Kirch-Comeback Wie München den neuen Kirch begrüßt


In Münchens Medienszene ist das Comeback des Leo Kirch das Thema beim abendlichen Cocktail. Und auch wenn Kirch nie mit ihnen am Cocktail nippte, fühlen sich ehemalige Angestellte durch die Rückkehr der Connection wie auf einer Zeitreise.
Von Robert Kittel, München

Dienstagabend. Die ersten Newsflashs blinken am Bildschirm. "Kirch feiert TV-Comeback". Ein Kollege ruft an. "Schon gesehen? Ohne Worte, oder? Die alte Connection schlägt wieder zu. Wie früher." Täglich grüßt das Murmeltier. Die Connection. Solche Worte fallen immer, wenn man in München über Leo Kirch spricht. Man spricht ja nur über ihn. Sehen oder mit ihm plaudern tun nur ganz wenige. Obwohl er seit über 50 Jahren hier wohnt.

Dienstagabend, um zehn. Odeonsplatz. Die Medienszene trifft sich zum After Work Drink im Schumanns, der Bar des Baldessarini-Models. Dort versammelt sich die Meute, wenn gerade keine Preisverleihung ist. Man nippt am frischen Mojito und lästert über den neuesten Gossip. Leo Kirch nippte nie am Mojito. Er war nie auf einer Preisverleihung. Und schon gar nicht im Schumanns. Auch nicht sein engster Mitarbeiter, der 35 Jahre jüngere Dieter Hahn, der auch diesen Super-Deal - wie immer - alleine verkünden durfte.

"Es durfte auch erfolgreich sein"

Ein junger Tischgenosse hat sich den Abschiedsbrief aus dem Jahr 2002 von "Leo" ausgedruckt und mitgebracht. Er arbeitete früher für die Kirch-Gruppe. Auszug: "...Es ging mir nicht darum, ein mächtiges, sondern - für Auge und Ohr - ein vertikal integriertes Medienunternehmen zu schaffen. Es durfte auch erfolgreich sein... Gottes Segen, Dr. Leo Kirch".

Dann lachen alle um ihn herum und schütteln den Kopf. "Es durfte auch erfolgreich sein. Haha." Der Alte, sagen sie, "der Alte gibt nie auf". Kirch musste im April 2002 Insolvenz beantragen. Es gab eine Pressekonferenz im bayerischen Haus der Wirtschaft. Weder Kirch noch Dieter Hahn waren da. Natürlich nicht. Nur der Insolvenzverwalter, der aussah wie ein Abteilungsleiter einer Versicherung. Das passte nicht in die glamouröse Medienwelt. Ganz München stand Kopf. Wie konnte so was passieren? Auch das Schumanns wusste keine Antwort. Damals.

500.000 Mark Schulden pro Tag

Nach dem ersten Drink spricht auch der Nachbartisch über Kirch. Immer wieder fällt das Wort "Connection". In München heißt es: einmal Kirch-Mann, immer Kirch-Mann. Seine Getreuen stehen hinter ihm. Seine Salärs waren immer fürstlich. Vor und nach der Pleite. Der wichtigste ist Dieter Hahn. An ihm muss Kirch irgendetwas gefressen haben. "Nur was?", fragen sich die hibbeligen Menschen in der Bar. Hahn hat das meiste in den Sand gesetzt, was er für Kirch beaufsichtigte. Der kleine Sender DSF machte unter seiner Führung 500.000 Mark Schulden. Pro Tag.

Er kaufte Boxrechte von ehemaligen Spielautomatenaufstellern, die zehn Jahre nach dem Deal immer noch gut davon leben können. Dann gründete Kirch das digitale Fernsehen DF1. Es fusionierte nach heftigen Streitereien mit Premiere. Hahn spielte den Aufsichtsrat. Kaufte teure Sport-Rechte wie Mädchen glänzende Schuhe. Die Manager fuhren Porsche und die Parties waren opulent. Am Ende eines jeden Jahres stand immer ein großer Verlustbetrag.

Der Kontakt blieb immer gut

Fast ähnlich wichtig sei aber auch Rainer Hüther, sagt einer, der es wissen muss. Hüther ist heute Vorstand von EM-Sport, an der sich Kirch vor ein paar Tagen - rein zufällig - beteiligt hatte. Hüther arbeitete früher als Marketingdirektor beim DSF. Das war vor über zehn Jahren, als Ziege noch in der Nationalelf spielte und Dieter Hahn der Geschäftsführer war. Da lernte man sich schätzen und rauchte gemeinsam eine dicke Zigarre auf der Weihnachtsfeier. Der Kontakt blieb immer gut. Auch privat. Jetzt wollen sie wieder zusammen spielen, weil Hüther einen wichtigen Kontakt zur Bundesliga pflegte.

Die Schumanns-Experten sagen, Hüther habe eine Schlüsselrolle bei diesem Deal gespielt. "Das ganze Ding war von langer Hand mit dem EM-Sport-Vorstand geplant." Hüther habe ein sehr gutes Verhältnis zu Christian Seifert, dem Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL). Sie kennen sich noch aus gemeinsamen Zeiten beim Pro Sieben Vermarkter MGM. Das war 1995. Acht Jahre später war plötzlich Karstadt-Quelle beim Sportsender DSF eingestiegen und die Medienwelt fragte sich: was macht ein Kaufhaus im Medienpark? Der damalige New Media-Vorstand bei Karstadt-Quelle aber hieß: Christian Seifert. Hüther und Seifert passen auch optisch gut zusammen. Sie sehen aus, als hätten sie seit ihrem 19. Lebensjahr keine einzige Lücke mehr im Lebenslauf.

Das muss weh getan haben

Und dann, im Dunst des Zigarrenrauchs der Nachbartische fällt noch der Name Kofler. Uhh. Den habe er vergrätzt, der Leo. Weil er sich schon im Sommer 1996 für Hahn als Kronprinz entschieden hatte. Kofler gehörte auch zu den Kirch-Jüngern. Aber Kofler und Hahn sind keine Männer, die gemeinsam Bergsteigen gehen. Das liegt nicht nur am unterschiedlichen Fitnesszustand. Dass der Kofler Schorsch als Premiere-Chef zeigte, wie man ein Pay-TV-Unternehmen erfolgreich leitet, muss weh getan haben. Vor allem dem Dieter.

Kofler aber ist raus bei Premiere und verkündete genau einen Tag nach dem Kirch-Scoup seine eigenen Pläne zur Rettung der Welt. Er macht jetzt in Maschinenbau und erneuerbaren Energien. Die Meute sagt: "Der wusste doch was von dieser neuen Konstellation!" Die Münchner Mediengesellschaft ist klein. Sie traut niemandem mehr und allen alles zu.

Seine Schaltzentrale in der "KF 15"

Ein paar Blöcke weiter Richtung Innenstadt beleuchten die Straßenlaternen der Kardinal Faulhaber-Straße die Nacht. Kein Mensch ist hier um diese Zeit. An diesem Ort residierten die Herren Kirch und Hahn in den vergangenen fünf Jahren. Kirch spazierte fast täglich in sein Büro, das im selben Gebäudekomplex liegt wie das Fünf-Sterne-Hotel "Bayerischer Hof". Der zweite und der dritte Stock des mondänen Hauses mit der bezeichnenden Adresse "KF15" sind seine Schaltzentrale.

Bis vor ein paar Monaten war es sehr ruhig dort. Ein paar vertraute Mitarbeiter hatten an neuen "Themen" gebastelt. Hörbücher mit News-Inhalten und Handyfilmrechte zum Beispiel. Nebenbei versuchte man die vielen Privatadressen von Rolf Breuer ausfindig zu machen, weil man ihm Einschreiben zustellen wollte. Breuer war Chef der Deutschen Bank und weil er 2002 etwas sagte, was man als Bankchef besser nicht sagen tut, bekam er viel Post von Kirchs Anwälten.

"Der hellste Stern am Nachthimmel"

Das Büro in der KF15 sei kein glamouröses Büro, sagen Leute, die schon drin waren. Aber es sei ein gut bewachtes. Vor der schweren Holztür prangt ein Schild mit dem jetzt erst richtig bekannt werdenden Namen Sirius. Es ist schon immer da. Sirius ("der hellste Stern am Nachthimmel") ist die Keimzelle des Kirchimperiums. Damit hat alles angefangen. Oben drinnen, im Flur, hängen Bilder mit Filmplakaten. Fellini's "La Strada" zum Beispiel. Der Teppichboden knarzt wie auf einer Skihütte. Kirchs Büro ist ein unscheinbarer Raum mit hohen Decken und etwas zu grellem Licht. Um die Ecke sitzt der 46-Jährige Dieter, der sich kaum verändert hat in den letzten zehn Jahren. Das ist der Vorteil, wenn man schon mit 35 sehr alt aussieht.

Keine 30 Meter weiter südlich, neben dem Lodenfrey-Haus am Promenadeplatz, ist das Büro der Anwälte Peter Gauweiler und Wolf-Rüdiger Bub. Alles dunkel. Auch Gauweiler und Bub gehören zur Kirch-Connection. Man kennt sich von früher, als Gauweiler noch aktiv die bayerische Politik mitbestimmte. Die Staranwälte vertreten Herrn Kirch seit fünf Jahren bei der Anklage gegen die Deutsche Bank. Die Chancen stehen gut. Für Kirch. Im Schumanns kursieren Gerüchte, man werde sich bald mit der Bank vergleichen. Summen von einer Milliarde Euro sind im Gespräch. Legal? Illegal? Egal.

"Kommt einem sehr bekannt vor"

Um drei ist Schluss in Münchens schillernder Bar. Ein weiteres E-Mail eines Kollegen ist auf dem Computer zuhause. "Ich habe gerade aus meinem Mahagoni-Regal das Buch des Schriftstellers H.G. Wells herausgeholt und versuche anhand der spärlichen Beschreibungen die Zeitmaschine nachzubauen. Irgendwie kommt einem das doch alles sehr bekannt vor."

Eigentlich lieben sie Leo Kirch hier alle. Schön, dass er wieder da ist.


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