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Drogeriekette Schlecker: Ein Imperium zerbricht

Jede zweite Schlecker-Filiale soll geschlossen werden. Tausende Mitarbeiter verlieren ihren Job. War die Pleite vermeidbar? Der Insolvenzverwalter macht dem Management massive Vorwürfe.

Der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz greift bei Schlecker hart durch. Besonders für die rund 25.000 Mitarbeiter der insolventen Drogeriekette kommt es schlimmer als befürchtet: Nur etwa jeder zweite kann seinen Arbeitsplatz behalten. 11.750 Beschäftigte müssen um ihren Job bangen. Ohne derart harte Einschnitte habe Schlecker keine Überlebenschance mehr, sagte Geiwitz am Mittwoch.

Von den aktuell 5410 deutschen Schlecker-Filialen sollen noch 3000 übrig bleiben. "Es wird zu mehr Filialschließungen kommen müssen als ich mir persönlich erhofft hätte", sagte Geiwitz. Die Einschnitte seien aber "aus meiner Sicht alternativlos". Die konkreten Zahlen könnten sich allerdings noch ändern. Ende März solle bereits das Insolvenzverfahren eröffnet werden. Danach dürfe Schlecker nicht mehr mit Verlusten weitergeführt werden. Sonst ließen sich auch keine möglichen Investoren finden. Mit dem Betriebsrat und den Gewerkschaften will der Diplom-Kaufmann Geiwitz bis dahin über einen Sozialplan verhandeln.

Erstmals nannte Geiwitz am Mittwoch Zahlen, die belegen, wie tief Schlecker in den roten Zahlen steckt: Allein im Jahr 2011 habe das Unternehmen des Kaufmanns Anton Schlecker mehr als 200 Millionen Euro Minus gemacht. Derzeit mache Schlecker pro Monat mehr als 20 Millionen Euro Verlust. "Die Analyse des Schlecker-Konzerns fällt in gewisser Weise dramatisch aus", sagte der Insolvenzverwalter. Selbst der Eigentümer-Familie sei das Ausmaß der Unternehmenskrise "tatsächlich nicht bekannt" gewesen.

Insolvenzverwalter kritisiert Schlecker-Führung

Schlecker habe "ganz wesentliche Modernisierungsmaßnahmen in verschiedensten Bereichen versäumt", bilanzierte Geiwitz weiter. Die Kette habe stets auf Wachstum gesetzt, "auf die Stärke durch Größe." Wichtige andere Belange, wie das Aussehen der Ladenlokale oder die Preisgestaltung seien derweil deutlich zu kurz gekommen. "Aus purem Wachstum heraus sind Probleme viele Jahre zu spät angegangen worden."

Geiwitz sieht wenig Chancen, dass die Kinder von Anton Schlecker, Meike und Lars, wie geplant den sanierten Konzern ihres Vaters aus eigener Kraft fortführen können. Ein neuer Investor für Schlecker sei wünschenswert, betonte er. Lars und Meike Schlecker hatten bereits kurz nach der Anmeldung der Insolvenz klargemacht, dass die Familie kaum noch Geld übrig habe. Schlecker führte das Unternehmen bisher in der Rechtsform eines Einzelkaufmanns, so dass die Pleite auch seine Privatinsolvenz bedeutet.

Der Insolvenzverwalter sieht sowohl im Sortiment als auch in der Verwaltung Optimierungsbedarf. Auch müsse Schlecker an seinem Image arbeiten: Die zahlreichen Arbeitnehmerkonflikte der Vergangenheit hätten dazu geführt, dass das Vertrauen der Kunden in den Betrieb geschrumpft sei. Geiwitz: "Wir brauchen einen kompromisslosen Kulturwandel bei Schlecker."

Gewerkschaften fordern Bruch mit altem Management

Bei den Gewerkschaften sieht man das ähnlich: "Wir brauchen bei Schlecker einen ganz klaren Neuanfang und das muss auch bedeuten, dass man sich von dem alten Management trennt", sagte eine Sprecherin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi stern.de. "Das betrifft sowohl die Personen als auch den Führungsstil." Verdi hatte Schlecker Anfang 2010 vorgeworfen, Mitarbeiter zu entlassen und über eine Leiharbeitsfirma zu schlechteren Konditionen wieder einzustellen.

Schon lange vor der Insolvenz im Januar sei klar gewesen, dass bei Schlecker etwas schief läuft, so die Sprecherin weiter. Schließlich seien bereits in den vergangenen Jahren Tausende Filialen geschlossen worden. Wichtig sei es jetzt, ein Gesamtkonzept für die Schlecker-Beschäftigten zu erarbeiten. "Es darf nicht dazu kommen, dass sich die Konkurrenten die Rosinen unter den Filialen aus der Insolvenzmasse herauspicken."

Der Schlecker-Gesamtbetriebsrat hatte vergangene Woche Staatshilfen zum Erhalt der Filialen in Dörfern und Kleinstädten gefordert. "Schlecker-Filialen sind für die Grundversorgung auf dem Land unverzichtbar", sagte die Rechtsanwältin Elke Lill, die den Gesamtbetriebsrat berät. Schon heute müssten Dorfbewohner oft mehr als 20 Kilometer bis zum nächsten Einzelhändler zurücklegen. "Insbesondere ältere Menschen ohne Auto und Internetzugang würden erhebliche Probleme bekommen, überhaupt noch Waren einkaufen zu können", so Lill.

Die ebenfalls insolvente Schlecker-Tochter "IhrPlatz" mit rund 6000 Arbeitsplätzen und 650 Filialen ist von den harten Einschnitten zunächst ausgenommen. Wie es mit ihr weitergeht, wird laut Geiwitz in Kürze bekannt gegeben. Die Schlecker-Auslandstöchter sind bislang nicht insolvent.

pen/AFP/DPA/Reuters / DPA / Reuters