BÖRSE Aufräumen am Neuen Markt geht weiter


Die Liste der verglühten Börsenstars wird immer länger. Für den als »Qualitätssegment« gestarteten Börsenplatz geht das vorerst dunkelste Jahr zu Ende.

Das Aufräumen am Neuen Markt geht rasant weiter. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Hiobsbotschaften für die Anleger. EM.TV, Intershop, Brokat, Kinowelt, Lobster - die Liste der verglühten Börsenstars wird immer länger. Wenn derzeit über das am 10. März 1997 gestartete »Qualitätssegment« an der Frankfurter Börse gesprochen wird, ist immer häufiger das Wort »Insolvenzantrag« zu hören.

Schwerer Imageschaden

Aktionärsschützer und Börsianer sind sich einig: die Mischung aus Größenwahn, krimineller Energie sowie Unfähigkeit von Aufsichtsräten haben dem Neuen Markt einen schweren Imageschaden eingehandelt. Unerfahrene Anleger liefen oft blind ins Verderben, Schwindel erregende Kursgewinne verwandelten sich mehr als einmal in Totalverluste.

Mühsamer Prozess wartet

Für Andreas Hürkamp, Analyst bei der Düsseldorfer WestLB, steht fest: »Das Jahr 2001 war wohl das dunkelste für den Neuen Markt.« Die kränkelende Konjunktur wird die Auslese noch beschleunigen. »Ich denke, es wird ein mühsamer Prozess sein, das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen«, sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre (SdK). »Wachstum auf Teufel komm raus« ist für sie ein Grundübel vieler gestrauchelter Unternehmen.

Gigabell waren die Ersten

Den unrühmlichen Anfang machte das Frankfurter Telekom-Unternehmen Gigabell. Nur ein Jahr nach dem Börsendebüt im August 1999 musste Gigabell Insolvenz anmelden. Das Geld der Anleger war verbrannt, die Übernahmen zahlten sich nicht aus. Im Februar 2001 folgte der Rausschmiss aus dem Neuen Markt.

Geschäftsmodell fehlte

Wassili Papas von Union Investment ist nicht überrascht von den jüngsten Pleiten: »Viele Unternehmen hatten kein tragfähiges Geschäftsmodell. Dazu kamen Kursmanipulationen wie bei Metabox, Biodata und Infomatec.« Die auf Sicherheits-Software spezialisierte Biodata Information Technologie AG wurde Opfer der eigenen Wachstums-Hektik gewesen, urteilte der Insolvenzverwalter Fritz Westhelle. Versagt haben oft auch überforderte Aufsichtsräte, sagt SdK- Sprecherin Keitel. Nicht selten saßen Familienangehörige, Freunde oder Bekannte des Vorstandes im Aufsichtsrat.

Regeln wurden schärfer

Mit dem Internet-Dienstleister Kabel New Media wurde Anfang Oktober erstmals nach Einführung der verschärften Börsenregeln eine Pleitefirma aus dem Neuen Markt geworfen. Als Grund nannte die Deutsche Börse das im August gegen die Hamburger Aktiengesellschaft eröffnete Insolvenzverfahren. Außerdem hatte das Unternehmen Börsenregeln bei der Vorlage des Geschäftsberichts nicht erfüllt.

Auch Übernahmen verringerte Zahl

Bisher wurden nach Angaben einer Börsensprecherin mit Gigabell und Teldafax nur zwei Firmen von allen Kurszetteln gestrichen, weil sie ihre Berichtspflichten nicht erfüllten. Auch Übernahmen verkürzten die Liste in den vergangenen Monaten: So verschwanden der Online-Broker Entrium Direct Bankers, die LHS Group, der Online-Händler ricardo.de und United Visions, die mit Scholz & Friends fusionierten. 332 Gesellschaften sind am Neuen Markt gelistet.

Freiwillige Wechseler

Andere Neue-Markt-Unternehmen wechselten freiwillig das Börsensegment, auch um dem negativen Image zu entkommen. Der Hamburger Musikkonzern edel music schied im Oktober als viertes Unternehmen in diesem Jahr aus dem Neuen Markt und wechselte in den Geregelten Markt. Vor edel hatten 2001 bereits Sunburst Merchandising, Refugium Holding und Team Communication den Neuen Markt verlassen. Insgesamt sind bisher 23 Unternehmen aus dem Segment ausgeschieden, sieben befinden sich in akuten Zahlungsschwierigkeiten und andere in Übernahmeverhandlungen.

Nicht nur schwarze Schafe

Fondsmanager Papas setzt auf die Selbstheilungskräfte des Marktes. »Das Problem wird sich von selbst lösen«, sagt er. Auch Aktionärsschützerin Keitel sieht nicht nur schwarze Schafe: »Es gibt immer noch gute Unternehmen am Neuen Markt.« Anleger sollte jedoch vorsichtig sein, da auch Biodata noch bis vor wenigen Monaten als solides Unternehmen galt. »Mir macht der Neue Markt derzeit keine Sorgen«, zeigte sich auch Marius Hoerner, Analyst bei Lang & Schwarz optimistisch und fordert: »Wir dürfen die Intershops und Kinowelts nicht als die Regel hinstellen.«

Elke Pfeifer


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