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Meinung

Braunkohle-Demo: Unlautere Horrorszenarien - RWE hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt

Es ist das gute Recht von Arbeitern, auf die Straße zu gehen und für ihre Jobs zu kämpfen. Aber die Horrorszenarien, mit denen RWE, Gewerkschaften und manche Landespolitiker versucht, aus der Jobangst Kapital zu schlagen, sind unlauter.

Ein Kommentar von Rolf-Herbert Peters

Demo pro RWE in Bergheim

Mehrere tausend Menschen demonstrieren in Bergheim, wo die Kohlekommission tagt, für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze in der Braunkohleförderung

DPA

Unter dem Motto "Wir sind laut für unsere Jobs" sind in Bergheim, nahe dem Hambacher Forst, gerade tausende RWE-Mitarbeiter, die vom rheinischen Braunkohleabbau leben, auf der Straße, um für ihre Arbeitsplätze zu kämpfen. Für Jobs, die vielleicht in zwölf Jahren (!) auf dem Spiel stehen könnten. Denn früher werden die Bagger in dem 400 Meter tiefen Loch kaum stillstehen.

Dennoch werden die Arbeiter und Funktionäre Untergangsszenarien apokalyptischen Ausmaßes ausrufen, die bislang den Klimawandelwarnern vorbehalten waren. Politiker aller Parteien werden ihnen beispringen und fordern, dass Arbeitsplätze jetzt erst mal wichtiger sind als der Klimaschutz - um es kurz zu sagen.

Zeit für Besonnenheit und Vernunft

Es wird dringend Zeit, Besonnenheit und Vernunft einkehren zu lassen.

Zeiten und Märkte ändern sich. Damit müssen Konzerne leben. Und RWE ist nichts anderes als ein ganz normaler Konzern, auch wenn er sich gern als systemrelevant und unersetzbar darstellt.

Leider müssen fast immer erst einmal Mitarbeiter daran glauben, wenn ihre Arbeitgeber die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Wir erleben das gerade wieder bei den jüngsten Entlassungswellen. So hat die Telekom-Tochter T-Systems angekündigt, rund 6000 Stellen abzubauen. Die Deutsche Bank: mehr als 7000. Der Essener Chemiekonzern Evonik: bis zu 1000. Siemens: 2900. Thyssenkrupp: rund 2000. Der Windanlagenbauer Vestas: mehrere hundert. Die Reihe lässt sich leicht fortsetzen.

RWE hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Seit Jahrzehnten gewähren die Essener Manager den Erneuerbaren Energien in ihrem Geschäft nur eine traurige Nebenrolle. Vielmehr haben sie zu lange darauf gesetzt, dass die Politik auf ihre Warnungen vor Versorgungsengpässen und explodierenden Strompreisen hört und ihren fossilen Kraftwerken dauerhaft Flankenschutz gibt.

Aber nun, da Sonnen- und Windstrom preiswerter herzustellen sind als Kohlestrom (wenn man die wahren Folgekosten einberechnet) und die Stromausfälle abnehmen, obwohl immer mehr grüner Strom im Netz ist, stehen diese Argumente auf wackeligem Grund. Und die Deutschen haben nach diesem übermäßig heißen und trockenen Sommer ohnehin mehr Furcht vor der Erderwärmung als vor Stromausfall: Mehr als dreiviertel von ihnen wollen ein schnelles Ende der Kohleverstromung.

Die Welt wird für die Braunkohlearbeiter nicht untergehen

Es ist trotz allem das gute Recht von Arbeitnehmern, auf die Straße zu gehen und für ihre Jobs einzutreten. Aber wie RWE, die eng verbündete Gewerkschaft IG BCE und manche Landespolitiker den Braunkohle-Mitarbeitern Zukunftsängste einbläuen, ist unlauter.

Nein, die Welt wird für sie nicht untergehen. Erstens sind viele von ihnen hochqualifiziert und werden schnell andere Jobs finden – Facharbeiter werden händeringend gesucht, allein im Rheinland gibt es über 60000 offene Stellen! Zweitens werden sie – im Gegensatz zu den Kollegen bei der Telekom, Siemens oder Thyssenkrupp - durch ein milliardenschweres Programm für den Strukturwandel gestützt werden, was vor allem für die ostdeutschen Abbaugebiete entscheidend ist. Und drittens gehen mindestens zwei Drittel der Betroffenen bis 2030 sanft hinüber in die Rente.

Auch die Bäcker, die im Horrorszenario der RWE-Manager mit dem Ende des Braunkohleabbaus ins Nichts gerissen werden, leben weiter. Denn auch Jobwechsler und Rentner brauchen Brot.

Notärzte versorgen einen Mann, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen war. Er überlebte nicht.