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Lokführer vor dem Mannheimer Hauptbahnhof: Sie trotzen dem Unmut

Vor dem Mannheimer Hauptbahnhof stellen sich Lokführer den Fahrgästen. Sie werden angepöbelt und müssen sich peinliche Sprüche anhören. Das Ziel aber bleibt klar: die eigenen Forderungen durchsetzen.

Von Ralf Keinath

Streikende Lokführer am Mannheimer Hauptbahnhof: "Wie sollen wir sonst unsere Forderungen durchsetzen?"

Streikende Lokführer am Mannheimer Hauptbahnhof: "Wie sollen wir sonst unsere Forderungen durchsetzen?"

Es dauert keine zwei Minuten, bis der Unmut durchschlägt. Die streikenden Lokführer haben sich gerade erst vor dem Hauptbahnhof in Mannheim versammelt – einige von ihnen ziehen sich noch die weiße Streikweste an – da geht die Pöbelei schon los. Eine ältere Frau geht zielstrebig auf die etwa 15 Gewerkschafter zu. "Was ihr macht, ist unverschämt", schäumt sie, "wenn sich jeder so verhält, bricht das ganze Land zusammen."

Sie selbst habe für sechs Euro die Stunde Demenzkranke gepflegt und sei nie auf die Straße gegangen. "Euer Typ da sollte sich was schämen." Eine Antwort wartet sie nicht mehr ab.

"Den Ossi soll man zum Mond schießen"

Der "Typ" ist GDL-Chef Claus Weselsky, derzeit vermutlich der unbeliebteste Deutsche. Seit der Streik der "Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer" tagelang den Verkehr im Land lahmlegt, unterstellen ihm Medien und Bevölkerung eine "Ego-Nummer".

An diesem Freitagnachmittag ist Weselsky zwar nicht in Mannheim, dennoch ist er auch hier der Blitzableiter für den Unmut der Bahnfahrer. "Den Ossi soll man zum Mond schießen", wettert ein Passant, "ihr habt euch an einen Ossi verkauft", ruft ein anderer den Lokführern zu, und versteigt sich zu der Behauptung, dass man 1989 die Grenze hätte "zulassen sollen". Dann merkt er, dass einige der Lokführer aus Ostdeutschland kommen. "War doch nur ein Spaß", versucht er zu beschwichtigen, "ich muss jetzt zu meinem Zug."

Lokführer moderieren Streik

Einige der Lokführer stehen an ihrem freien Tag in der Kälte. Sie wollen zeigen, dass der bundesweite Streik keine Machtdemonstration ihres Vorsitzenden ist. Immer wieder erklären sie den Passanten, dass sie voll hinter dem Streik stehen – trotz finanzieller Einbuße von bis zu 50 Prozent pro Streiktag.

"Es war eine demokratische Entscheidung", sagt Jens-Peter Lück, Vize-Chef der GDL Süd-West und selber Lokführer. Die Medienkampagne gegen Weselsky nehme "kriminelle Ausmaße" an, wenn beispielsweise dessen Nummer veröffentlicht und dazu aufgerufen werde, ihm die Meinung zu sagen.

"Ich wäre genauso verärgert"

Das Landesarbeitsgericht in Frankfurt habe den Streik als rechtmäßig bewertet. Dass die Solidarität unter den GDL-Mitgliedern bröckele, sei falsch. Bei der "Initiative für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit" in der GDL handele es sich um einen "persönlichen Rachefeldzug" des ehemaligen Vorsitzenden Manfred Schell, sagt Lück.

Dieser wolle sich dafür rächen, dass sein früherer Ziehsohn Sven Grünwoldt im vergangenen Jahr seines Amtes als Vize-Vorsitzender enthoben worden sei. Nun werde der Eindruck erweckt, dass die GDL zutiefst gespalten sei.

Die Wut der Fahrgäste kann Lück jedoch verstehen. "Ich wäre genauso verärgert", sagt er, "doch wie sollen wir sonst unsere Forderungen durchsetzen?"

"Lasst euch nicht unterkriegen"

Nicht alle Passanten reagieren mit Unverständnis. Eine Rentnerin macht den Streikenden Mut. "Ich finde super, was ihr macht, lasst euch nicht unterkriegen." Streiken sei nun einmal ein Grundrecht, "wir sind ja nicht in der DDR". Das sage sie nicht nur, weil sie als Rentnerin mehr Zeit habe als die arbeitende Bevölkerung. Die Leute sollten solidarischer sein. "Dann wartet man eben mal ein bisschen länger auf den Zug."

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