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Aufnahmestopp für Ausländer: Streit um Vorgehen in Essen: So schätzt der Chef der Duisburger Tafel die Lage im Ruhrpott ein

Seitdem die Essener Tafel keine Ausländer mehr neu in ihre Kartei aufnimmt, wird heftig debattiert: Werden hilfsbedürftige Deutsche von den Essensausgaben verdrängt? Der Chef der Duisburger Tafel sieht das Problem ganz woanders.

Die Tafeln liegen nur eine gute halbe Autostunde voneinander entfernt, beide befinden sich im Ruhrgebiet, versorgen täglich Hunderte Menschen mit Lebensmitteln - und pflegen beide gute Kontakte zueinander. Doch beim Thema Aufnahmestopp für Ausländer haben die Verantwortlichen bei der Essener und bei der Duisburger Tafel unterschiedliche Meinungen.

"Ich finde die Entscheidung falsch", sagt Günter Spikofski, Geschäftsführer der Duisburger Tafel, zum Aufnahmestopp für Ausländer bei der Tafel in Essen, dem stern. In die Reihe derer, die jetzt die Essener Tafel beschimpfen, möchte er sich ausdrücklich nicht einreihen. Er könne verstehen, dass die Kollegen dort unter Druck stehen und versuchen, die Probleme zu lösen.

Denn Probleme, die gibt es ganz sicher. Doch sie werden nach den Erfahrungen aus Duisburg nicht durch Migranten verursacht, die deutsche Senioren oder alleinerziehende Mütter vom Besuch der Tafel abschrecken. Dieses Argument nennt der Vereinsvorsitzende der Essener Tafel, Jörg Sartor, für seine Entscheidung, Ausländer vorerst nicht mehr als Neukunden aufzunehmen.

Günter Spikofski, Geschäftsführer der Duisburger Tafel: "In meinen zehn Jahren hier bin ich nur einmal angegriffen worden – und das war ein Deutscher"

Günter Spikofski, Geschäftsführer der Duisburger Tafel: "In meinen zehn Jahren hier bin ich nur einmal angegriffen worden – und das war ein Deutscher"


Wachsende Armut in Deutschland

Nach Ansicht von Spikofski ist die weitaus gravierendere Frage, wie die wachsende Armut in Deutschland bekämpft werden kann. Die Armut betreffe ebenso Ausländer wie Deutsche. "Die Tafeln sind überfordert, das Armutsproblem in Deutschland zu lösen", sagt der Mann, der seit zehn Jahren bei der Tafel in Duisburg-Hochfeld arbeitet, einem Stadtteil, in dem der Anteil an ausländischen Bürgern seit jeher hoch ist.

Die Zusammensetzung der Nationen hier mitten im Ruhrpott ändere sich aber immer wieder im Laufe der Jahre. "Wir hatten hier schon einen hohen Ausländeranteil, da haben wir noch nicht über Flüchtlinge gesprochen", sagt Spikofski.  Als er vor zehn Jahren bei der Tafel in Duisburg-Hochfeld anfing, sei die größte Gruppe der Nicht-Deutschen Russen gewesen. Und vor zwei Jahren, als Hunderttausende  Flüchtlinge nach Deutschland einreisten, sei auch deren Zahl unter den Tafel-Kunden sehr hoch gewesen. Zudem sei damals der Andrang Bedürftiger bei der Duisburger Tafel insgesamt extrem groß gewesen.

In Duisburg werden keine Unterschiede gemacht - arm ist arm

Sehr groß ist das Interesse an der täglichen Essensausgabe hier mitten im Pott weiter - insgesamt wächst deutschlandweit die Zahl der Menschen, die die Tafeln aufsuchen, seit Jahren. Doch für Spikofski spielt es keine Rolle, welche Nationalität diejenigen haben, die Lebensmittel benötigen. "Uns ist es völlig egal, ob es deutsche, Türken oder Syrer sind", sagt der Tafel-Geschäftsführer. "Ein hungernder Syrer ist genauso schlimm wie ein hungernder Deutscher".

Ohnehin müssen alle, die sich bei der Tafel anmelden, die gleichen oder sehr ähnliche Kriterien erfüllen: Sie alle müssen nachweisen, dass sie bedürftig sind, beispielsweise mit einem Hartz-IV-Bescheid oder mit dem Nachweis, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu erhalten. Und sie müssen ihren Wohnsitz in Duisburg haben. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass weder Deutsche noch Ausländer bevorzugt behandelt werden.

Die Tafeln in Deutschland verteilen täglich tonnenweise Lebensmittel – allein bei der Duisburger Tafel sind es fünf Tonnen pro Tag – an Bedürftige. Es sind Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden.

Aggressivität unter den Bedürftigen bei der Verteilung komme in Duisburg kaum vor, berichtet Spikofski. Auch das Argument, dass sich ältere bedürftige Frauen von jungen Migranten einschüchtern lassen, trifft laut dem Geschäftsführer der Duisburger nicht auf die hiesige Verteilstelle zu. "In meinen zehn Jahren hier bin ich nur einmal angegriffen worden – und das war ein Deutscher", sagt der Mann, den vor allem ein Phänomen Sorgen macht: die wachsende Armut in Deutschland.