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Allianz-Chef Diekmann: "Ich bin ein Pferdeflüsterer"

Als neuer Vorstandsvorsitzender der Allianz ist Michael Diekmann einer der mächtigsten Männer der deutschen Wirtschaft. Nun muss der einstige Globetrotter, Langzeitstudent und Klinkenputzer zeigen, dass er einen Weltkonzern aus der Krise führen kann.

Das Locken in dieser Stimme wird man sich merken. Auch die westfälischen Dialektkanten, die sich der Mann nicht abschleifen wollte. Wie er sein Gegenüber mustert - mit freundlich verschlossenem Samuraiblick. Wie er die Stille aushält und wartet, ob der andere schwach wird. Wie oft hat er seine Überzeugungskunst getestet! Und immer ging es darum, ob sein Gegenüber die Police unterschreibt oder ihn abblitzen lässt und die Chance vertan ist, einen neuen, zahlungskräftigen Kunden an Land zu ziehen.

Michael Diekmann,

48 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Töchter und eines Sohnes, ist Versicherungsvertreter. Kein gewöhnlicher. Klinken braucht er nicht mehr zu putzen, so wie 1988, als er bei der Allianz anheuerte und sich im Hamburger ärmlichen Mümmelmannsberg in fremde Wohnzimmer klingeln musste. "Der hatte da überhaupt keine Hemmungen", sagt Ulrich Schmidt, damals Chef der Zweigniederlassung Hamburg. Heute wiederum bläut Diekmann seinen Management-Anwärtern ein: "Diese psychologische Situation, eine Unterschrift zu bekommen, muss man durchlebt haben." Eine Erfahrung, darauf legt er Wert, die ihn auch im Zenit seiner Karriere begleitet.

In dieser Woche

hat ihn die Hauptversammlung der Allianz zum Vorstandschef gewählt. Ein Akt, der eine kleine Ewigkeit besiegelt. Gab es doch in der 113-jährigen Geschichte des Hauses bisher erst acht Oberhäupter. Der Neunte, Diekmann, ist seit Dezember auserkoren. Von Henning Schulte-Noelle persönlich, dem langjährigen Übervater der Deutschlandlenker. Jetzt steht Diekmann im Rampenlicht: linksgescheitelt, mit altmodisch großer Goldrandbrille. Um den Mund häufig ein vieldeutiges Lächeln, amüsiert und ein bisschen zynisch. Seine Haut ist gegerbt wie die eines Jungbauern. Wenn ihn der Stress übermannt, hackt er Holz auf seinem voralpenländischen Anwesen. Seine 1,90 Meter stellt er am liebsten in robuste, handgemachte Budapester, die Sohlen mit doppeltem Zwirn gesichert. So einem möchte man die Schaufel in die Hand drücken, im Vertrauen darauf, dass er auch an Schwielen seine Freude hat.

Er wird zupacken müssen. Denn die Allianz hat an Autorität und Glanz verloren. Eine "Baustelle" sei es, behauptet Unternehmensberater Roland Berger und steht damit nicht allein. Diekmann geht die Sanierung sibyllinisch an, sagt, "ich bin ein Pferdeflüsterer". Im Globalisierungsrausch verleibten sich die Assekuranzler ein, was zu bekommen war. Über 100 Einzelgesellschaften in 70 Ländern hält die Holding, hat 60 Millionen Kunden und trägt Verantwortung für 180.000 Mitarbeiter.

Aber zerknirscht

und mitgenommen wirken "die Bonzen", wie die Herren des Vorstands hausintern heißen, als sie Ende März vor der Presse Bilanz ziehen: Erstmals seit 1949 ist die Allianz in die roten Zahlen gerutscht, und das gleich mit 1,2 Milliarden Euro. Die Akquisition der Dresdner Bank mutierte zum Albtraum; beim "Fireman's Fund" in den USA stehen hohe Asbestrückstellungen in den Büchern; dazu der Sturz der Kapitalmärkte: Zwischen April 2000 und März 2003 verlor der "gefallene Riese" über 90 Milliarden Euro an Börsenwert.

Was Wunder,

dass auch Diekmann schmaler geworden ist in den letzten Monaten, als er in einer Ochsentour quer über die Kontinente die wichtigsten Gesellschaften heimsuchte. Mit der Botschaft: Diekmann, der neue Besen, werde Verlustbringer oder schwächelnde Renditekandidaten schonungslos ausfegen. "Ich bin in turbulenten Zeiten in meine Stiefel gewachsen", vertraut er einem Freund an.

Vor der Presse hält er sich wacker, bleibt ganz am Wortlaut des Manuskripts. Nur die pathetische Floskel "Wir befinden uns auf großer Fahrt bei rauer See" will ihm nicht über die Lippen gehen. Entrümpelung, auch beim Redenschreiber, ist angesagt. "Diekmann ist noch wie eine Knospe", kommentiert ein PR-Profi. Man darf gespannt sein, wann und wie sie aufgeht. Denn Imagekontrolle gehört zur obersten Maxime der "Power on your side", wie der Versicherer heute für sich wirbt. Vorbei die Zeit der Liedchen vom "schönsten Augenblick" und dem "festen Bündnis mit dem Glück".

Die Bonzen

sind eingeschworene Gralshüter, ein Männerclub, der hinter verschlossenen Türen bolzt. Umso mehr verwundert, dass Diekmann sich nicht scheut, Finanzmann Paul Achleitner, der von der Presse stets als möglicher Imperator gehandelt wurde und den er unbedingt in seinem Team halten will, öffentlich über den Mund zu fahren. Einen Journalisten, der salopp nach der neuen Linie fragt, blafft er an. Ein Vorgeschmack auf den neuen Stil? "Schulte-Noelle ist Diplomat, Diekmann ist Bauchmensch. Er kann sehr ungeduldig und aufbrausend sein", erklärt einer, der mit ihm gearbeitet hat. Und der Boss eines Dax-Unternehmens, an dem die Allianz beteiligt ist, erläutert anerkennend: "Diekmann ist konsequenter als Schulte-Noelle; der kann im Interesse des Ganzen harte Entscheidungen im Einzelfall treffen."

Woher kommt

dieser Mann, der von sich sagt: "Ich bin sturer Westfale und Steinbock"? In seinem Umfeld kursieren Mutmaßungen, er sei armer Leute Kind: "Er hat diese modischen Geschmacksverirrungen; einer aus gutem Hause saugt doch schon mit der Muttermilch ein, was man wie trägt." Oder: "Man hat das Gefühl, jemand sagt ihm: Langsam musst du auch in die Oper gehen." Dabei hätten die Diekmanns mühelos die Oper aufkaufen können. Der Vater, Ingenieur, hatte das Familiengeschäft in Bad Salzuflen in zweiter Generation geerbt und baute mit einhundert Mitarbeitern Brücken und Autobahnen. Michael, der einen Zwillingsbruder hat und seit Tag eins seines Lebens an Konkurrenz gewöhnt ist, sowie die jüngere Schwester wuchsen in kleinstädtischer Harmonie auf.

"Wir wollten keine Weichlinge heranziehen", erläutert der Senior die häusliche Pädagogik. Immer haben sich die Diekmanns gestählt: am Sport, in der Natur, am Tüchtigsein schlechthin. Heute genießen sie den Lebensabend in einem malerischen Gebirgsdorf im deutschen Süden. "Geld ist für uns nie ein Maßstab gewesen, wir sind immer auf dem Boden geblieben." Im zarten Alter von zehn Jahren kamen die Kinder in ausgewählte Internate, weil sie selbstständig werden sollten, auch "frei, liberal und leistungsbezogen". Die Brüder ins "Landschulheim am Solling" im Weserbergland, das alles für die kreative Entwicklung bietet: Musenscheune, Werkstätten, naturwissenschaftliche Förderung, Sporteinrichtungen; Natur pur nebst Pferden, Ponys und Schafen. Nur preußischer Untertanendrill war tabu. Ganz sicher liegt es auch an dieser Erziehung, dass Diekmann nichts auf Obrigkeitsdünkel gibt. Im Allianzvorstand, dem er seit fünf Jahren angehört, monierte er immer wieder "die traditionelle deutsche Beamtenhierarchie, die nach wie vor im Unternehmen zu finden ist". Verlangt flache Strukturen, schnelle Entscheidungen, einen modernen Konzern; vor allem Verjüngung. Da er aber die Firmenpolitik der letzten Jahre mitverantwortet, ist er schlau genug zu konzedieren, dass er selbst Teil des Systems ist, das nun neu überdacht werden muss.

Nicht, dass

der Neue umstritten wäre, aber es gab noch einen anderen Königsanwärter, Vorstandskollege Werner Zedelius, 45. Auch er ein Allianzler von der Klinke auf, obendrein ehemaliger Vorstandsassistent von Schulte-Noelle. Diekmann, der sich darüber im Klaren war, reagierte noch vor zwei Jahren auf die Frage "Können Sie sich vorstellen, Nachfolger zu werden?" mit taktisch entschiedenem Nein und - Samuraiblick.

Nun ist der

"Staffelstab" übergeben, und die See ist wirklich rau, um in der Diktion Schulte-Noelles zu bleiben, der den Kurs des Riesendampfers Richtung Eisberg verantwortet. Aber ins Austragshäuserl will er deswegen keinesfalls, sondern über den Vorsitz des Aufsichtsrats künftig den Neuen überwachen. Dass der sich nicht dagegen auflehnen kann, ist klar, verdankt er ihm doch den Job. Aber er ist mit einigen Wassern gewaschen. "Bei Stromschnellen nie den Karten trauen", riet er 1982, gemeinsam mit Freund Florian Thieme, auch ein Sohn aus gutbürgerlichem Haus, in "Wildnis privat". Die beiden Studenten paddelten mit dem Kanu durch Kanada, hungrig nach Natur und dem "Bedürfnis, den 'puren Menschen' in uns zuzulassen". Weil sie sich ihre Informationen mühsam zusammentragen mussten, glaubten sie, auf eine Marktlücke gestoßen zu sein, und schrieben kurzerhand einen Reiseführer. Inklusive Semmelrezept und Tricks im Umgang mit Wolf und anderem Wildgetier. "Das Ausnehmen von Fischen nie in unmittelbarer Nähe des Lagerplatzes erledigen, denn der Geruch könnte Bären anlocken", und "alle Vorräte unerreichbar zwischen zwei Bäume hängen". Selbst eine detaillierte Vorratsliste fehlt nicht, die empfiehlt, neben Speck und Käse ein Kilo Cookies und drei Liter Rum mit auf Tour zu nehmen. Dann druckten sie das Werk und schleppten es im Rucksack landauf und landab in die Buchläden. Im Herzen das Gefühl, Reiseschriftsteller zu sein, im Kopf große verlegerische Pläne.

Aber einige Jahre und eine Menge Erfahrungen später "waren wir froh, plus minus null wieder herausgekommen zu sein" (Thieme). Dass die Allianz den Charme des Ganzen in seiner Vita zurechtbürstet und ihn im Nachhinein zum "Finanzdirektor" und "Präsidenten" befördert, darüber muss auch Freund Thieme "herzlich lachen". Hat Diekmann herausragende Eigenschaften? "Michael ist der größte Flirter unter der Sonne", antwortet Thieme, der als Akupunkturarzt in Südafrika lebt, "er ist sehr loyal und für Freunde immer da."

Ein Offizier,

ein Kämpfer und ein Feldarzt - drei kleine Repliken chinesischer Xian-Terrakotta-Soldaten leisten Michael Diekmann Gesellschaft in seinem Büro in der Münchner Zentrale. Er will einfach Spaß haben an der Arbeit. Im Regal stehen "Das Buch der Menschlichkeit" des Dalai Lama und Standardwerke über Unternehmenskultur. Jene Lektüre aber, die Diekmann so schätzt, weil sie die subtilen Muster des Erfolgs lehrt, findet sich darin nicht: Sunzis Klassiker "The Art of War". Ein asiatischer Machiavelli, der die Führung eines Unternehmens sowie jede menschliche Beziehung als strategische Kriegsführung betrachtet. "Oh, die göttliche Kunst der Geschicklichkeit und Verstohlenheit!" wird darin gepriesen. Auch das Gebot: "Der vollendete Anführer hütet das Gesetz der Moral und achtet streng auf Methode und Disziplin." An der Wand ein paar asiatische Holzdrucke, nichts von Wert, nur Motive, die ihm gefallen, wie der Fujiyama. Nirgends Protz, nicht die geringsten Insignien der Macht. "So natürlich wie möglich" will er in der neuen Rolle bleiben.

In dem Büro,

das Diekmann von Schulte-Noelle übernimmt, wurden 1995 seine Karriereweichen gestellt. Damals noch Vertriebsdirektor für Nordrhein-Westfalen, ließ ihn der Vorsitzende zu sich bitten. Sein Förderer Ulrich Schmidt stand kurz vor der Pensionierung, und Diekmann war entschlossen, ihn zu beerben. Man muss wissen, bundesweit gibt es nur sieben "ZNs", Zentralniederlassungen, und deren Inhaber sind Fürsten auf Lebenszeit, die oft genug mehr verdienen als der Oberbonze. "Das war kühn von ihm", sagt Schmidt, "aber der wusste schon immer, was er wert ist." Schulte-Noelle aber lachte aus vollem Herzen, als er das Begehren vernahm. Er wollte ihn zwecks Eroberung der asiatischen Märkte nach Singapur schicken. Diekmann reagierte wie alle überrumpelten Manager und sagte: "Da muss ich erst meine Frau fragen." Olivia, studierte Landwirtin, rief, ohne zu zögern: "Wann fahren wir?!"

Das Ziel war also klar. So war es nicht immer. Neun Jahre, von 1973 bis 1982, hatte Diekmann an der Universität Göttingen verbracht. Zuerst mit dem Studium der Kunstgeschichte und Philosophie - "Das Philosophische ist ein guter Background", lobt der Vater -, dann mit einem Jurastudium, das er im zweiten Staatsexamen mit "gut" abschloss. Die nächsten sechs Jahre waren kunterbunt. Bis er bei der Allianz Struktur und Richtung in seine Karriere brachte. Schmidt schickte ihn nach drei Jahren von Hamburg nach Hannover, in eine hinterprächtige Niederlassung, die unter Diekmanns Regiment zum ersten und vorerst letzten Mal auf Platz eins reüssierte. Jetzt war es gebongt, dieser Versicherungsherr empfahl sich für Höheres.

Das Ausland

konnte ihn nicht schrecken. Er war schon als Austauschschüler, Obstpflücker, Abenteurer und Globetrotter unterwegs gewesen. Nun wurde er als Geschäftsführer nach Singapur losgeschickt. Aber das Geschäft existierte noch gar nicht, das musste er erst aufbauen. Udo Krüger, heute Chef der Arab Insurance Group in Bahrain, teilte sich damals mit Diekmann aus Kostengründen ein Firmenauto. Er sagt, "die Leute waren sehr überrascht, dass da das Gegenteil eines deutschen Archetyps ankam. Er war offen, burschikos und sehr herzlich". Diekmanns weitere Karriere ist der Globalisierung geschuldet. Und seiner Tüchtigkeit, die er überall bewiesen hat, ob in Asien, Australien, Südafrika, Osteuropa oder zuletzt in den USA bei der Sanierung von Fireman's Fund.

Er ist auch

Karatekämpfer und brachte es bis zum braunen Gürtel. Im Lehrbuch heißt es dazu: "Du hast jetzt die höchste Stufe in den Schülergraden erreicht. Nun stehst Du vor der größten Herausforderung, dem Schritt auf die Stufe der Schwarzgurte."

Gisela Freisinger / print