HOME

Ermittlungen gegen Fitschen und Co.: Deutsche Bank erwog Zerschlagung von Kirch-Gruppe

Bei den Ermittlungen gegen die Deutsche Bank im Fall Leo Kirch ist ein internes Dokument aufgetaucht, das belegen soll, dass sehr wohl eine Insolvenz des Medienkonzerns erwogen wurde.

Die Münchener Staatsanwaltschaft kommt bei ihren Ermittlungen gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen und frühere Top-Manager des Instituts wegen versuchten Prozessbetrugs voran. In dem Fall geht es um den seit Jahren währenden Streit des größten deutschen Geldhauses mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch. Sie werfen dem Institut vor, für die Pleite des Konzerns 2002 verantwortlich zu sein und fordern Schadenersatz in Milliardenhöhe. Nun seien Dokumente aufgetaucht, nach denen es bei der Bank vor der Insolvenz der Kirch-Gruppe konkrete Planspiele zur Zukunft des Medienkonzerns gegeben hat, wie zwei mit dem Prozess vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag sagten.

Die Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach, dass vier ehemalige Vorstände und Fitschen im Schadenersatz-Prozess um die Kirch-Pleite gelogen haben sollen. Sie hatten unter anderem erklärt, der Bank sei es nie um ein Beratungsmandat von Kirch gegangen.

Die neuen Informationen seien in dem Datenmaterial entdeckt worden, das bei dem Institut beschlagnahmt worden war, sagten die Insider. Der Rechtsstreit zwischen den Kirch-Erben und der Bank geht auf ein Interview des früheren Vorstandschefs Rolf Breuer vor mehr als zehn Jahren zurück. Darin hatte dieser Zweifel an der Kreditwürdigkeit des Unternehmers genährt. Das Oberlandesgericht München hatte der Bank vor einem Jahr deswegen eine Mitschuld an dem Zusammenbruch des Konzerns im Juni 2002 gegeben. Um die Höhe des Schadenersatzes wird allerdings noch gerungen.

Kirch-Erben müssen an Insolvenzverwalter nachzahlen

Die konfiszierte E-Mail könnte den Ermittlern zumindest bei den Prozessbetrugs-Untersuchungen gegen Breuer neue Munition geben. Er gehört laut Finanzkreisen zum Adressatenkreis des elektronischen Briefes, in dem Anfang 2002 ein Investmentbanker unter dem Projektnamen "Barolo" Vorschläge machte, wie die hoch verschuldete Kirch-Gruppe aufgespalten und profitable Teile davon verkauft werden könnten, um sie vor der Pleite zu retten. Dazu gehörten die Beteiligungen an der Formel 1, am Medienkonzern Axel Springer und an der Bezahlfernsehsparte Kirch PayTV. Die Deutsche Bank war zu der Zeit ein großer Kreditgeber Kirchs.

In einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" hieß es, die Staatsanwaltschaft wolle unter anderem Breuer, Fitschen und dessen Vorgänger Josef Ackermann noch im Januar dazu vernehmen. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich nicht. "Unsere Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen", sagte ein Sprecher. Reuters hatte im November erfahren, dass eine Anklage wahrscheinlich sei. Auch die Deutsche Bank und Kirch nahmen keine Stellung. Ackermann hatte versucht, die Verwertung der konfiszierten Daten in dem Prozess zu verhindern, war aber mit einer Verfassungsbeschwerde dagegen abgeblitzt.

Die Deutsche Bank bestreitet, dass Breuer Kirch absichtlich mit dem Interview in die Enge treiben wollte, um einen lukrativen Beratervertrag an Land zu ziehen. Sie habe sich nur als Vermittler angeboten. Ein anderer Senat des Oberlandesgerichts München hatte unlängst festgestellt, dass Kirchs Taurus Holding schon zwei Monate vor Breuers Äußerungen hätte Insolvenz anmelden müssen. Mit dem Urteil müssen die Kirch-Erben knapp 1,8 Millionen Euro an den Insolvenzverwalter von Taurus zurückzahlen. Für den Vorwurf des Prozessbetrugs ist das allerdings ohne Belang.

ono/Reuters / Reuters