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Wertheim-Entschädigung: "Die Familie wird nicht ruhen"

Die Erben der Familie Wertheim fordern seit Jahren Schadenersatz von Karstadt-Quelle für ein Grundstück am Potsdamer Platz. Der Kaufhauskonzern aber weigert sich beharrlich zu zahlen - gegen alle Gerichtsentscheidungen.

Die Szene wirkt im Berliner Touristengewimmel ganz normal und hat doch etwas Bizarres: In der hellen Mittagssonne steht Barbara Principe aus New Jersey am Bahnhof Potsdamer Platz. Neben ihr befindet sich eine riesige Karstadt-Einkaufstüte, mit welcher der Essener Warenhauskonzern in der Hauptstadt für sein 125-jähriges Bestehen wirbt. Die Tüte und Principe stehen auf früherem Grundbesitz der von den Nazis enteigneten jüdischen Kaufmannsfamilie Wertheim - deren Erbin Barbara Principe ist. Eine der Erben.

Wertheims wollen 145 Millionen Euro haben

Wenig später geht es an diesem historischen Schauplatz im Luxushotel Ritz-Carlton um die Forderung von 145 Millionen Euro Entschädigung die die Wertheim-Familie von Karstadt-Quelle haben will. Eigentlich geht es dabei um Grundstücke, aber mittlerweile vor allem um Moral und eben einen dreistelligen Millionenbetrag.

Der Anlass des Streits ist kompliziert. Im wesentlichen geht es um das Eigentumsrecht der Wertheim-Erben an mehreren Berliner Grundstücken, von denen eines am Potsdamer Platz liegt. Dort, wo sich heute das Beisheim-Zentrum befindet. Das Areal gehörte ursprünglich zur DDR und kam 1988 im Zuge eines Austauschs in die Hände des Berliner Senats. Dieser gab es zum symbolischen Preis von einer Mark an das Warenhaus Hertie weiter und damit an die Familie Wertheim.

Mit den Aufkauf der Kaufhauskette Hertie nach der Wende erwarb Karstadt-Quelle auch das Areal am Potsdamer Platz und verkaufte es später für 145 Millionen Euro an die Beisheim-Gruppe. Genau diese Summe fordert die Wertheim-Erbin nun zurück. Beisheim hat auf dem Filetstück im neuen Zentrum der Hauptstadt inzwischen das Beisheim-Center errichtet, auf dem sich unter anderem die Luxushotels Marriott und das Ritz-Carlton befinden.

Alle Klagen waren erfolgreich

Verschiedene Klagen, die die Erben zusammen mit der Jewish Claim Conference (JCC) seit 2000 durchgefochten haben, waren erfolgreich, ebenso hat das Bundesamt für offene Vermögensfragen den Erben der Kaufmannsfamilie die Grundstücke zugesprochen.

Doch Karstadt-Quelle weigert sich beharrlich zu zahlen. Der Direktor der JCC, Roman Haller, äußert sich "regelrecht entsetzt" über die seit Jahren starr abweisenden Positionen des Warenhauskonzerns und wendet sich in dieser Form erstmals persönlich mit einem "Appell zur Besinnung" an den Vorstandsvorsitzenden von Karstadt-Quelle, Thomas Middelhoff. Barbara Principe zeigt sich ausdrücklich zu einem persönlichen Treffen mit Middelhoff bereit. "Das ist eine sehr gute Idee", sagt sie.

"Karstadt nicht moralisch"

Trotz dieses "Entgegenkommens" ist Principe kämpferisch: "Meine Familie wird niemals ruhen, in meinem Herzen weiß ich, dass meine Familie gewinnt." Um ihre Entschlossenheit zu bekräftigen, habe sie extra aus Amerika zwei ihrer jüngsten Enkel mit nach Berlin gebracht. Die beiden jungen Männer stehen auf und verbeugen sich vor den vielen Journalisten aus Berlin, aus halb Europa, aus Japan und den USA.

Barbara Principe hat auf dieser spektakulären Pressekonferenz weitere Unterstützer an ihrer Seite. Der Publizist Henryk M. Broder sagt, Karstadt-Quelle zeige sich "selbstzerstörerisch kleinlich". Es handele sich in diesem Fall um eine "Verwertung von Kapital auf Kosten der Entrechteten". Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum hat auch Platz genommen auf dem Podium und sagt: "Karstadt muss das Trauerspiel beenden. Das Unternehmen spielt auf Zeit, und das ist in Wiedergutmachungsfällen nicht moralisch."

Und um Moral geht es den Handelnden auf der Wertheim-Seite auch, und um Emotionen, um Anstand, um Gewissen. "Dieser Prozess hängt eng mit unser aller Vergangenheit zusammen", sagt Baum.

Der Karstadt-Quelle-Konzern übt seinerseits "scharfe Kritik an der Pressekampagne der Jewish Claims Conference". Konzernsprecher Jörg Howe sagte in Essen: "Derzeit versucht die JCC mit Emotionen Druck auf Karstadt-Quelle auszuüben." Dies sei ein "untauglicher Versuch".

Gehofft, in Deutschland Urlaub machen zu können

Die Erklärungen von Howe, wonach das Unternehmen als Aktiengesellschaft gezwungen sei, den Rechtsweg als letzte Instanz zu beschreiten, will sie und wollen die anderen nicht mehr hören. Sie habe gehofft, bei ihrem vierten Berlin-Besuch "nur nach Deutschland zu kommen, um Urlaub zu machen".

Es ist anders gekommen, Karstadt-Quelle hat kategorisch erklärt: "Wir streben eine präzise juristische Lösung an, um die strittigen Fragen ein für alle mal rechtsverbindlich zu klären." Der Anwalt der Wertheim-Familie, Matthias Druba, kontert: "Es leuchtet mir als Jurist spontan nicht ein, warum man noch klagen soll, wenn rechtlich alles geklärt ist."

DPA/AP / AP / DPA