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Skurriles zum Bahn-Streik: Wollte Bahncard 100, bekam zahnlose Mamba

Da leistet man sich zum ersten Mal eine Bahncard 100 - und was machen die Lokführer? Kündigen den längsten Streik in der Geschichte der Bahn an. Doch die Bahncard ist beharrlich: "Benutz mich!"

Eine Glosse von Jens Wiesner

Da liegt sie nun vor mir. Schick und schwarz. Und blickt mich vorwurfsvoll an: "Benutz mich!" flüstert die Schwarze Mamba - und aus irgendeinem Grund finde ich es gar nicht komisch, dass eine Plastikkarte sprechen kann. "Aber der Streik", sage ich und versuche ihr zu erklären, wie das so ist mit Tarifautonomie, dem hart erkämpften Streikrecht in Deutschland und dem Machtgefüge zwischen den großen Konzernen und den kleinen Arbeitern. Meiner Mamba, wie die Bahncard 100 unter Kennern genannt wird, ist's egal. "Ich war teuer. Benutz mich!" beharrt sie. Ach, ich würd' ja so gern ...

"Zahlen Sie bar oder mit Karte?"

Rückblende, einen Monat zuvor: Ich hatte auf Konfetti und Fanfaren gehofft. Mindestens. In meinem Kopf die verschiedenen Szenarien durchgespielt. Mir die Worte genau zurechtgelegt, die mein Leben für die nächsten 365 Tage auf den Kopf stellen sollten. "Ich möchte gerne die Bahncard - dramaturgische Pause - 100 kaufen." Aber die Dame am Schalter schaute nur gelangweilt hoch: "Zahlen Sie bar oder mit Karte?"

Gut, die Zeremonie des Kaufes gestaltete sich schmuckloser als erwartet - und am Ende händigte mir die Frau auch kein schmuckes schwarzes Kärtchen aus, sondern nur einen provisorischen Papierwisch. Aber das Gefühl war geil. Monatelang hatte ich gespart, immer wieder durchgerechnet, ob sich dieser Wahnsinnskauf denn auch lohnt. Und nun spazierte ich durch den Bahnhof Altona, blickte auf all die ICEs und ICs und REs und RBs, die dort bereit standen, mich in die Welt (gut, Deutschland) zu kutschieren, und fühlte mich wie der King of the Jungle. Heute hier, morgen dort. Von wegen Melancholie, Hannes Wader. That’s freedom, Baby!

That’s Streik, Baby!

Zunächst aber: That’s Streik, Baby! Ich hatte es ja nicht anders gewollt. Hatte die Ironie mitnehmen wollen, mir die Bahn-Flatrate ausgerechnet an jenem Tag zu leisten, als die Züge stillstanden. Flächendeckender Lokführerstreik von 21 Uhr abends bis 6 Uhr am nächsten Morgen. Es war der 7. Oktober 2014. Und ich leistete mir die Black Mamba. Haha.

Doch mit der Ironie ist's wie mit einem Bumerang. Sie kommt mit Schwung zurück und fliegt dir mitten in die Fresse: Gestern steckte ein schicker Umschlag von der Bahn im Briefkasten. Ich hatte schon überlegt, wie ich diesen Moment zelebrieren sollte. Ein Glas Sekt vielleicht? Ein Unpacking-Video? Mindestens ein Facebook-Post musste sein: Seht her, liebe Freunde, die Freiheit in Plastik! Und gerade, als ich den Briefumschlag aufriss, ploppte die Eilmeldung auf meinem Smartphone auf: "Längster Streik in der Geschichte der Bahn: Lokführer streiken von Mittwoch bis Montag."

Die Fratze des Stillstands

Jetzt wälze ich Notfallfahrpläne, buche kostenpflichtige Reservierungen für die wenigen Fernzüge, die noch fahren und überlege, ob ich am Donnerstag vielleicht doch besser den Fernbus nehme. Und von meiner Bahncard blickt mich plötzlich das Gesicht von Claus Weselsky an. Der GDL-Boss lacht, dreht mir eine Nase. Es reicht. Ich packe das Plastikding weg, ganz tief in meine Geldbörse. Doch seine Stimme hallt durch das Leder: "Benutz mich!"

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