Der Fall Zumwinkel Das sagen die stern.de-Leser


Der Skandal um Klaus Zumwinkel spaltet die stern.de-Leser. Widerfährt hier einem betrügerischen Spitzenmanager Gerechtigkeit? Oder ist Post-Chef Zumwinkel das Opfer eines ungerechten Steuersystems? Einig sind sich die Leser nur in einem: In ihrem Misstrauen in die Justiz.

Der Vorsitzende der Deutschen Post AG, Klaus Zumwinkel, ist zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Gleichzeitig gibt es nach Angaben des Bundesfinanzministeriums Hunderte weitere Verdächtigte, die Geld am Fiskus vorbei nach Liechtenstein geschleust haben sollen.

Unter den stern.de Lesern ist das Entsetzen über das Ausmaß der Krise groß. We dieser neue Skandal zu bewerten ist, ist jedoch höchst umstritten. Hat die Staatsanwaltschaft endlich einen jener Wirtschaftsbosse erwischt, die sich in betrügerischer Absicht am Staat vergehen? Oder handelt es sich um eine Intrige, die den Post-Chef böswillig ins Abseits drängen soll? Handelt es sich um einen Triumph für diejenigen Bürger die immer brav ihre Steuern zahlen und auf diesem Wege Gerechtigkeit erfahren? Oder ist Zumwinkel das Bauernopfer eines Steuersystems, das die meisten für ungerecht halten und deshalb selbst gerne umgehen (würden)?

Glückwünsche für die Ermittler

Die meisten Leser von stern.de freuen sich über den Coup der Staatsanwaltschaft. So gratuliert "Karl-Unold" den Ermittlern: "Nicht nur Die Revolution frisst ihre Kinder, nein, auch das kapitalistische System frisst sein eigenes, von ihm gezüchtetes Muster-Kind! Kompliment und Dank an die Justiz!" Kaum jemand äußert sich über das persönliche Schicksal von Zumwinkel, vielmehr wird der Fall als exemplarisch für das Verhalten der Wohlhabenden betrachtet. Die jüngsten Debatten über Tarifverhandlungen einerseits und Managergehälter andererseits spielen dabei eine wichtige Rolle: "Das Tragische daran ist, diese Leute waren und sind die Protagonisten eines Systems, das von anderen Verzicht verlangt.", gibt "Tomrobert", wie viele andere auch, zu bedenken.

Trotzdem sind sich nicht alle Leser sicher, ob sie dem Vorgehen der Staatsanwaltschaft trauen. So hat "Berlinger" zum Beispiel den Verdacht, dass es sich um das Werk "mediengeiler Staatsanwälte" handele. Denn "Sie sind mit großem Tamtam angerückt, um Papiere mitzunehmen." Auch "Nostradamus" schreibt: "Der Verdacht, dass es sich um eine Art Racheaktion an Herrn Zumwinkel handelt liegt jedenfalls sehr nahe. Da will einer einen demütigen."

Kein Vertrauen in die Justiz

Erstaunlich ist, dass kaum ein stern.de-Leser daran glaubt, dass Zumwinkel eine harte Strafe erwartet. So klagt "Cairol" zum Beispiel: "Wenn ein Topmanager Millionen hinterzieht, zahlt er kalt lächelnd eine Strafe und kann nach Hause gehen, hat aber immer noch Millionen auf der hohen Kante." Auch "Mannebacher" erwartet "wieder einen Kuhhandel mit der Staatsanwaltschaft" und fragt, "wie soll ein Richter nur noch einen Schwarzarbeiter aburteilen mit Hinweis auf unsere sauberen Manager die mit fast weißer Weste aus solchen Skandalen hervorgehen?" Niemand scheint sich auf die Justiz zu verlassen.

stern.de-Leser "Traldors" klagt, "'Recht' hat in Deutschland zunehmend derjenige, der es sich leisten und nehmen kann." Deshalb warnt "Digitalus" auch den zuständigen Staatsanwalt: "Die Öffentlichkeit wird sehr genau beobachten, ob ein ehemaliger Staatsbediensteter genauso verurteilt wird, wie die Privatperson Peter Graf. Ein Lehrstück der Glaubwürdigkeit bundesdeutscher Gerichtsbarkeit. Hier wird man sehen ob das Rechtssystem noch funktioniert, oder ob es bereits von Seilschaften korrumpiert ist."

Zumwinkel "einer von uns"

Allerdings ist unklar, ob wirklich alle Leser von stern.de eine harte Bestrafung unterstützen würden. So bekennt "Loki-Asgard": "Für mich ist dieser Mann ein Held. Steuern sind Diebstahl." Eine Auffassung, die viele Leser zumindest teilweise teilen. Auch "Alexander0815" zeigt Verständnis für den Verstoß gegen geltendes Recht: "Bei den heutigen Steuern, der Verschwendung durch den Staat und den sozialen Schmarotzern in unserem Land, läuft das bei mir - ganz grob gesagt - unter dem Begriff 'Notwehr'." Und auch "cklasseking01" gibt zu bedenken: "Jeder würde doch Steuern hinterziehen, wenn es ginge! Aber der kleine Steuerzahler kennt nicht die Mittel, auch hat er Angst vor den Konsequenzen!"

Eine Sichtweise, die "Der_liebe_Gott" teilt: "Die meisten von uns würden es auch tun, wenn sie die Gelegenheit hätten. Und würden den Hals auch nicht voll kriegen können. Das ist diese "ich bin doch nicht blöd"-Mentalität. Dem Staat wird nichts geschenkt, die Kommune und die Stadt bescheißt man, wo's nur geht. Man freut sich diebisch, wenn's klappt. Fast alle machen das so. Zumwinkel macht's nur in größerem Stil. In dem Sinn ist er auch nur "einer von uns". Diese Vorgänge sind für "Asteriskina" Anlass genug das Steuersystem zu überdenken: "Maßvolle Steuern könnten eine andere Sichtweise auf die Steuerlast werfen, zusätzliche Volksentscheide die Bürger aus der Entmündigung entlassen."

So oder so, sind so gut wie alle Kommentatoren wütend und erwarten, dass dieser Skandal zu Konsequenzen führt. Stellvertretend für viele fragt "Tiamat": "Wie kann man Jugendlichen Vorbilder schaffen, wenn es solche Leute gibt? Soll es so weitergehen?"

sh/mtg

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