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British American Tobacco: "Wir sind eine wenig innovative Industrie"

Es ist Weltnichtrauchertag und fast alle machen mit. Denn kaum etwas scheint zurzeit verpönter zu sein, als Rauchen. Da stellt sich die Frage: Wie geht die Tabakindustrie damit eigentlich um? stern.de hat beim zweitgrößten Zigarettenhersteller nachgefragt.

Herr Schenk - wie fühlt man sich als Vertreter einer untergehenden Industrie?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich sehe mich nicht als Vertreter einer untergehenden Industrie.

Wirklich nicht?

Nein, ich glaube, dass es auch langfristig einen Wunsch und eine Berechtigung für Tabakgenuss geben wird. Von daher sehe ich zwar Herausforderungen für die Zukunft, uns aber nicht als untergehende Industrie.

Rauchen ist gesellschaftlich verpönt, selbst im tabakfreundlichen China werden demnächst Rauchverbote erteilt. Das kann ihnen nicht gefallen.

Doch, sie gefallen mir dann, wenn sie darauf abzielen, ein Problem zu lösen. Etwa das Problem, wenn Nichtraucher mutwillig, willkürlich und gegen ihren Willen Rauch ausgesetzt werden. Und natürlich brauchen wir Maßnahmen, die dafür sorgen, dass Nichtraucher und erst Recht Minderjährige vor möglichen negativen Folgen des Passivrauchens geschützt werden. In der Konsequenz muss das ja nicht bedeuten, dass es keinen Platz mehr für die Raucher gibt. Aber wenn solche Regelungen im Konsens und Dialog gefunden werden, dann hilft es eher als das es schaden würde.

Wenn Sie sich um gegenseitige Rücksichtnahme bemühen, warum entwickelt ihre Industrie nicht Zigaretten, die möglichst wenige Menschen stören? In andere Branchen ist es ja auch normal, dass Produkte weiterentwickelt, oder verbessert werden.

Das ist die größte Herausforderung, vor der unsere Branche steht. Auch mein Eindruck ist, dass wir eine weniger innovative Industrie sind. Erst Recht nicht, wenn es darum geht, Alternativen zu bieten, die das Risiko von Tabakgenuss deutlich beeinflussen. Die größte Erfindung der letzten 50, 60 Jahre war der Acetatfilter. Unser Traum wäre natürlich, wenn es die risikolose Zigarette gäbe. Davon sind aber weit entfernt. Alternative Produkte, wie Zigaretten, die sich nur erwärmen statt zu verbrennen, werden vom Verbraucher nicht so richtig angenommen. Andere risikoreduzierte Produkte, wie zum Beispiel Snus, sind bis auf Schweden in der EU sogar noch verboten. Also: Wir lehnen keine Innovationen ab, würden es aber sehr begrüßen, wenn die Politik auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft.

Wie sieht ihre erste Bilanz des Rauchverbots in Deutschland aus?

Nicht gut. Wir haben hier wenig einheitliche Regelungen, die Verbraucher sind verunsichert, die Gastronomie ist verunsichert, viele kleinere Betriebe leiden an starken Umsatzverlusten. Insgesamt ist das eine unschöne Situation. Und natürlich bekommen wir auch Konsumverzicht zu spüren.

In welcher Höhe etwa?

Das spielt sich im Moment ungefähr in der Größenordnung von fünf Prozent ab - was ungefähr unseren Erwartungen und Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern entspricht. Diese Einbußen stellen für uns aber kein großes Problem dar.

Wie würde denn eine Lösung aussehen, wenn Sie sie sich aussuchen könnten?

Ich bin ein großer Befürworter der Wahlfreiheit. Es spricht nichts dagegen, Gastronomen selbst darüber entscheiden zu lassen, ob sie ihre Lokale Rauchern oder Nichtrauchern zur Verfügung stellen wollen, wie es im Saarland möglich ist. Bei einer deutlichen Kennzeichnung ist eine bewusste Entscheidung des erwachsenen Einzelnen, ob sie als Raucher gegebenenfalls aufs Rauchen verzichten müssen, oder ob Nichtraucher sich dem Rauch aussetzen wollen. Was anderes sind Lokale, in denen sich viele Minderjährige aufhalten. Wie zum Beispiel Fast-Food-Restaurants. Da bin ich für ein generelles Rauchverbot.

Freuen Sie sich klammheimlich darüber, dass sich viele Kneipiers Tricks und Kniffe ausdenken, um das Rauchverbot zu umgehen?

Nein, darüber freue mich nicht. Es gibt in Bayern etwa ein Theater, in dem Rauchen als Aufführung mit Zuschauerbeteiligung verkauft wird. Und gleich der Verdacht aufkommt, dahinter stecke die Tabakindustrie - was natürlich Blödsinn ist. Freuen werde ich mich dann, wenn wir es schaffen mit der Politik und der Gesellschaft in einen Dialog treten um eine tragfähige Lösung zu finden. Diese kleinen Scharmützel hier und da bringen nichts, sondern schaffen nur weitere Probleme und verschärfen den Konflikt zwischen Rauchern und Nichtrauchern. Das können wir nicht wollen.

Wenn die bisherige Entwicklung der Rauchverbote weitergehen sollte, könnten Zigaretten eines Tages ganz verboten werden. Das werden sie noch viel weniger wollen.

Richtig. Und ähnliche Verbote hat es ja schon gegeben, wie zu Zeiten der Prohibition in den USA. Doch das hat ja nicht dazu geführt, dass kein Alkohol mehr getrunken wurde, sondern, dass die Industrie in die Illegalität getrieben wurde - und damit mehr Probleme verursacht hat als Lösungen. Der Mensch hat ein Genussbedürfnis. Und die Gesellschaft muss klären, ob sie eine genusslose und vermeindlich risikolose Gesellschaft sein will oder nicht. Aber diese Diskussion geht weit über Tabak und Tabakgenuss hinaus.

Trotz schrumpfender Umsätze etwa hier in Deutschland, steigt die Zahl der von ihnen produzierten Zigaretten. Das Werk in Bayreuth meldet mit 43 Milliarden Zigaretten einen neuen Produktionsrekord. Wo kommen den plötzlich die ganzen Raucher her?

Zwei Dinge sind entscheidend: Der Gesamtkonsum ist in den westeuropäischen Ländern rückläufig. So um ein, zwei Prozent herum. Aber es gibt Umsatzveränderungen zugunsten oder zu Lasten der Wettbewerber. In den meisten Ländern haben wir einen Marktanteil zwischen 20 und 30 Prozent - da haben wir also noch Wachstumsmöglichkeiten trotz des Rückgangs des Gesamtkonsums. Und Bayreuth ist heute das größte Produktionszentrum unseres Konzerns weltweit mit Exportanteilen von nahezu 70 Prozent. Ich finde, das ist eine tolle Geschichte für den Standort Deutschland: Produktion wird nicht weg verlagert, sondern hier weiter ausgebaut.

Sie beklagen sich über den zunehmenden Zigarettenschmuggel. Was genau ist eigentlich das Problem?

Es gibt in der EU ein sehr großes Gefälle bei Tabaksteuern und damit bei Preisen, etwa zwischen Deutschland und fast allen seiner Nachbarn – insbesondere Richtung Osten. Durch den Wegfall der Grenzkontrollen ist ein riesiges Geschäft noch weiter gewachsen, Zigaretten aus einem günstigen Land in einem Teuren weiterzuverkaufen - ein Geschäft, in dem sich vor allem die Organisierte Kriminalität tummelt.

Aber das ist doch ein Problem für den Staat, dem Steuereinnahmen verlustig gehen. Für sie ist der Job erledigt, wenn die Zigaretten erstmal hergestellt und verkauft sind.

Leider nicht. Im Schnitt verdient heute der Staat an jeder Zigarette 75 Prozent. Das heisst, jede Zigarette, die in Deutschland geraucht, aber nicht versteuert wird, belastet den Staat mit 75 Prozent Ausfall, den Handel und die Industrie mit 25 Prozent. Das Entscheidende aber sind die kriminellen Strukturen, die damit verbunden sind: Markenfälschung, Produktpiraterie, Steuerhinterziehung. Dadurch entstehen Probleme, die weder uns als Industrie, noch die Politik und die Gesellschaft kalt lassen kann.

Zum Beispiel?

Nehmen die die Zigarettenfälschungen. Wir bemühen uns darum, schadstoffärmere Zigaretten zu produzieren. Wenn aber Kriminelle, sagen wir mal, Treibhölzer verarbeiten, dann sind die Risiken erheblich höher als bei Produkten, die nach EU-Normen hergestellt wurden,

Wir reden also über zwei Probleme: Zum einen das des Zigarettenschmuggels und das der Fälschung. Welches wiegt ihrer Ansicht nach schwerer?

Beides ist nicht schön. Aber eindeutig schwerer wiegt die Fälschung. Wenn unsere eigene Ware geschmuggelt wird, stimmt zumindest die Qualität und die Marke nimmt keinen Schaden. Bei Fälschungen sieht das leider ganz anders aus.

Woher kommen die illegalen Zigaretten?

Die allermeisten aus Osteuropa und Asien. Ab und an finden wir das sehr genau heraus und dann wird auch mal eine Fabrik geschlossen - oft in osteuropäischen Ländern, aber sehr viele Zigaretten kommen aus China, die ja weithin bekannt dafür sind.

Wer steckt dahinter?

Auf jeden Fall eine riesige Mafia. Es geht schließlich um Milliarden – allein der volkswirtschaftliche Schaden 2007 betrug nur in Deustchland mehr als fünf Milliarden Euro.

Früher wurde der Tabaklobby nachgesagt, einen sehr großen Einfluss auf die Politik zu haben, viele meinten einen zu großen. Mittlerweile befinden sie sich in der Schmuddelecke. Werden sie da je wieder herauskommen?

Ich fühle mich keineswegs in der Schmuddelecke. Wir haben viele Gegner und das ist in Ordnung so - solange die Auseinandersetzung sachlich ist und auf Fakten beruht. Aber natürlich gibt es Dinge, die wir verbessern können und müssen. Wir haben wieder einen Verband, den Deutschen Zigarettenverband gegründet, der über einen Etat in Höhe von rund zwei Millionen Euro verfügt. Mit dessen Hilfe wollen wir uns der Diskussion mit der Gesellschaft stellen. Was anderes wäre nicht möglich, wir können ja schlecht unseren Willen der Mehrheit in diesem Land aufzwingen.´

Man kann davon ausgehen, dass in Zukunft immer weniger geraucht werden. Produzieren sie in 20 Jahren immer noch Zigaretten?

Ja. Ich bin sicher, dass selbst in 50 Jahren noch auf der Welt geraucht werden. Sicher viel weniger als heute. Aber selbst die Weltgesundheitsorganisation, einmal von einer tabakfreien Welt geträumt hat, geht mittlerweile für das Jahr 2050 von insgesamt 1,5 Milliarden Rauchern aus. Zigaretten werden weiterhin zu unseren Produkten gehören und dazu werden sicher auch neue, innovative Produkte kommen.

Interview: Niels Kruse
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