HOME

Chef der Tafeln spricht Klartext: Armut in Deutschland: "Viele fragen sich mittlerweile: Zahle ich meine Miete oder esse ich?"

Die Armut in Deutschland wächst. Vor allem der Anstieg der Mieten bringt Menschen in Bedrängnis. Wie prekär mittlerweile viele Rentner in Deutschland leben, machte der Chef der Tafeln in einem Interview deutlich.

In der Teestube einer Pfarrei in Rheinland-Pfalz wird Essen an Obdachlose ausgegeben. Aber auch viele nicht-wohnungslose Menschen in Deutschland wissen kaum, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.

In der Teestube einer Pfarrei in Rheinland-Pfalz wird Essen an Obdachlose ausgegeben. Aber auch viele nicht-wohnungslose Menschen in Deutschland wissen kaum, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.

DPA

In Deutschland sinkt die Arbeitslosenquote seit Jahren, die Steuereinnahmen sprudeln, und sogar die Staatsverschuldung sinkt – ein reiches Land also. Doch für viele Menschen spiegeln Zahlen wie eine Arbeitslosenquote von 5,2 Prozent nicht die eigene Lebenswirklichkeit wider. Denn auf der anderen Seite heißt es beispielsweise auch: Wohnen wird in Deutschland in vielen Metropolen immer teurer.

Der Vorsitzende der Tafeln in Deutschland schlägt daher Alarm: Die steigenden Mieten führen zu verstärktem Andrang bei den Tafeln in Deutschland, sagte Jochen Brühl, der "Neuen Osnabrücker Zeitung".  Der Tafel-Chef fügte hinzu: "Viele müssen sich mittlerweile fragen: Zahle ich meine Miete oder esse ich?". Besonders Rentner seien davon betroffen. Deren Anteil an den Tafel-Kunden habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Jeder dritte der derzeit rund 1,5 Millionen Tafel-Kunden sei zudem noch minderjährig.

Steigende Mieten verschlimmern Armut

"Das sind besorgniserregende Entwicklungen", sagte Brühl. "Die steigenden Mietpreise haben daran ihren Anteil." Bundesweit gibt es derzeit 940 Tafeln. Der Tafel-Chef rief die Politik zu mehr Anstrengungen im Kampf gegen Armut auf. "Wir fordern die Berufung eines Armutsbeauftragten durch die Bundesregierung sowie in allen 16 Landesregierungen."

Brühl warnte zugleich vor einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit, weil dann Ehrenamtliche für die Tafeln fehlten: "Wenn die Menschen bis 70 arbeiten, dann verlieren die Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbände diese Menschen als ehrenamtliche Helfer." Die Tafeln lebten vom Engagement der Menschen ab dem 60. Lebensjahr. "Wer sollte die Leistungen an ihrer Stelle erbringen? Da sollte sich der Staat sehr genau ausrechnen, was mehr kostet."

Der Chef des Bundesverbandes der Tafeln, Jochen Brühl

Fordert politische Beauftragte für den Kampf gegen Armut: der Chef des Bundesverbandes der Tafeln, Jochen Brühl

DPA

Würde man die ehrenamtliche Arbeit bei den 940 Tafeln im Land mit dem Mindestlohn vergüten wollen, kämen jährlich 216 Millionen Euro zusammen, sagte Brühl. "Allein bei den Tafeln wohlgemerkt, deutschlandweit gibt es ja insgesamt 30 Millionen Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen."

Enttäuscht zeigte sich Brühl  über die Debatte um die Essener Tafel in diesem Frühjahr. Der dortige Tafel-Leiter hatte einen vorübergehenden Aufnahmestopp für Ausländer verhängt, weil sie die Tafeln überdurchschnittlich stark in Anspruch nehmen würden, und wurde dafür kritisiert. Dies sei ein Hilferuf angesichts der massiven Probleme am Rand der Gesellschaft gewesen, erklärte Brühl. Aber: "Die Probleme sind geblieben, die Empörungskarawane ist weitergezogen."

  

anb / AFP / DPA