VG-Wort Pixel

Milliardär ist ruiniert Der Untergang des Hauses Schlecker


Noch im Oktober wurde sein Vermögen auf 1,95 Milliarden Euro taxiert - jetzt ist alles weg. Drogeriekönig Anton Schlecker ist ruiniert. Seine Kinder geben sich dennoch optimistisch.

Von Anton Schlecker selbst hat Deutschland nie viel erfahren. Öffentliche Auftritte scheute er, über sein Vermögen gab es nur Schätzungen, und auch Interviews mied der Drogeriekönig - es sei denn, er musste sich gegen Ausbeutervorwürfe wehren wie 2010. Pressekonferenzen hielt das Unternehmen seit 1990 nicht mehr ab - bis zum heutigen Montag. Als Schlecker zum ersten Mal seit 22 Jahren Journalisten in der Ehinger Firmenzentrale versammelte, war der Firmenpatriarch gar nicht dabei. Tochter Meike musste die bittere Nachricht verbreiten: "Es ist nichts mehr da." Fünf Wörter braucht sie, um den Mythos ihres Vaters Anton Schlecker und der ganzen Familie zu entzaubern. Fünf Wörter für den Verlust eines Milliardenvermögens und einer Drogeriekette.

Noch im Oktober hatte das "Manager Magazin" in seiner jährlichen Schätzung der Superreichen das Vermögen der Familie Schlecker auf 1,95 Milliarden Euro taxiert. Und das waren schon 350 Millionen weniger als im Jahr zuvor. In der Liste der 500 reichsten Deutschen hatte nur die Eigentümerfamilie der Wacker-Gruppe mehr Geld verloren. Wo sind Schleckers Milliarden geblieben? Es gibt das Filialnetz, es sind Lager vorhanden, oder auch ein großes Anwesen im heimischen Ehingen. Der Immobilienbesitz ist ansonsten nicht groß: In den 6000 Läden der Kette ist Schlecker Mieter.

Warum die Insolvenz Schlecker privat voll trifft

Da die Drogeriekette als Anton Schlecker e.K. (eingetragener Kaufmann) firmiert, trifft die Insolvenz den 67 Jahre alten Firmengründer persönlich. Die Haftung wird durchgereicht. Was 1975 mit der ersten Filiale in Kirchheim/Teck im Kreis Esslingen begann und zu einem Drogerie-Imperium mit zeitweise 55.000 Mitarbeitern und zur Marktführerschaft führte, endet jetzt im Ruin. Das Filialnetz ist am Ende viel zu groß, Schlecker ist in jedem Dorf präsent. Seit Jahren sinken die Erlöse, die Konkurrenten haben komfortablere Geschäfte, "Fit for Future" ist bei Schlecker nur noch ein Programmname.

Viel drang von dem Milliardär, der als junger Mann zunächst in der Fleischwarenfabrik seines Vater gearbeitet hatte, nicht nach außen. Ganz schwäbischer Kaufmann legte er keinerlei Wert auf Repräsentieren und Öffentlichkeitsarbeit. Er lebte zurückgezogen in Ehingen und soll einen beeindruckenden Fuhrpark besitzen. Das Familienanwesen, keine zwei Kilometer von der Firmenzentrale entfernt, ist herrschaftlich, fällt inmitten biederer Ein- und Mehrfamilienhäuser aus dem Rahmen. "Die Schleckers nehmen nicht teil am öffentlichen Leben", sagt Ehingens Bürgermeister Andreas Baumann. Selbst beim jährlichen großen Handball-Turnier um den "Schlecker-Cup" sah man Anton Schlecker nie. Er selbst hat in Ehingen als Jugendlicher Fußball gespielt. "Respekt" genieße er bei den Bürgern für sein Lebenswerk, betont der Bürgermeister.

Das war es fast schon an Privatem, abgesehen natürlich von dem großen Knall 1987: In dem Jahr wurden seine Kinder entführt, Meike und Lars. Schlecker zahlte 9,6 Millionen D-Mark Lösegeld. Nach einem Tag waren die Kinder frei. Erst zwölf Jahre später wurden die Entführer Herbert Franz Jacoby, Wilhelm und Dieter Hudelmaier zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Die neue Generation Schlecker

Die Entführung hat Schleckers Bereitschaft, sich zu in der Öffentlichkeit zu zeigen, nicht gesteigert. Umso bemerkenswerter, dass seine Kinder keine Probleme damit haben. Sie werden schon länger vorgeschickt, wenn es gilt, Schlecker zu vertreten, das angekratzte Image des Unternehmens zu verbessern - und ihm ein menschlicheres Antlitz zu geben. Seit 2010 ist das ihre Mission. Lars Schlecker, 40, pflegt einen lockeren Auftritt, gerne mit offenem Hemd und Schmuck. Auch Schwester Meike, 38, einst aus London in die schwäbische Heimat zurückgekehrt, um Schlecker zu retten, gilt als charmant und sympathisch. Beide präsentieren Schlecker sehr offen. Als sich das Unternehmen 2011 gegen Vorwürfe wehren musste, die Mitarbeiter überfallener Filialen mit ihren Probleme alleine zu lassen, mussten ausgerechnet die beiden früheren Entführungsopfer ran, um Schlecker zu verteidigen.

Jetzt stehen auch die Kinder vor den Trümmern des Imperiums, das ihre Zukunft sein sollte. Meike Schlecker ringt an diesem Montag um Fassung und gibt sich kämpferisch: "Wir glauben an die Restrukturierung", sagt sie. Neue, großzügige Läden sollen die Kehrtwende bringen. Und auch die Marke Schlecker soll bleiben. Geld aus dem Familienvermögen steht nicht mehr zur Verfügung, aber über den finanziellen Ruin der Familie wolle sie sich nicht beschweren, sagt die blonde Schlecker-Tochter. "Wir werden zurechtkommen."

ben/mar/DPA/rtr DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker