HOME

Discounter: Milchbauern drohen mit Lieferstopp

Aldi Nord, Lidl und Rewe haben die Milchpreise deutlich gesenkt. Doch die Freude der Verbraucher könnte von kurzer Dauer sein: Zehntausende Milchbauern erwägen erstmals in der deutschen Geschichte einen Boykott - und damit einen Lieferstopp.

Von Björn Maatz

Die Preissenkungen bei Milch fielen mit zwölf Cent je Liter noch stärker aus, als im Vorfeld in Branchenkreisen erwartet wurde. Bei frischer fettarmer Milch entspricht dies einem Rückgang um 18 Prozent. Der führende deutsche Lebensmittelhändler Edeka kündigte für die kommenden Tage Milchpreissenkungen an.

Die Milchbauern sind erzürnt - und stellen für die noch anstehenden Preisrunden zwischen Molkereien und Einzelhändlern ein Ultimatum: "Die Molkereien sollen uns beweisen, dass sie an fairen Erzeugerpreisen interessiert sind", sagt eine Sprecherin des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Ein weiterer Preisrückgang würde für viele Betriebe das Aus bedeuten. Bauern seien schließlich nicht nur Erzeuger, sondern auch selbst Verbraucher und litten massiv unter gestiegenen Futtermittel-, Kraftstoff- und Produktionskosten.

"Die Molkereien haben es in der Vergangenheit versäumt, auf die Marktmacht des Einzelhandels zu reagieren", sagt Rudolf Schmidt, Referatsleiter Milch beim Deutschen Bauernverband. Mit Fusionen oder zumindest Kooperationen hätten die Molkereien ihre Position stärken können.

Ein Boykott würde sich schnell bemerkbar machen

Doch sollten die Molkereien den Einzelhändlern weitere Preissenkungen ermöglichen, könnte es dem BDM zufolge zu einem Boykott kommen, den die Verbraucher vor allem bei der Frischmilch "sehr schnell" bemerken würden. Dann gäbe es in den Kühlregalen der Supermärkte keine Milchpackungen mehr. Der BDM hatte zuvor seine rund 33.000 Mitglieder gefragt, ob sie auch "härtere Maßnahmen bis hin zu einem Lieferstopp" anwenden würden. 88 Prozent der an der Umfrage Beteiligten sagten "Ja", obwohl sie damit "ethische Probleme" hätten und die Frischmilch dann an eigene Kälber verfüttern oder gar wegkippen müssten. "Allein die Boykottandrohung zeigt doch, dass die Landwirte mit dem Rücken zur Wand stehen und vor drastischen Maßnahmen nicht zurückschrecken", sagt Schmidt.

In Deutschland gibt es nach Angaben des Milchindustrieverbandes rund 100.000 Milchbauern. Diese geben die Milch ihrer rund vier Millionen Kühe an knapp 100 Molkereien zur Weiterverarbeitung ab. Die Molkereien wiederum handeln im Frühjahr mit den großen Einzelhandelsketten die Preise aus. Bislang wurden die Preise für ein Jahr festgeschrieben - nach Informationen des Deutschen Bauernverbandes gelten die Verträge nun nur noch für ein halbes Jahr. "Bei den Verhandlungen unterbieten sich die Molkereien gegenseitig, um in die Listings der Einzelhändler zu kommen", sagt ein Sprecher des Milchindustrieverbandes. Diese machten mehr als 50 Prozent des Marktes aus und seien dementsprechend begehrt.

Milchindustrie ist gegen Preissenkungen

Ebenso wie der Deutsche Bauernverband und der BDM sei die Milchindustrie gegen Preissenkungen - diese ließen sich aber auf Grund des erhöhten Rohstoffangebots nicht verhindern. Nur rund zwei Drittel der Milch und Milcherzeugnisse bleiben in Deutschland, ein Drittel davon geht ins Ausland, davon bleiben wiederum zwei Drittel in Europa. Italien nimmt von dem fürs europäische Ausland bestimmten Anteil etwa die Hälfte ab. Doch das Land hat dem Milchindustrieverband zufolge inzwischen selbst zuviel Milch, so dass diese Ende vergangenen Jahres erstmals wieder Richtung Bayern zurückgeflossen sei.

"Wir treffen uns irgendwo im Binnenmarkt alle wieder", sagt der Sprecher des Verbandes. Die Niederlande kauft die deutsche Milch hauptsächlich zur Weiterverarbeitung für Käse ein, Frankreich produziert daraus H-Milch, Großbritannien Joghurt. Ein Drittel des deutschen Außenhandels entfällt auf Drittländer wie Russland, Japan, China und die USA, die je nach Bedarf daraus beispielsweise Hartkäse oder Babynahrung herstellen.

Milchbauern drohen mit Lieferstopp

Welche Milchmengen Bauern von ihren Kühen produzieren lassen und verkaufen können, regelt in Europa seit 1984 die Milchquote, welche die EU Mitte März um zwei Prozent erhöht hat. Wenn die Bauern diese überschreiten, müssen sie Strafen zahlen, sogenannte Superabgaben. Nach Schätzungen des Milchindustrieverbandes lagen diese für 2007 bei 8 Cent pro Liter. Generell bewege sich die Strafe zwischen 5 und 20 Cent pro Liter. Die meisten Milchbauern nähmen dies aber billigend in Kauf, weil sie sonst Quotenrechte an Milchbörsen erwerben müssten, die mit 15 bis 20 Cent pro Liter im Schnitt teurer seien. Mit Ausnahme von 2006 habe Deutschland in den vergangenen Jahren konstant die Quote überschritten. Wenn Bauern zuviel produzieren, bekommen sie eine Warnung von der Molkerei und liefern einfach weiter. "Das ist ein Systemfehler", sagt die BDM-Sprecherin.

Die Bauern seien die ersten in der Wertschöpfungskette und die letzten, die den Preis erführen. Sie produzierten so viel wie möglich und bekämen erst am Ende des festgelegten Zeitraums den Marktpreis mitgeteilt. Das sei vergleichbar mit einem Arbeitnehmer, der erst am Monatsende von seinem Arbeitgeber erfahre, welchen Lohn er erhält. Der BDM spricht sich daher für einen auskömmlichen Basispreis aus, der je nach Marktlage auch mal angehoben werden könnte. Zudem sollten die Bauern je nach Bedarf ihre Mengen anpassen. Doch keiner fühle sich für eine Neuregelung verantwortlich, klagt der Milchviehhalterverband: "Die Molkereien schieben das auf die Politik, die Politik wiederum gibt der Industrie die Schuld."

Vielleicht löst bald ein Boykott die Revolution von unten aus. Dem BDM zufolge würden die Molkereien inoffiziell einen Streik sogar begrüßen, würde dieser ihnen doch bei Preisverhandlungen helfen. Doch ob und wann es zu einem Lieferstopp kommt, will der BDM "vorher natürlich nicht" sagen. Schließlich wolle der Verband aus taktischen Gründen dem Einzelhandel nicht die Möglichkeit geben, sich darauf vorzubereiten.

FTD