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Bilanz: Die Pleiten der Heuschrecken

Was Finanzinvestoren in zehn Unternehmen angerichtet haben.

Lesen Sie hier, wie es zehn aufgekauften Unternehmen erging.

Hertie: Horrende Mieten

2005 kauften die Finanzinvestoren Dawnay Day und Hilco UK von Karstadt 74 kleine Kaufhäuser für rund 1,3 Milliarden Euro und nannten sie später Hertie. In der Hoffnung, die Konsumlust der Deutschen würde kräftig steigen, brummten sie den Filialen horrende Mieten auf, um den Kaufpreis samt saftiger Verzinsung zurückzuholen. Folge: Oft reichte das Geld nicht einmal mehr, um die Lieferanten zu bezahlen. Anfang August musste Hertie Insolvenz anmelden.

Pro-Sieben-Sat-1: Kreativ gespart

Ende 2006 übernahmen die Finanzinvestoren Permira und KKR die angeschlagene Senderkette. Seitdem ging es weiter bergab. Die Heuschrecken verordneten den Kauf der Luxemburger TV-Gruppe SBS, was Pro- Sieben-Sat-1 3,7 Milliarden Euro Schulden einbrachte. Dazu griffen sie 2007 eine Dividende ab, die dreimal so hoch war wie der Konzerngewinn. Das ging an die Substanz. Kein Geld, keine Kreativität - das Programm wurde immer dünner, und die Marktanteile gingen zurück. Dazu kamen Managementfehler etwa beim Verkauf von Werbezeiten.

ATU: Expansion verpatzt

Rund eine Milliarde Euro Kreditschulden hat der Finanzinvestor KKR der Werkstattkette Auto-Teile-Unger aufgeladen. Um den Cashflow zu erhöhen und daraus Zinsen und Tilgung rasch abzustottern, sollte das Unternehmen rasant expandieren. Allzu rasant: Fachkräfte fehlten, die Qualität, bisher Markenzeichen der Kette, ging verloren. Zudem überschätzte KKR das Reifengeschäft maßlos, das rund ein Drittel des Umsatzes ausmacht. Der riskante Finanzkurs scheiterte, KKR konnte ATU nur mit einer Finanzspritze von 140 Millionen Euro vor der Pleite retten. Jetzt droht eine Entlassungswelle.

Hugo Boss: Dividenden auf Pump

Der Modemacher aus Metzingen schrieb eine Erfolgsgeschichte - bis ihn Finanzinvestor Permira für 3,5 Milliarden Euro kaufte. Der operative Gewinn sank, die Verschuldung stieg, und die Eigenkapitalquote fiel von 53 auf 14 Prozent. Gegen den Widerstand des Managements setzten die Heuschrecken eine Dividendenanhebung plus Sonderausschüttung von insgesamt 455 Millionen Euro durch, wofür Kredite aufgenommen wurden. Schlimmere Folgen drohen durch den Kreativitätsverlust: Erfolgreiche Manager folgen reihenweise ihrem ehemaligen Boss Bruno Sälzer zum Konkurrenten Escada.

Neckermann.de: Löhne gedrückt

Seit Jahren kämpft Neckermann mit dem schwachen Versandhandelsgeschäft. Deshalb verzichteten die Mitarbeiter in einem Sanierungstarifvertrag auf Lohn. Dafür war im Gegenzug ihr Arbeitsplatz geschützt. Kaum war der Sanierungstarifvertrag ausgelaufen, kündigte der Finanzinvestor Sun Capital Partners an, 500 Stellen zu streichen. Zudem versucht der Eigentümer, Mitarbeiter mit Sonderprämien aus den Tarifverträgen zu locken. Viele Neckermänner sollen zudem den einst zugesicherten Ausgleich für den Lohnverzicht von 1473 Euro nicht erhalten.

Pfaff: Kein klares Konzept

Auch unter dem deutschen Finanzinvestor GCI Management steckt der traditionsreiche Hersteller von Industrienähmaschinen und Schweißmaschinen in ernsten Schwierigkeiten und rutschte Richtung Insolvenz. Der Umsatz ist eingebrochen, die Firma fährt hohe Verluste ein. Das Grundkapital ist weitgehend aufgezehrt. Gegen die asiatische Konkurrenz fand Branchen-Greenhorn GCI kein Rezept. Anfang September stand die Aktie bei 23 Cent - es waren einmal 2,96 Euro. GCI (Eigenwerbung: "Unternehmer übernehmen Verantwortung") tritt die Flucht an und will seinen Anteil von 62 Prozent loswerden.

Tank & Rast: Total verschuldet

Der britische Finanzinvestor Terra Firma kaufte den Raststättenbetreiber im Jahr 2004 für 1,1 Milliarden Euro; 800 Millionen Euro finanzierte er dabei auf Pump. Als die Umsätze an den Autobahnraststätten sprudelten, langte Terra Firma noch einmal hin. Er stockte die Schulden kräftig auf, um eine Sonderausschüttung in Höhe von rund 400 Millionen Euro zu finanzieren. Was bei brummender Konjunktur für Tank & Rast noch zu stemmen ist, lässt sich im Abschwung kaum schultern. Die Schulden der Firma dürften inzwischen zwölfmal höher sein als das Jahresergebnis.

Märklin: Millionen für Berater

Der schwäbische Modelleisenbahnbauer stand 2006 vor der Insolvenz und wurde vom britischen Finanzinvestor Kingsbridge Capital aufgekauft. In der Folge gaben sich Restrukturierungsberater, Anwälte und Manager die Klinke in die Hand, kassierten Millionenhonorare. Hunderte Stellen wurden abgebaut, Teile der Produktion nach Fernost verlagert. Die roten Zahlen blieben. Kürzlich erklärte Kingsbridge, die Ausgaben seien weiter zu hoch, um langfristig erfolgreich zu sein. Den verbliebenen Mitarbeitern drohen Lohnkürzungen von 20 Prozent.

Rodenstock: Chefs in Serie

2006 kaufte die britische Heuschrecke Bridgepoint den Brillenhersteller für 700 Millionen von der Heuschrecke Permira, die ihn schon kräftig zurückgestutzt hatte. Seitdem geht eine Menge schief. Bridgepoint hat sich offenbar verhoben, Beobachter vermissen eine klare Strategie. Ursprünglich sollte Rodenstock seinen Umsatz bis 2010 auf 750 Millionen Euro verdoppeln, stattdessen geht er weiter zurück. Auch der langfristig angestrebte Börsengang scheint nicht in Sicht. Jetzt soll ein neuer Manager die Wende schaffen: Mercedes-Markenexperte Olaf Göttgens. Chef Nummer drei in diesem Jahr.

Wehmeyer: Verloren im Mittelmaß

Der Name Wehmeyer stand früher für bodenständige Mode. 2005 notverkaufte Karstadt die Kette an die US-Finanzgesellschaft Schottenstein und ein Textilunternehmen, dessen Anteile Schottenstein später übernahm. Obwohl Marktforscher schon länger predigen, dass man in der Branche auf Dauer nur mit Dumpingware oder Edelkleidung überleben kann, beließ es der Finanzinvestor beim Mittelmaß. Zudem litten die Filialen unter hohen Mieten - ähnlich wie Hertie. Seit Juli ist Wehmeyer insolvent. 38 Geschäfte mit ehemals 1000 Mitarbeitern sind betroffen.

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