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Kriegsmüdigkeit unter Verbündeten Kalte Berechnung: Russland hofft, dass die internationale Unterstützung den Winter nicht überlebt

Borodjanka: Ein verlassener Spielplatz liegt verschneit vor zerstörten Gebäuden. Moskau darauf, dass das Verhältnis zwischen Kiew und seinen Verbündeten den Temperaturen entsprechend abkühlt
Borodjanka: Ein verlassener Spielplatz liegt verschneit vor zerstörten Gebäuden. Moskau darauf, dass das Verhältnis zwischen Kiew und seinen Verbündeten den Temperaturen entsprechend abkühlt
© Pool Philip Reynaers / BELGA / DPA
Der Kreml setzt alles daran, die Ukraine in einem dunklen Winter zu zermürben – Väterchen Frost als Waffenbruder. Gleichzeitig hofft man in Moskau, dass die Allianz mit dem Westen die kalten Monate nicht überleben wird.

Die Wettervorhersage für Freitag: 3 Grad in Cherson, -2 Grad in Charkiw, -1 Grad in Kiew. Und es wird kälter. "In diesem Winter wird es ums Überleben gehen", brachte es Hans Kluge, der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), vergangene Woche auf den Punkt. Die kommenden Monate würden für Millionen Menschen in der Ukraine "lebensbedrohlich" sein, ist er sich sicher.

Tatsächlich ist der erste Schnee ist in der ukrainischen Hauptstadt bereits lange gefallen – die Würfel im Krieg aber noch nicht. Und so baut Moskau darauf, dass das Verhältnis zwischen Kiew und seinen (noch) zahlungswilligen Verbündeten den Temperaturen entsprechend abkühlt. Damit liegt es – erneut – am Westen sicherzustellen, dass die Ukrainer ihren Kampf fortsetzen können.

Kampf auf Pump: Der Westen hält bankrotte Ukraine am Leben

Mitte November begann Russland mit dem bis dato heftigsten Bombardement der zivilen Infrastruktur im Nachbarland. Zwischenzeitlich waren Berichten zufolge rund 40 Prozent der ukrainischen Energieinfrastruktur durch russische Luftangriffe beschädigt oder komplett zerstört worden, Millionen Menschen saßen im kalten Dunkeln. "Das Ausmaß der Zerstörungen ist kolossal", sagte Wolodymyr Kudryzkyj, der Chef des ukrainischen Stromnetzbetreibers Ukrenerho vergangenen Dienstag. Die Invasoren wollen "uns einfrieren, unseren Strom, unsere Heizung und unsere Generatoren zerstören", sagte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko in einem Interview mit der US-Zeitschrift "Politico". 

Die ukrainische Energieversorgung ist schlicht anfällig. Der Energiekonzern DTEK musste bereits Mitte September seine Produktion im 16 Prozent erhöhen, um landesweiten Blackouts vorzubeugen. Energieimporte sind keine Option: Kohlepreise sind im Ausland rund dreimal höher, nicht viel anders sieht es beim Strom aus, so die US-Denkfabrik "Atlantic Council". Dass in Großstädten wie Kiew überhaupt noch Licht brennt, liegt auch daran, dass die Nachfrage seit Kriegsbeginn zwischenzeitlich um mehr als ein Drittel gesunken ist.

Was auch klar sein muss: Dass die Ukraine nicht längst finanziell kollabiert ist, dass Renten und Beamtengehälter auch nach neun Monaten Krieg weiter ausgezahlt werden, dass die Infrastruktur (Krankenhäuser, Banken, etc.) standhält – all das liegt ausschließlich an den bis heute tiefen Taschen ihrer Verbündeten. Die Unsummen, die der Westen in die Ukraine pumpt, sind ebenso wichtig wie die gelieferten Waffensysteme, schreibt das US-Magazin "Foreign Affairs" treffend. 

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erklärte kürzlich, die Ukraine benötige täglich drei Milliarden US-Dollar, um das kommende Jahr zu überstehen – fünf Milliarden, sollte der Beschuss durch die russischen Angreifer zunehmen. Laut "Foreign Affairs" gehen Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass die ukrainische Wirtschaft bis Ende des Jahres um mindestens 35 Prozent schrumpfen wird. Die UN schätzt sogar, dass neun von zehn Ukrainern bis Weihnachten verarmt sein könnten.

Die Ukraine ist auf die Gastfreundschaft des Westens angewiesen – und die kennt Grenzen

Hinzukommt die größte europäische Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg: Seit dem russischen Einmarsch im Februar sind rund 7,7 Millionen der 44 Millionen Ukrainer ins Ausland geflohen. Ihre bisher offenen Arme lassen sich Kiews Verbündete einiges kosten. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt , dass allein Polen mehr als 8,3 Milliarden Euro für die Unterbringung und Versorgung ukrainischer Flüchtlinge ausgeben wird. Eine im September vom UN-Flüchtlingshilfswerk durchgeführte Umfrage unter ukrainischen Flüchtlingen ergab, dass 68 Prozent der Befragten noch nicht erwerbstätig waren. Fast die Hälfte von ihnen war von Hilfsprogrammen als Haupteinkommensquelle abhängig.

Doch ist die Heimat der Vertriebenen auf die Gastfreundschaft im Westen angewiesen. Bereits im Oktober rief Iryna Vereshchuk, die stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes, alle ins Ausland geflohenen Ukrainer auf, frühestens im Frühjahr in ihre Heimat zurückzukehren. "Wir müssen den Winter überleben", zitiert sie die britische BBC.

Nur gibt es bereits Anzeichen dafür, dass die Hilfsbereitschaft schwindet. Bulgarien setzte sein Hilfsprogramm für die Unterbringung von Flüchtlingen wegen "mangelnder Dankbarkeit" aus, in Polen sollen Flüchtlinge bald die Gemeinschaftsunterkünfte mitfinanzieren müssen. Auch für den freigiebigen Verbündeten Großbritannien, in dem seit Kriegsbeginn drei Premierminister vereidigt wurden, könnte zumindest die finanzielle Solidarität angesichts des eigenen, völlig maroden Staatshaushalts Grenzen haben. 

Ukraine-Krieg ist größte Sorge der Menschen in Deutschland:

Gleiches gilt für die USA, wo die Republikaner nach der Rückeroberung des Repräsentantenhauses bei den Midterms der Blanko-Scheck-Politik der Biden-Regierung einen Riegel vorschieben könnten. Auch in Deutschland macht sich die vielbesungene Kriegsmüdigkeit offenbar bemerkbar. Laut einer Umfrage des MDR gab mehr als die Hälfte der 24.000 Befragten ihre Hilfsbereitschaft für die Ukraine als "gering" an. Dem RTL-Trendbarometer zufolge befürchtet jeder zweite Deutsche Versorgungsengpässe im Winter. Der unausweichliche Gedanke: Wir müssen uns zuerst um uns kümmern. 

Zeit für Verhandlungen? Kiew fühlt sich unter Druck gesetzt

Dass die europäische Nächstenliebe Grenzen kennt, weiß man auch in Kiew. Laut der US-Denkfabrik "Center for Strategic and International Studies" (CSIS), sieht sich Präsident Wolodymyr Selenskyj zunehmend von westlichen Diplomaten unter Druck gesetzt, in Verhandlungen mit dem Kreml aufzunehmen – auch, wenn das bedeutet, dass Kiew Zugeständnisse an Moskau machen müsste. Erst kürzlich, so berichtet CNN,  erklärte der oberste Militärkommandant der USA, General Mark Milley, dass man Kiew allmählich zu Gesprächen drängen sollte. Zwar ruderte das Weiße Haus schnell zurück. CSIS zufolge fürchten US-Beamte allerdings tatsächlich zunehmend, Putin könne sich angesichts der zahlreichen Niederlagen alsbald in die Eskalation flüchten. In den USA spräche man inzwischen von einer Politik der "kalkulierten Zurückhaltung". Der Raketeneinschlag in Polen hat deutlich gemacht, wie wenig es bräuchte, um das Pulverfass sprichwörtlich zum Explodieren zu bringen. 

Der nationale Sicherheitsberater der USA, Jake Sullivan, hatte Selenskyj erst Anfang November einen Besuch abgestattet. Offiziell sollte er "die unerschütterliche Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Ukraine und ihr Volk unterstreichen", wie es aus dem Weißen Haus hieß. Tatsächlich aber habe er Selenskyj in Sachen Gesprächsbereitschaft auf den Zahn fühlen sollen. "Er hat das Wasser ein wenig getestet", sagte eine mit den Treffen vertraute Person laut dem US-Sender "NBC News".

Offiziell betonen die westlichen Verbündeten freilich weiterhin die Entscheidungshoheit Kiews in Sachen Verhandlungen. "Wir würden es gerne sehen, wenn es zu Gesprächen käme" zitiert das Nachrichtennetzwerk "Conversation" einen anonymen westlichen Diplomaten "mit direkter Kenntnis" der militärischen Operationen bereits Ende Oktober. "Im Winter verlangsamt sich alles" – die Weihnachtszeit als Gelegenheit zur Einsicht?

Dabei richten sich die Blicke hoffnungsvoll gen Ankara: Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der es zur Meisterschaft darin gebracht hat, auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, dürfte im Fall der Fälle die entscheidende Vermittlerrolle zukommen – was Erdogan dann wiederum als Faustpfand einsetzt, um seinerseits Druck auf die Nato-Partner auszuüben. 

Weil sich Kiew wegender erfolgreichen Offensiven der vergangenen Monate und Moskau trotz dieser jedoch weiterhin unversöhnlich gegenüberstehen und offenbar nicht bereit sind, von ihren Kriegszielen auch nur einen Millimeter abzurücken, dürfte die kommenden Monate (Experten gehen laut "New York Times" von bis zu einem halben Jahr Winterpause aus) aber eher der Vorbereitung von Frühjahrsoffensiven dienen.

Putin, da sind sich die CSIS-Experten sicher, baut darauf, dass die Allianz die kalte Jahreszeit nicht ohne schwere Beziehungskrise übersteht. Moskau angesichts der gezielten Bombardierung ziviler Strukturen entgegenzukommen würde allerdings einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Es könnte der unwiderrufliche Eindruck entstehen, dass man aus Angst vor dem kalten Winter Putin für seine Aggressionen auch noch belohnt. 

Quellen: "Atlantic Council"; "Center for Strategic and International Studies"; "Grid"; "Conversation"; "Foreign Affairs"; mit Material der dpa

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