VG-Wort Pixel

Bahnstreik Darum streiken die Lokführer wirklich – es geht nicht allein um Geld

Der Lokführer-Streik legt den Bahnverkehr lahm
Der Lokführer-Streik legt den Bahnverkehr lahm
© Oliver Berg / DPA
Die Lokführergewerkschaft GDL legt den Bahnverkehr lahm. Vordergründig geht es um mehr Gehalt und eine Corona-Prämie. Doch GDL-Boss Claus Weselsky verfolgt noch einen größeren Plan.

Seit dem frühen Mittwochmorgen geht für Reisende bei der Bahn nicht mehr viel. Die Lokführergewerkschaft GDL streikt. Es gibt zwar einen Ersatzfahrplan, aber nur etwa jeder vierte Fernverkehrszug fährt, auch Regional- und S-Bahnen fallen aus. Erst in der Nacht zu Freitag endet der Spuk.

GDL-Chef Claus Weselsky will durch die Machtdemonstration einen neuen Tarifvertrag erzwingen, der den Bahnmitarbeitern deutliche Verbesserungen bringt. Die Bahn dagegen ist empört über die Eskalation zur Ferienzeit: "Gerade jetzt, wenn die Menschen wieder mehr reisen und die Bahn nutzen, macht die GDL-Spitze den Aufschwung zunichte, den wir in Anbetracht der massiven Corona-Schäden dringend brauchen", sagte Personalvorstand Martin Seiler.

Doch worum geht es eigentlich? Um mehr Gehalt, klar, aber auch um Grundsätzliches. 

Streit um Geld und Laufzeiten 

Die GDL fordert für das Bahnpersonal 1,4 Prozent mehr Geld rückwirkend zum 1. April 2021 und nochmal 1,8 Prozent mehr ab dem 1. April 2022. Dazu soll die Bahn eine "Corona-Beihilfe" von 600 Euro pro Kopf zahlen. Außerdem protestiert die Gewerkschaft gegen eine Kürzung von Betriebsrenten. "Wir erwarten Wertschätzung und Anerkennung der Arbeit", sagte Weselsky.

Beim Geld liegt das Angebot der Bahn von diesen Forderungen gar nicht so weit entfernt. Das Unternehmen bietet exakt die geforderten 3,2 Prozent mehr Gehalt in zwei Schritten. Die Erhöhungen sollen allerdings erst zum 1. Januar 2022 (plus 1,5 Prozent) und zum 1. März 2023 (plus 1,7 Prozent) kommen. Zudem soll der neue Tarifvertrag nach dem Willen der Bahn eine Laufzeit von 40 Monaten bis 2024 haben – die GDL will nur 28 Monate akzeptieren. Die höhere Laufzeit sei nötig, um die Corona-Schäden zu bewältigen, erklärt die Bahn, und kontert damit im Grunde auch schon gleich die Forderung nach einem Corona-Bonus für die Angestellten. In der Coronakrise fuhr die Bahn Milliardenverluste ein. 

Machtkampf der Gewerkschaften

Dass die GDL nun lieber streikt statt weiter zu verhandeln, hat aber noch einen anderen Grund als den Streit ums Geld. Dahinter steht ein gewerkschaftsinterner Machtkampf im Bahnkonzern, der bereits seit Jahren schwelt. Darin ist die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer nämlich eigentlich nur die kleinere Arbeitnehmervertretung neben der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Die EVG hat rund 180.000 Mitglieder, die GDL nur 37.000, darunter aber die Mehrheit der Lokführer.

GDL-Boss Weselsky verhandelt nun auch deshalb so hart, um ein besseres Ergebnis zu erzielen als die EVG, die sich im vergangenen Jahr auf einen bescheideneren neuen Tarifvertrag eingelassen hat. Sein strategisches Ziel ist es – so die allgemeine Interpretation –, der EVG Mitglieder abzujagen, um mehr Einfluss innerhalb des Konzerns zu gewinnen. "Weil die aggressive Mitgliederwerbung erfolglos war und ist, soll eine harte Tarif-Auseinandersetzung jetzt doch noch zu mehr Mitgliedern führen", kommentiert EVG-Chef Klaus-Dieter Hommel den GDL-Streik. Und EVG-Vorstand Cosima Ingenschay wirft der GDL vor, "den Bahnkonzern zu spalten und zu schwächen". 

Im Machtkampf der Gewerkschaften geht es um viel. Wegen des eigentlich bereits seit 2015 geltenden Tarifeinheitsgesetzes droht ein Szenario, indem die kleinere Gewerkschaft ganz auf der Strecke bleibt, weil der Tarifvertrag der größeren Gewerkschaft perspektivisch für alle gelten könnte. Die GDL kämpft also nicht nur kurzfristig um Prozentpunkte und Laufzeiten, sondern auch um die langfristige Existenz.

Auf die Unterstützung seiner Mitglieder für den harten Streik-Kurs kann sich GDL-Chef Weselsky jedenfalls verlassen. Bei der geheimen Abstimmung über einen Streik stimmten 95 Prozent für den Arbeitskampf.

Quellen:GDL / Deutsche Bahn / EVG


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker