VG-Wort Pixel

Smartwatches Seit Jahren ist die Apple Watch ungeschlagen, jetzt planen die Konkurrenten gemeinsam ihre Revanche

Fitness-Tracker gehören für viele Menschen zum Sport dazu (Symbolbild)
Fitness-Tracker und Smartwatches werden immer beliebter werden (Symbolbild)
© filadendron / Getty Images
Obwohl die Apple Watch nur mit iPhones funktioniert, dominiert sie den Smartwatch-Markt. Mit dem Einkauf von Fitbit will Google seine eigene Plattform nun endlich konkurrenzfähig machen. Und holt sich mit Samsung einen potenten Verbündeten ins Boot.

Smarte Technik, tolle Sportfunktionen und ein schicker Look: Seit Jahren erobern Smartwatches und Fitness-Tracker immer mehr Handgelenke. Doch während bei reinen Fitness-Geräten durchaus Konkurrenz herrscht, gibt es bei den schlauen Uhren einen klaren König: An die Apple Watch kommt keiner heran. Google und Samsung wollen das endlich ändern. Und sind dafür sogar zu einem drastischen Schritt bereit.

Denn obwohl die beiden Konzerne beim Smartphone-Betriebssystem Android eng zusammenarbeiten, sind sie bei Smartwatches bisher Konkurrenten. Auf den Galaxy-Uhren des koreanischen Technikriesen läuft statt Googles System die Eigenentwicklung Tizen. Das will Samsung jetzt aufgeben. Und gemeinsam mit Google und dessen zugekaufter Tochter Fitbit alles in einer Waagschale werfen: Das komplett neu gedachte Smartwatch-System Wear soll die Übermacht Apples brechen.

Alles auf eine Karte

Samsungs Entscheidung ist durchaus bemerkenswert. Das hervorragend bedienbare Tizen gilt als einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Samsung anders als die meisten anderen Hersteller Apple überhaupt einen nennenswerten Marktanteil bei Smartwatches abluchsen konnte. Knapp zehn Prozent der im letzten Weihnachtsquartal verkauften Smartwatches stammten von Samsung, berichten die Analysten Counterpoint Research. Fitbit landete mit 7 Prozent immerhin auf Platz vier. Gegen den Platzhirsch stinkt allerdings keiner an: Mit satten 40 Prozent krallte sich Apple mehr Markanteil als die vier größten Konkurrenten zusammen.

Mit der Zusammenarbeit wollen Google und Samsung diese Herausforderung nun endlich ernsthaft angehen. Dass die beiden so weit hinter Apple zurückliegen, ist in erster Linie an einigen Fehlentscheidungen Googles begründet. Denn die Chancen des Konzerns standen zu Anfang eigentlich bestens. Die ersten Uhren mit Googles System Wear OS waren mehr als ein halbes Jahr vor dem Verkaufsstart der ersten Apple Watch auf dem Markt. Anders als Apples Uhren funktionierten sie auch mit dem viel weiter verbreiteten Android-Smartphones. Und doch schaffte es erst Apple den Markt für Smartwatches im Alleingang zu öffnen.

Das lag zum einen an Googles Partnern. Als erstes stürzten sich die Techkonzerne auf den Markt. Doch die leisteten sich einen entscheidenden Fehler: Sie betrachteten Smartwatches als Minicomputer am Handgelenk, die Designs wirkten sehr technisch und unbeholfen. Apple dagegen platzierte seine Watch von Anfang an auch als Schmuckstück, das mit schickem Design und Wechselbändern auch als Statussymbol taugte. Das Design der Android-Uhren wurde erst Jahre später mutiger und schicker - als die Uhrenbranche aus Angst, seine Felle davonschwimmen zu sehen, seine schicken Modelle auch als smarte Variante anboten. Beispiele hierfür sind etwa die Modemarke Fossil oder der Edelhersteller Tag Heuer.

Google stand sich selbst im Weg

Was blieb, waren die Probleme von Wear OS. Während Google den Smartphone-Herstellern bei der Nutzung von Android jede Menge Freiheit lies, war man beim Uhren-System extrem strikt. Das hatte Folgen: Jede der Uhren bediente sich gleich, hatte auf dem Bildschirm denselben Look. Den Herstellern blieb nicht mal die Option, sich mit tollen Features oder Zusatzfunktionen abzusetzen. Dass Samsung daraus motiviert sein eigenes System Tizen entwickelte und damit deutlich mehr Erfolg hatte, spricht Bände.

Person legt Fitnesstracker an das Handgelenk an

Google scheint daraus gelernt zu haben. Beim nur noch Wear genannten System will der Konzern nun alles anders machen. Zwar gibt es eine Standard-Variante für Hersteller. Wer will, kann die aber in alle möglichen Richtungen verändern. Selbst wenn alle zukünftig vorgestellten Samsung-Uhren mit Wear laufen sollen, dürfte die smarte Steuerung über die drehbare Lünette den Samsung-Fans also erhalten bleiben. Bei der Bedienung will Google ohnehin mehr von Tizen lernen. Samsung soll das neue System nicht nur nutzen und anpassen, sondern auch aktiv bei der Entwicklung unterstützen. Das dürfte sich vor allem bei der zugänglicheren Oberfläche schnell bemerkbar machen.

Mehr Freiheit für Innovationen

Auch unter der Haube will Google vieles anders machen als bisher. So sollen Fitness-Daten - ohne Zweifel für viele Nutzer eine der wichtigsten Funktionen einer Smartwatch - nicht nur genauer erfasst, sondern auch für Entwickler leichter nutzbar werden. "In der Vergangenheit mussten sie die Daten mühsam aus dem ganzen System zusammensammeln", gibt Wear-Chefentwickler Björn Kilburn zerknirscht gegenüber "Wired" zu. "Nun bringen wir sie alle zusammen." Dazu wurde die Schnittstelle für Gesundheitsdaten kräftig überarbeitet. Dadurch bekommen Hersteller die Option, ihren Kunden auch weiterhin die eigene, gewohnte Oberfläche zur Übersicht über die eigenen Daten anzubieten. Viele wegen der Übernahme durch Google ängstliche Fans von Fitbit dürften erleichtert aufatmen.

Mindestens genauso wichtig ist die größere Freiheit bei der Hardware. Bisher nutzen nahezu allen Android-Uhren einer Generation dieselben Qualcomm-Chips. Mit dem Einstieg Samsungs und dessen selbst entwickeltem Exynos-Prozessor kommt nun mehr Bewegung in den Markt. Noch wichtiger ist aber, dass endlich die Beschränkung bei den Sensoren wegfällt. Bisher konnten die Hersteller nur dann neue Sensoren verbauen, wenn Google diese über das System offiziell unterstützte. Innovationen wurden also durch fehlende Updates ausgebremst.

Jetzt sollen die Hersteller unabhängiger werden und weitere Messgeräte einfach selbst im System einbauen können. "Spezialfunktionen wie ein EKG sind nun komplett Sache des Herstellers", erklärt Kilburn. Ob die Möglichkeit zur Innovation genutzt würden, sei damit Sache des einzelnen Geräts. Für die drei beteiligten Unternehmen ist das sofort ein Mehrwert: Während Googles System etwa ein EKG bislang nicht unterstützte, bieten sowohl Fitbit- als auch Galaxy-Uhren die Funktion schon länger. Aber auch Dritthersteller haben nun mehr Möglichkeiten, sich mit cleveren Lösungen von der Konkurrenz abzusetzen.

Dass auch Samsung ins Boot kommt, dürfte neben der größeren Freiheit des neuen Systems aber noch einen anderen Grund haben. Einer der wichtigsten Kritikpunkte von Tizen war die mangelhafte Unterstützung mit Apps. Im Vergleich zu den Unmengen an Watch-Apps für die Apple Watch hinkt allerdings auch Googles Angebot noch stark hinterher. Selbst viele Standard-Apps des Systems wirken veraltet. Das soll sich mit dem aktuellen Vorstoß ändern. Google will die eigenen Apps aufpolieren, mehr der eigenen Dienste auch als Wear-Version anbieten. Mit dem größeren Marktanteil durch Fitbit- und Samsung-Uhren hofft man zudem auch attraktiver für Dritt-Entwickler zu werden.

Ob die neue Strategie ein Erfolg wird, muss sich zeigen. Die schon jetzt beliebten Geräte von Fitbit und Samsung dürften allerdings eine sehr gute Grundlage bieten, schon seit längerem gibt es zudem Gerüchte, dass Google seine Pixel-Smartphones mit einer eigenen  Uhr ergänzen will. 

Quellen: Google-Präsentation, Counterpoint Research, Wired


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker