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Aus für Hamburgs Seilbahn: Wenn die Gondeln Trauer tragen

Der Seilbahn-Bürgerentscheid in Hamburg ist gescheitert. Das Ergebnis zeigt, dass die Bürgermeinung doch nicht käuflich ist - oder lag es nur an der schwachen Wahlbeteiligung?

Ein Einordnung von Katharina Grimm

Ausgegondelt: So stellte sich die Stage Entertainment die Seilbahn über die Elbe vor.

Ausgegondelt: So stellte sich die Stage Entertainment die Seilbahn über die Elbe vor.

Jetzt ist es offiziell: Der Hamburger Bürgerentscheid für eine Seilbahn ist gescheitert. Nur gut 36 Prozent wollten die Bahn, das reicht nicht. Die Initiatoren hatten noch vor wenigen Tagen Unterstützer und Medienvertreter für heute auf das Segelschiff "Rickmer Rickmers" im Hamburger Hafen eingeladen. Wohl um den erhofften Sieg zu feiern. Heute Vormittag wurde die Veranstaltung abgesagt. Es ist vorbei.

"Als ich am Dienstagnachmittag erfuhr, dass sich eine Tendenz zum Nein abzeichnet, konnte ich es kaum glauben", sagt Sabrina Hirche, die sich mit einer Initiative gegen die Seilbahn eingesetzt hatte. Und tatsächlich ist es kaum zu glauben. Denn dass Bürger selbst darüber entscheiden können, ob sie ein Geschenk aus Konzernhand haben möchten, ist schon selten. Dass sie dieses Geschenk nicht annehmen, ist unfassbar - aber richtig.

Ausgegondelt

Denn nicht alles, was nichts kostet, ist gut. In diesem Fall war das Musicalunternehmen Stage Entertainment gemeinsam mit einem österreichischen Seilbahnbauer angetreten, um eine Gondelbahn über die Elbe zu schicken. Kostenpunkt: 35 Millionen Euro, finanziert vom Unternehmen. Steuergeld sollte nicht eingesetzt werden. Auf dem anderen Elbufer werden bald zwei Musicalspielorte des Unternehmens stehen - mit der Seilbahn sollten künftig die Besucher den Fluss überqueren. Und darüber hinaus hoffte das Unternehmen auch, dass Touristen und Hamburger fleißig mit der Gondel den in Hamburg viel beschworenen Sprung über die Elbe wagen würden.

Dazu wird es nicht kommen. Von den 200.000 Stimmberechtigten gaben 55.000 ihre Stimme ab. Das Ergebnis: Über 63 Prozent der Menschen wollen keine Seilbahn. Also werden auch künftig die Musical-Fans auf eine Barkasse steigen müssen. Dass die Gondelbahn abgeschmettert wird, war allerdings kein Selbstgänger. "Ich gebe zu, dass ich befürchtet habe, dass die Seilbahn-Befürworter mit den Falschaussagen auf den Plakaten und somit falschen Versprechungen manch einen würden täuschen können", sagt Hirche. Denn das PR-Paket, das die Initiatoren für den Pro-Seilbahn-Bürgerentscheid geschnürt hatten, war gewaltig: Veranstaltungen, Flyer, Plakate, prominente Werbeträger - und bündelweise Freikarten wurden aufgefahren. "Wir hatten keine Agentur im Rücken, die Motive entwirft, strategisch einen Wahlkampf plant und die Stadt mit Plakaten zupflastert", sagt Hirche. "Aber wir hatten offenbar die besseren Argumente."

Bürgerwille entscheidet

Das Unternehmen hatte die große Werbetrommel gerührt, denn so verlockend die Seilbahn für manch einen hätte sein können: für Stage Entertainment ging es ums Geschäft. Bislang muss das Unternehmen für die Barkassenfahrt der Besucher zahlen. Warum diesen Service nicht selbst anbieten und damit Geld verdienen? Und so hätte aus einem Bürgerentscheid ein Freifahrtschein für Geschäftsmodelle werden können, ein Profit-Hebel mit bürgernahem Anstrich.

Hamburg will es anders, die Bürger lassen sich nicht kaufen oder mit Freikarten bestechen - oder? Es mag auch an der schwachen Wahlbeteiligung gelegen haben, dass die Seilbahn nicht kommt. Allein im Stadtteil St. Pauli leben rund 24.000 Menschen, sie wären von der Bahn am stärksten betroffen gewesen. Ob die Bewohner von entfernteren Stadtteilen, wie Finkenwerder oder in Wilhelmsburg, sich mit einer Seilbahn auseinander gesetzt haben, ist unklar - das geben die veröffentlichten Zahlen nicht wieder. Das Unternehmen Stage Entertainment gibt sich zerknirscht: "Wir akzeptieren und achten den Bürgerwillen", heißt es in einer Mitteilung.

Missbrauch der Demokratie

Sicher ist: Hamburg wird nicht zum Präzedenzfall für das Durchdrücken von Konzerninteressen durch Bürgerentscheide. "Man darf demokratische Instrumente nicht missbrauchen. Ich hoffe, dass es in Zukunft nicht mehr dazu kommt, dass auf Kommunalebene über eine so weitreichende Entscheidung abgestimmt werden darf, die allein aus dem Interesse eines Konzerns angeschoben wurde", sagt Hirche. Bleibt am Ende die Hoffnung, dass es auch andernorts nicht dazu kommt.