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Deutsche Bank: Mit der Norisbank ran an den kleinen Mann

Die Deutsche Bank will auf dem Heimatmarkt punkten. Deshalb hat sie die Nürnberger Norisbank erworben. Im Visier: "kleine Leute", die sich nicht an die Deutsche Bank herangewagt hätten.

Die Deutsche Bank hat zur Stärkung des Privatkundengeschäfts ihre Einkaufstour auf dem Heimatmarkt fortgesetzt. Nur sechs Wochen nach der Übernahme der Berliner Bank hat der Branchenprimus für 420 Millionen Euro die Nürnberger Norisbank erworben. Die Übernahme umfasse den Namen, die 98 Filialstandorte sowie die rund 334 000 Kundenverbindungen, erklärte die Deutsche Bank am Freitag in Frankfurt. Die Zentrale der Norisbank sowie ihr Hauptprodukt, der Konsumentenkredit "easy credit", verbleiben bei der genossenschaftlichen DZ-Bank-Gruppe. Nach beiden Zukäufen wird die Bank im lange vernachlässigten Heimatmarkt rund 700.000 neue Kunden betreuen - bislang zählt das Institut 8,5 Millionen Privatkunden.

Schritt kam überraschend

Der Schritt kam überraschend, weil im Bieterwettstreit zuletzt die Commerzbank als Favorit gegolten hatte. "Die Transaktion unterstreicht, dass wir bereit sind, auch im hart umkämpften deutschen Markt Akquisitionen durchzuführen, wenn sie in unser strategisches Gesamtkonzept passen", sagte Deutsche Bank-Vorstandschef Josef Ackermann. Die größte deutsche Bank hatte erst kürzlich Interesse an weiteren Zukäufen im Inland bekundet. Das Privatkundengeschäft sei "eine wichtige Ertragssäule" innerhalb des Konzerns, sagte der Bankchef. Mit der auf Konsumentenkredite spezialisierten Norisbank erweitere sein Haus die führende Position im Heimatmarkt. Privatkunden-Chef Rainer Neske betonte: "Das Konsumentenkreditgeschäft ist eines unserer Wachstumsfelder, das wir beschleunigt ausbauen wollen."

Die Zukäufe sind Teil der neuen Ausrichtung, bei der die Bank neben dem erfolgreichen Investmentbanking auch wieder verstärkt auf Privatkunden setzt. Die Deutsche Bank will zudem auf dem Heimatmarkt punkten. Seit Anfang 2005 kämpft der Branchenprimus mit Imageproblemen, als Ackermann den Abbau von 6400 Stellen - davon 2300 in Deutschland - trotz eines Rekordgewinns verkündet hatte. Vor einem guten halben Jahr hatte die Bank einen ihrer offenen Immobilienfonds vorübergehend dicht gemacht und damit Tausende von Kleinanlegern verunsichert. Erst nach Protesten wurde eine Entschädigung für mögliche Verluste angekündigt.

Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Commerzbank

Die Norisbank ist eine Tochter der genossenschaftlichen DZ Bank, dem zentralen Institut der Volks- und Raiffeisenbanken. Die Übernahme umfasst auch ein Kreditvolumen von 1,4 Milliarden Euro und Einlagen von 1,6 Milliarden Euro. Die bekannte Marke "easy credit" verbleibt ebenso wie die rund 550 Mitarbeiter bei der DZ-Bank. Der Kredit soll künftig über die rund 900 Filialen der Volks- und Raiffeisenbanken verkauft werden, sagte Norisbank-Chef Théophil Graband.

Die Deutsche Bank will die Marke Norisbank weiterführen. Auf den ersten Blick scheinen die Deutsche Bank und die Norisbank nicht zusammen zu passen: Hier das Edel-Institut, das sich eher an gutbetuchte Kunden wendet - dort die kleine Verbraucherbank, die vor allem mit ihrem "Easy Credit" für den kleinen Sparer erfolgreich wurde. Doch laut Branchenkenner Konrad Becker, Analyst bei der Privatbank Merck Finck & Co., macht der Kauf der Noris Bank für die Deutsche Bank durchaus Sinn: "Die Deutsche Bank ist bei den Teilzahlungskrediten schon jetzt auf Platz drei in Deutschland, hinter Citibank und Bank Santander. Aber weiteres Wachstum fällt schwer: Die so genannten "kleinen Leute", die mal eben ein paar tausend Euro Kredit für die neue Stereoanlage oder das Auto brauchen, trauen sich erst gar nicht in die Filialen der Deutschen Bank." Mit dem Kauf der Noris Bank, deren Filialen unter dem jetzigen Namen weitergeführt werden, komme die Deutsche Bank jetzt auch an die weniger reichen Kunden heran - und habe damit die "Chance, bei Kreditvolumina auf Platz zwei der deutschen Bankenlandschaft aufzusteigen", so Analyst Becker gegenüber stern.de.

"Norisbank passt gut zu uns"

"Die Norisbank passt sehr gut zu uns, weil sie eine eingeführte Marke mit Konsumentengeschäft ist und ein Filialnetz mit breitem Kundenstamm hat, das erhalten bleibt", sagte auch ein Deutsche-Bank-Sprecher. Die Deutsche Bank wolle den neuen Kunden hauseigene Produkte wie Fonds und Aktien anbieten und hoffe auf Synergieeffekte. Der Kauf werde voraussichtlich im vierten Quartal 2006 vollzogen und stehe noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Behörden. An der Börse legte die Deutsche Bank am Freitag etwas weniger zu als der DAX und notierte am Vormittag 0,38 Prozent teurer bei 87,21 Euro.

Die Deutsche Bank hatte erst im Juni die Berliner Bank für 680 Millionen Euro erworben und so ihr Privatkundengeschäft in Deutschland gestärkt. Die Deutsche Bank verdiente zuletzt rund drei Viertel ihres Gewinns im Geschäft mit Großkunden und im Investmentbanking. Die Norisbank will den Verkaufserlös zur Expansion ins europäische Ausland verwenden. Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Commerzbank habe die Deutsche Bank die Nase vorn gehabt. "Das Gesamtpaket war etwas besser", sagte Norisbank-Chef Graband. Mit der Transaktion hat die Deutsche Bank zum zweiten Mal die Commerzbank ausgestochen, die sich sowohl bei der Berliner wie auch bei der Norisbank am Bieterwettstreit beteiligt hatte.

DPA/Nikola Sellmair / DPA