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Aldi-Shitstorm Billigfleisch vom Discounter: Fleischermeister erklärt, was ein gutes Steak kosten muss

Holger Buss ist Fleischermeister
Holger Buss ist Fleischermeister, Berufsschullehrer und Obermeister der Fleischerinnung im hessischen Wetteraukreis
© Getty Images/privat
Ein 600-Gramm-Steak bei Aldi für 1,99 Euro erhitzte auf Facebook 2017 die Gemüter. Fleischermeister Holger Buss erklärt, warum das gleiche Stück Fleisch bei ihm sieben Euro kostet - und warum es das wert ist.

Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 30. Mai 2017. Zum Jahresrückblick spielen wir die beliebtesten Artikel in loser Reihenfolge bis zum Ende des Jahres.

Wer ab und zu die Kühltheke der Discounter abläuft, kennt den Anblick: Abgepackte Fleischberge zu teilweise pervers niedrigen Preisen. Als Aldi Süd kürzlich ein 600-Gramm-Steak für nur 1,99 Euro im Angebot hatte, wurde es einem Kunden zuviel. Mit drastischen Worten geißelte Facebooknutzer Dominik Boisen den "verantwortungslosen" Preis, zu dem Aldi sein "Antibiotika-Schnitzel" verramsche.

Die Facebook-Tirade ging viral - auf der Facebookseite von Aldi entbrannte eine emotionale Billigfleisch-Debatte. Aldi Süd verweist auf seine "schlanken Strukturen", die es erlaubten, solche Preise anzubieten. Zudem habe man sich dem Tierschutz über die "Initiative Tierwohl" verpflichtet - die allerdings von Tierschützern und den Verbraucherzentralen zum Teil scharf kritisiert wird.

Lokale Fleischwirtschaft statt Massenproduktion

Auch Fleischermeister Holger Buss fragt sich, wie man zu dem Preis ein vernünftiges Stück Fleisch anbieten kann. Buss ist Obermeister der Fleischerinnung im hessischen Wetteraukreis. Das Fleisch für seinen Metzgerladen bezieht er bei örtlichen Bauern, teilweise schlachtet er die Tiere noch selbst. Ein 600-Gramm-Nackensteak, wie es bei Aldi für 1,99 Euro angeboten wurde, würde in seinem Laden etwa sechs bis sieben Euro kosten. "Tierschutz ist nur machbar, wenn der Kunde bereit ist, dafür zu zahlen", sagt Buss.

Die lokale Wertschöpfungskette, von der Buss berichtet, hat nichts zu tun mit der Massenproduktion eines Discounters wie Aldi. "Mein Bauer ist drei Kilometer weg, da weiß ich, dass die Tiere vernünftig großgezogen werden", sagt Buss. "Der hat auch keine 100 Angestellten, die für den Mindestlohn arbeiten. Da kümmert sich die Familie des Bauern noch selbst um die Tiere." Dreistöckige Viehtransporte über die Autobahn gebe es bei ihm nicht, erklärt Buss. Außerdem sei es wichtig, sich beim Schlachten genug Zeit für die Tiere zu nehmen. "Wenn man das Tier ruhig behandelt, sodass es nicht gestresst ist, schmeckt auch das Fleisch besser."

Der Kilopreis, den Buss seinem Bauern für eine Schweinehälfte zahlt, liegt je nach Saison bei 2,20 bis 2,50 Euro. Und das inklusive Haut, Knochen und Kopf - ein Riesen-Steak für 1,99 Euro lässt sich daraus nicht schneiden. "Wenn mein Bauer vernünftiges Geld kriegt, kann er mir auch eine vernünftige Qualität liefern." So einfach ist das für Holger Buss. 

Mit dem Grillen ist es wie in der Liebe: Nur wer sanft genug mit dem Fleisch umgeht, der bekommt am Ende wirklich den vollen Genuss. Alles, was Sie dazu brauchen, sind Steaks, Senf - und Sonne.
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Bezug zu den Tieren verloren

Das Problem an der modernen Fleischwirtschaft sei, dass die Menschen jeden Bezug zu den Tieren verloren hätten, meint Buss. Seinen Kindern soll es da anders gehen. "Meine Kinder kennen die Schweine, die sie essen, noch mit Namen", berichtet Buss. "Jedes Kind hat sein eigenes Schwein, das wird ein Jahr lang großgezogen und dann geschlachtet." Auch die Kinder des Schwagers, sechs und zwölf Jahre alt, machen mit. "Die Kinder kümmern sich in ihrer Freizeit um die Schweine und behandeln sie gut - und am Ende gibt es ein paar leckere Steaks." So lernten die Kinder Wertschätzung gegenüber dem, was sie essen, ist Buss überzeugt.

In den Ferien kommen immer wieder mal Kinder aus der Stadt in Buss' ländliche Welt. Dort können sie dann ihre vom städtischen Umfeld geprägten Vorstellungen mit der Bauernhof-Realität abgleichen. Mit teils kuriosen Ergebnissen, wie Buss berichtet. "Ich wurde ernsthaft schon gefragt, wo die lila Kuh ist." 


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