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Banken-Stresstest Das Zittern vor der großen Pleite bleibt


Der Banken-Stresstest hat viele Risiken offengelegt. Die Antwort auf eine Frage liefert er nicht: Was passiert, wenn eine große Bank abgewickelt werden muss? Dafür ist Europa schlecht gerüstet.
Ein Kommentar von Andreas Hoffmann

Puuh. Das ist noch mal gut gegangen für die deutschen Banken. Nur ein Institut, die Münchener Hypothekenbank, ist am Stresstest der Europäischen Zentralbank (EZB) gescheitert. Und auf dieses Ergebnis hatten sich die Münchener bereits eingerichtet und mehrere hundert Millionen Euro frisches Kapital besorgt.

Alle anderen Wackelkandidaten wie HSH-Nordbank oder die Commerzbank bestanden die Prüfung – anders als in Italien oder Griechenland, wo neun beziehungsweise drei Häuser die Latte rissen. Allerdings: Die jetzt bekannt gewordenen Fälle sind keine großen Überraschungen. Banken wie die italienische Monte del Paschi, gelten schon länger als Krisenkandidat.

Und jetzt? Ist das Bankenwesen sicherer geworden?

Bankenwesen ist sicherer geworden

Auf jeden Fall. Der Test der EZB war viel härter als ähnliche Tests in der Vergangenheit. Die 6000 Prüfer haben die Bilanzen der Geldhäuser sehr genau unter die Lupe genommen, und simuliert, wie die Banken eine schwere Krise wie jene nach der Lehman-Pleite 2008 bewältigen können.

Natürlich lassen sich Details an dem Verfahren kritisieren: Warum sind die Folgen der Russlandsanktionen kaum berücksichtigt worden? Warum nicht das Risiko eines lang anhaltenden Preisverfalls, also einer Deflation? Solche Kritik kann man immer formulieren. Doch Stresstests werden nie alle Risiken vorhersagen können. Sie können nur Wahrscheinlichkeiten abbilden. Mehr nicht. Die Zukunft ist nun einmal nicht bestimmbar, auch wenn manche Experten das Gegenteil behaupten.

Der Stresstest hat sogar die meiste Wirkung entfaltet, bevor die Ergebnisse bekannt waren. Aus Selbstschutz haben viele Banken vorgesorgt und sich sicherer gemacht. Sie haben risikoreiche Geschäfte abgegeben, sich neues Kapital besorgt, ihre Portfolios gesäubert, und so ihr Fundament um 200 Milliarden gestützt.

Ernstfall bleibt das große Risiko

Die tatsächlichen Risiken der Banken lauern woanders: im Ernstfall. Dann, wenn große Institute mit zu vielen faulen Geschäften abgewickelt werden müssen. Für diesen Ernstfall haben die Europäer ein sehr kompliziertes Verfahren geschaffen, das viele Experten ratlos macht. Selbst die Bundesbank stellt sich "die Frage nach der Praxistauglichheit dieser komplexen Prozesse", wie sie jüngst in einem Monatsbericht schrieb. Man kann nur hoffen, dass der Ernstfall einer großen Bankenpleite nicht eintritt.

Es hat natürlich Gründe, dass es die Europäer so kompliziert machen. Sie haben Angst. Angst davor, in der Krise einander helfen zu müssen. Dass Deutsche für marode französische oder italienische Banken einspringen? Igitt! Bloß nicht! Deshalb versuchen die Deutschen, namentlich Finanzminister Wolfgang Schäuble, die Risiken in einem Paragraphen-Dschungel namens "Single Resolution Mechanism" zu verschleiern.

Diese Vernebelungstaktik ist falsch. Sie zeigt nur, dass die deutschen Politiker und viele Experten den Finanzsektor mit seinen Verflechtungen nicht verstehen. Wie man es richtig macht, beweisen die Länder Schweden, Schweiz und die USA. Als große Banken dort ins Trudeln gerieten, hat der Staat beherzt eingegriffen. Die Institute wurden mit Steuergeld gestützt, teilweise verstaatlicht und ihre faulen Geschäfte in sogenannte Bad Banks abgetrennt. Diesen Feuerwehreinsatz hat sich der Staat später von den Geldhäusern bezahlen lassen. In Schweden, der Schweiz und den USA haben die Regierungen mit Bankenrettung Geld verdient, die deutsche Regierung hat Milliarden verloren.

Ideologische Scheuklappen ablegen

Das kann sich wiederholen, wenn die Europäer - und vorrangig die Deutschen - nicht ihre ideologischen Scheuklappen ablegen. In einer Krise muss der Staat Banken helfen, damit sich die Krise nicht ausweitet. Aber er muss es richtig machen und sich später die Hilfe von der Geldbranche bezahlen lassen. Das hilft dem Steuerzahler am meisten.

Erst wenn diese Erkenntnisse das politische Handeln bestimmen, wird der Geldsektor wirklich sicherer werden. Der Banken-Stresstest ist dafür nur ein winziger Schritt.

Andreas Hoffmann bewundert, wie genau die EZB die Banken unter die Lupe genommen hat. Er twittert unter AndreasHoffman8

Hintergründe zum Banken-Stresstest...

... finden Sie in der aktuellen Ausgabe des stern.


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