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Lokführerstreik: Die Bahn reagiert mit Ersatzfahrplänen auf den GDL-Streik

Die GDL hat das Angebot auf Schlichtung abgelehnt. Der über 100-stündige Streik beginnt - ab 2 Uhr auch im Personenverkehr. Die Bahn richtet Ersatzfahrpläne ein. Die Ereignisse des Tages im Rückblick.

GDL-Chef Claus Weselsky ist nicht bereit, auf das Schlichtungsangebot einzugehen

GDL-Chef Claus Weselsky ist nicht bereit, auf das Schlichtungsangebot einzugehen

+++ Bahn richtet Ersatzfahrplan ein +++

Wegen des über 100-stündigen Streiks richtet die Deutsche Bahn online abrufbare Ersatzfahrpläne ein. Der abweichende Fahrplan für Donnerstag, den 6.11, und Freitag, den 7.11, ist bereits online. Der für Samstag soll Donnerstag ab 12.00 Uhr im Internet abrufbar sein, der Plan für Sonntag analog ab Freitag 12.00 Uhr.

Wenn ein Zug ausfällt, ist dort ein entsprechender Hinweis zu finden. Der Ersatzplan ist auf der Webseite der Deutschen Bahn zu finden.

+++ GDL lehnt Schlichtungsangebot ab +++

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) lehnt das Angebot der Deutschen Bahn zu einer Schlichtung durch Vermittler ab. Das sagt GDL-Chef Claus Weselsky auf der Pressekonferenz der Lokführergewerkschaft. Der angekündigte Streik werde wie geplant verwirklicht. Es gehe um das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit, das die Bahn verletzen wolle. Darüber könne man nicht verhandeln.

Die Bahn hatte das Angebot an die Bedingung geknüpft, dass die GDL den mittwochnachmittag begonnenen Streik wieder abbricht. Mit der Schlichtung wollte die Deutsche Bahn den Lokführerstreik in letzter Minute abwenden. In dem festgefahrenen Tarifkonflikt sollten beide Seiten jeweils einen unparteiischen Schlichter benennen, die dann einen gemeinsamen Vorschlag vorlegen sollen, sagte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber am Mittwoch in Berlin.

+++ Wirtschaftsverbände besorgt +++

Wirtschaftsverbände zeigen sich besorgt über die kurz- und langfristigen Auswirkungen. "Was derzeit bei der Bahn passiert, ist Gift für den Standort Deutschland", sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. In Schlüsselbranchen wie der Autoindustrie sei die Produktionskette komplett auf Just-in-time-Fertigung ausgerichtet.

Der Autobauer Audi verlegt wegen des Streiks Transporte von der Schiene auf die Straße. Der Konzern wolle je nach Verlauf und Bedarf entscheiden, ob noch mehr Verlagerungen nötig sind. Europas größter Autobauer Volkswagen stellt sich darauf ein, dass seine Produktionsbänder trotz des Streiks im Güterverkehr laufen.

"Auch für die deutschen Stahl- und Metallhändler (...) ist die Schiene wegen der zu transportierenden Masse unverzichtbar", sagte der Präsident des Großhandelsverbandes BGA, Anton Börner. Der Maschinenbau ist ebenfalls in besonderem Maße von einer Logistikkette abhängig, deren exaktes Zusammenspiel dem eines Orchesters gleicht.

+++ GDL zahlt bis zu 50 Euro Tagesstreikgeld ++

Der erneute Bahnstreik kostet auch die Lokführer viel Geld - ganz leer gehen sie aber nicht aus. Die Gewerkschaft GDL zahlt jedem streikenden Mitglied pro Stunde 10 Euro Streikgeld, der Tageshöchstsatz liegt bei 50 Euro. "So ist es in unserer Arbeitskampfordnung geregelt", sagt der GDL-Vorsitzende im Bezirk Nord, Hartmut Petersen.

Die "Hamburger Morgenpost" hatte darüber berichtet. Die Kompensation liege deutlich unter dem Gehalt eines normalen Arbeitstags: "Die Lokführer müssen finanzielle Einbußen hinnehmen." Die GDL hatte im Tarifstreit mit der Deutschen Bahn zu einem mehr als viertägigen Streik aufgerufen, der am Mittwochnachmittag begonnen hat.

+++ Häfen verunsichert - Auswirkungen ungewiss +++

Der Streik der Lokführer im Güterverkehr trifft auch die beiden großen deutschen Häfen Hamburg und Bremen empfindlich. Die Auswirkungen seien aber schwer vorhersehbar, sagen mehrere Experten der Nachrichtenagentur dpa.

Einerseits wird ein Drittel des Bahngüterverkehrs in Deutschland von privaten Unternehmen abgewickelt, die nicht bestreikt werden. In den Häfen liegt der Anteil noch höher. Das stabilisiert die Lage. Andererseits sind die logistischen Systeme und Prozesse, die Lieferketten und Just-in-Time-Systeme eng verknüpft und sehr komplex.

+++ Lokführerstreik beginnt +++

Der mehr als viertägige Streik der Lokführer bei der Deutschen Bahn beginnt. Zunächst sind die Lokführer der Güterzüge aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. Ab Donnerstagmorgen 2.00 Uhr soll dann der gesamte Personenverkehr bestreikt werden, wie die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ankündigt. Die Bahn will rund ein Drittel des Verkehrs aufrechterhalten. Dazu sollen Lokführer eingesetzt werden, die nicht bei der GDL organisiert sind. Der Ausstand soll bis Montagfrüh 4.00 Uhr andauern.

+++ Bahn will Güterverkehr aufrecht erhalten +++

Die Deutsche Bahn will während des Rekordstreiks der Lokführer etwa die Hälfte ihres Schienen-Güterverkehrs aufrechterhalten. Das sagt Markus Hunkel, Vorstand Produktion bei der Gütersparte DB Schenker Rail, in Frankfurt der Nachrichtenagentur dpa.

Für die Kunden im In- und Ausland bedeute der Ausstand Verspätungen und Einschränkungen des Bahn-Angebots. Man werde aber erneut alles tun, um in enger Kommunikation mit den Kunden die Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten. Im Schnitt sind werktags etwa 5000 Züge von DB Schenker Rail in ganz Europa unterwegs.

+++ Bundesligisten reagieren gelassen +++

Die Fußball-Bundesligisten sehen dem Bahn-Streik gelassen entgegen und haben für den kommenden Spieltag teils schon Anreise-Alternativen für Fans und Spieler ausgearbeitet. Das Team von Hannover 96 beispielsweise wird zum Freitagsspiel bei Hertha BSC mit dem Bus zum Olympiastadion im Berliner Westend reisen. Fan-Sonderzüge nach Berlin seien auch nicht geplant, sagt ein 96-Sprecher am Mittwoch.

Mainz 05 organisiert seinen Fans für das Spiel bei Bayer 04 Leverkusen am Samstag einen Busshuttle-Service - für zehn Euro pro Ticket. Auch der Hamburger SV verspricht den Anhängern, die eine Gruppenfahrt per Zug zum Sonntagsspiel beim VfL Wolfsburg gebucht haben, im Notfall einen Bus .

Alle Fans sollten mehr Zeit als sonst einplanen, heißt es von den Vereinen. Das wird auch Hannover 96 tun müssen. Auf der A2 Richtung Berlin warnen Verkehrsexperten an diesem Wochenende wegen Brückenbauarbeiten bei Magdeburg vor langen Staus.

+++ Merkel spricht sich für Schlichtung aus +++

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfiehlt ein Schlichtungsverfahren zur Beendigung des Tarifkonflikts zwischen Bahn und Lokführergewerkschaft GDL. "Es gibt auch die Möglichkeit der Schlichtung, wenn beide Partner zustimmen", sagt die Kanzlerin "Ich kann nur an das Verantwortungsbewusstsein appellieren, hier Lösungen zu finden, die für uns als Land einen möglichst geringen Schaden haben - bei aller Wahrung des Rechts auf Streik."

Streiks seien eine Möglichkeit der tariflichen Auseinandersetzung, sie müssten aber verhältnismäßig sein, sagt Merkel weiter. Ob dies der Fall sei, darüber könne letztlich nur ein Gericht entscheiden. "Aber es gibt eine Gesamtverantwortung", so Merkel. Gerade im Bereich der Daseinsvorsorge wie dem Verkehr, wo Millionen Bürgern betroffen seien und es um die Zukunft der Wirtschaft gehe, sei von allen Beteiligten ein hohes Maß an Verantwortung notwendig.

+++ GDL droht mit noch längeren Streiks +++

Die GDL droht, beim nächsten Mal noch länger zu streiken. "Den Begriff Eskalation mag ich nicht, er ist auch nicht angebracht", sagt der GDL-Bezirksvorsitzende für Berlin, Brandenburg und Sachsen, Frank Nachtigall, der "Berliner Zeitung". "Es ist allerdings im Bereich des Möglichen, dass die nächste Aktion für eine noch längere Zeit angesetzt wird."

+++ Dobrindt: Bahn muss alle Rechtsmittel nutzen +++

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt ruft die Bahn dazu auf, im Konflikt mit der Lokführer-Gewerkschaft GDL notfalls vor Gericht zu ziehen. Der nun angekündigte Streik sei unverhältnismäßig und überstrapaziere die Akzeptanz der Bevölkerung in Tarifauseinandersetzungen, sagt er. "Und deswegen muss man, wenn es jetzt nicht zu einer Schlichtung kommt, die Rechtsposition der Bahn wahrnehmen und muss alle Rechtsmittel nutzen." Wenn die Verhältnismäßigkeit nicht gegeben sei, könne dies auch vor Gericht geklärt werden, fügt der CSU-Politiker hinzu.

+++ Bahn schlägt Schlichtungsverfahren vor +++

Die Bahn bietet der GDL eine Schlichtungsverfahren an. Bedingung sei, dass die GDL den Ausstand absage, sagt Personalvorstand Ulrich Weber. Das Angebot, nach dem beide Seiten jeweils einen unabhängigen Schlichter benennen könnten, gelte bis Mittwoch 20.00 Uhr. Ein neues Tarifangebot werde die Bahn dagegen nicht unterbreiten.

+++ Hilfe von außen soll Streit schlichten +++

Vor dem längsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn mehren sich die Forderungen nach Hilfe von außen. Neben Sigmar Gabriel hält auch der Fahrgastverband Pro Bahn die Hilfe eines "psychologisch hoch geschulten" Vermittlers oder Moderators für nötig. Er könne sich nicht vorstellen, dass die "Streithähne jetzt alleine noch zurechtkommen".

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagt "Spiegel Online", die schnelle Einsetzung eines Schlichters sei notwendig, um den Mammutstreik abzuwenden. Die Tarifparteien "verrennen sich".

+++ Streik kann Wirtschaft bis zu 100 Millionen Euro täglich kosten +++

Der geplante Streikt kostet die Wirtschaft nach Prognose von Forschern einen dreistelligen Millionenbetrag. "Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten", so eine Prognose des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. "Die Schäden können dann schnell von einstelligen Millionenbeträgen auf über 100 Millionen Euro pro Tag ansteigen."

+++ Streik betrifft auch Kunden anderer Bahn-Unternehmen ++++

Auch Kunden anderer Bahn-Unternehmen leiden wahrscheinlich unter dem Streik. "Es kann nicht vermieden werden, dass bestreikte Züge der Deutschen Bahn Gleise blockieren", sagt ein Sprecher der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft (Odeg). Das könne zu Unregelmäßigkeiten führen, auch wenn die Odeg selbst nicht bestreikt wird. Ähnlich äußerten sich weitere Anbieter in Berlin und Brandenburg.

+++ Gabriel wirft GDL Machtpoker vor +++

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kritisierte die GDL scharf. Der Lokführerstreik sei kein Tarifkonflikt, sondern ein Machtpoker, der auf dem Rücken von hunderttausenden Reisenden und auf Kosten der Allgemeinheit ausgetragen werde. Es gehe den GDL-Funktionären nicht um höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen, sondern um "Eigeninteressen", sagt Gabriel in einer Vorabmeldung der "Bild"-Zeitung.

Das Streikrecht sei in den vergangenen 65 Jahren in Deutschland von den DGB-Gewerkschaften immer verantwortungsbewusst genutzt worden, und nur dann, wenn es um Arbeitnehmerinteressen ging, sagte Gabriel. "Die GDL hat sich von diesem Prinzip verabschiedet."

Der SPD-Chef fordert im festgefahrenen Tarifkonflikt zwischen GDL und Bahn einen "Schlichter oder Vermittler". "Ich appelliere an die Funktionäre der GDL, an den Verhandlungstisch zurückzukommen." "Wir brauchen jetzt Verantwortungsbewusstsein auf allen Seiten für unser Land."

+++ Bahn kündigt Ersatzfahrpläne an +++

Die Bahn versucht die Folgen des Streiks zu mildern. Rund ein Drittel der Züge wird, Angaben des Unternehmens zufolge, trotz des Streiks fahren. Die Bahn will am Abend den Ersatzfahrplan für Freitag veröffentlichen. Der Fahrplan für den Donnerstag ist schon online.

+++ Pro Bahn fordert Vermittler +++

Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert einen Vermittler, um den festgefahrenen Streit zwischen GDL und Bahn zu lösen. Es bedürfe offenkundig eines "psychologisch hoch geschulten" Vermittlers oder Moderators", so Verbandssprecher Gerd Aschoff im Deutschlandfunk. Er könne sich nicht vorstellen, dass die "Streithähne jetzt alleine noch zurechtkommen". Hilfe von außen sei nötig, "um endlich den Konflikt zumindest so weit zu lösen, dass Streiks in absehbarer Zeit vermieden werden".

+++ Bahn prüft juristische Schritte +++

Die Deutsche Bahn prüft, ob sie den Rekordstreik der Lokführer juristisch verhindern kann - schätzt die Erfolgsaussichten aber gering ein. "Unsere Erfahrung ist mit den Arbeitsgerichten, dass sie sich sehr schwer tun in solchen Fragen der Beurteilung der Verhältnismäßigkeit, solchen Ersuchen nachzukommen", so der Personalvorstand Unternehmens, Ulrich Weber, im Deutschlandfunk. In der Vergangenheit hätten die Gerichte in aller Regel gegen den Arbeitgeber entschieden.

+++ Dobrindt mahnt zu verantwortungsvollem Umgang mit Streikrecht +++

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt warnt den GDL-Vorsitzenden Claus Weselky und alle Tarifparteien davor, die öffentliche Akzeptanz für den neuen Bahnstreik über Gebühr zu strapazieren. Der "Bild"-Zeitung sagt Dobrindt, Streik sei zwar ein elementarer Bestandteil der Tarifautonomie. Doch sollten die Tarifparteien "mit diesem hohen Gut sehr verantwortungsvoll umgehen". Dobrindt erklärte: "Dazu gehört, die Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte wie z.B. Bahnkunden möglichst gering zu halten".

DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters