die Bauern gehen, findet nicht jeder gut. "Wenn ein Discounter wie Aldi auf Einkaufstour geht, werden zukünftig weder heimische Landwirte noch die Verbraucher oder die Bienen etwas zu lachen haben", fürchtet etwa Michael Grolm, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland (AbL). Der Präsident des Deutschen Bauernbundes Kurt-Henning Klamroth hatte im vergangenen Jahr bei einem ähnlichen Fall erklärt, "nicht finanzstarke Investoren, sondern Bauern sollten Betriebe und Ackerboden erwerben". Und der Präsident des Bauernbundes Brandenburg, Marco Hintze, beklagt, "dass jetzt eine der reichsten Familien Deutschlands bis zum letzten Hektar vom Staat mit Steuergeldern vollgepumpt wird".

Schließlich sind große Agrarbetriebe die größten Profiteure der Milliarden-Subventionen aus dem EU-Agrarhaushalt. Hintze, selbst Landwirt im Havelland, fordert daher eine Kappung dieser Subventionen für Großbetriebe. "Wenn Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner einen Rest an Verantwortungsbewusstsein hätte, würde sie sich bei den Verhandlungen über den EU-Agrarhaushalt dafür einsetzen, dass Fördermittel nur noch bis zu einer betrieblichen Obergrenze und nur noch an ortsansässige Bauern ausgezahlt werden".

Bodenpreise steigen rasant

Kritiker beklagen schon seit Längerem einen Ausverkauf des ostdeutschen Ackerlandes an ortsfremde Investoren. So bewirtschaftet etwa die Familienstiftung der Bremer Baudynastie Zech seit 2016 rund 20.000 Hektar im Berliner Umland. Der Versicherungskonzern Munich Re hat ebenfalls in Brandenburg großflächig zugeschlagen. Und die Familie von Stefan Heinig, Gründer des Textildiscounter Kik, besitzt 60 Hektar in Mecklenburg-Vorpommern.

Laut einer Studie des Thünen-Instituts gehörten Anfang 2017 bereits 34 Prozent von 853 untersuchten Agrarunternehmen in Ostdeutschland ortsfremden Großinvestoren. Zehn Jahre zuvor waren es nur 22 Prozent gewesen. Als Hauptgrund für die Nachfrage nach Agrarland durch Investoren nannte Studienautor Andreas Tietz bereits 2017 in der "taz" das "niedrige Zinsniveau für ähnlich wertstabile Anlagealternativen".

Der Run von Investoren auf Agrarland in Ostdeutschland ist so groß, dass die Bodenpreise in den vergangenen Jahren sogar wesentlich stärker gestiegen sind, als in den Großstädten, in denen immer über Wohnungsspekulanten geschimpft wird. Zwischen 2005 und 2018 stiegen die Kaufpreise für Agrarland laut Statistischem Bundesamt in Sachsen und Sachsen-Anhalt um rund 240 Prozent, in Bandenburg um 324 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern um 383 Prozent. Mit so einer Preissteigerung kann selbst München nicht mithalten: Dort verteuerte sich Bauland zwischen 2007 und 2017 nur um 140 Prozent.

Quellen: taz / Bauernbund BrandenburgBauernstimme / Mitteldeutsche Zeitung