Hauptversammlungen Allianz der Kleinen mit den Mächtigen?


Den Spitzen einiger Großunternehmen könnten stürmische Monate bevorstehen: Die Hauptsaison der Hauptversammlungen (HV) hat begonnen und einige Treffen versprechen spannend zu werden, denn der Unmut der Aktionäre wächst.

Den Spitzen einiger deutscher Großunternehmen könnten stürmische Monate bevorstehen. Deutschlands Manager geraten zunehmend in die Kritik. Kursverluste, umstrittene Strategien und die nach Meinung vieler Aktionäre überhöhten und undurchsichtigen Bezüge der Chefetage sorgen für Unmut. Auch das Auftreten mancher Vorstände wie das des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann im Mannesmann-Prozess oder des kürzlich geschassten Infineon-Chefs Ulrich Schumacher verärgert manchen Anleger. Die Hauptsaison der Hauptversammlungen (HV) hat begonnen und einige Treffen versprechen spannend zu werden.

Strittige Strategie, unmoralisches Verhalten

Volkswagens (HV am 22.4.) Premiumstrategie zum Beispiel ist umstritten, die HypoVereinsbank (29.4.) muss ihre ungültige Aufsichtsratswahl vom vergangenen Jahr wiederholen. Die in einigen Unternehmen verbreitete Praxis, ehemalige Vorstandsmitglieder in den Aufsichtsrat durchzureichen, wird von den Aktionären zunehmend in Frage gestellt. Die Münchener Rück (26.5.) hatte im vergangenen Jahr unter anderem wegen ihrer kriselnden Erstversicherungs-Tochter Ergo erstmals seit 1949/50 einen Verlust eingefahren. Die Spitze der Commerzbank (12.5.) strich die Dividende für 2003 und beschnitt die Betriebsrenten der Mitarbeiter, tastete eigene Bezüge aber nicht an.

Aktionärsvertreter fordern deshalb die Durchsetzung eines Verhaltenscodex für Unternehmen. "Was bei allen diskutiert werden wird, ist das Thema Vergütung", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Struktur der Entlohnung müsse nachvollziehbar für jedes Vorstandsmitglied offen gelegt werden, fordert auch Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Erstmals Kritik von Fondsgesellschaften

Einen Vorgeschmack, wohin der Weg künftig gehen könnte, gaben die Aktionäre von DaimlerChrysler. Die Chefetage wurde auf der HV vor Ostern heftig unter Beschuss genommen. Das Novum: Die Kleinanleger erhielten Unterstützung von einigen Fondsgesellschaften. Bei der Abstimmung wurde die Führungsriege von den enttäuschten Anlegern mit Wahlergebnissen von weniger als 90 Prozent abgestraft.

"Für deutsche Verhältnisse ist das eine gewaltige Ohrfeige", sagt Keitel. Doch bei Abstimmungen repräsentierten die Kleinanleger nur einen winzigen Bruchteil des Aktienkapitals. Um ihrer Kritik mehr Gewicht zu verleihen, bräuchten sie Stimmen der Fondsgesellschaften. "Ich denke, das würden die Unternehmen ernster nehmen." Keitel fordert daher den Schulterschluss mit den institutionellen Anlegern. "Das sind absolut identische Interessen."

Öffentliche Kritik

Die so Umworbenen haben sich mit Kritik, vor allem aber mit demonstrativen Verwarnungen an der Wahlurne, bisher zurückgehalten. Die Fondsgesellschaft DEKA Investment vollzog jetzt einen Kurswechsel. Bislang hätten die Gesellschaften Kritikpunkte mit den Firmen in kleinen Gesprächsrunden besprochen, sagt Michael Schneider, DEKA-Fondsmanager. Seine Gesellschaft verweigerte dem Vorstand von DaimlerChrysler die Entlastung. Dies sei ein "Strategiewechsels". "Wenn wir berechtigten Anlass zur Kritik haben, werden wir diese auch öffentlich äußern", sagt Schneider, schränkt aber ein: "DaimlerChrysler war der größte Sündenfall in letzter Zeit."

Bei der Investment-Tochter der Deutschen Bank, DWS, gibt man sich zurückhaltender. Kritik am Kurs der Unternehmen werde sehr wohl öffentlich geübt, sagt Sprecher Claus Gruber. "Ich kann nicht sagen, dass wir mit unserer Meinung hinterm Berg halten." Das Abstimmungsverhalten werde aber nicht kommentiert.

Große Töne, nichts dahinter?

"Viele Fondsvertreter spucken zwar große Töne, ändern aber nichts", kritisiert Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Bislang spielten Abhängigkeiten gegenüber Banken immer noch eine größere Rolle als die Anlegerinteressen. Die Kleinaktionäre würden zwar zunehmend selbstbewusster, von Verhältnissen wie in Frankreich, wo rebellierende Kleinaktionäre kürzlich das Management von Eurotunnel stürzten, sei man in Deutschland aber noch weit entfernt, sagt Kurz.

Michael Friedrich, dpa DPA

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