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Dürre in Australien: Schafe zu adoptieren

Australien wird von einer extremen Dürre heimgesucht. Darunter leiden nicht nur Menschen, sondern auch die Tiere. Um die Not seiner Schafe zu lindern, setzt ein australischer Züchter auf eine findige Idee - und Unterstützung aus aller Welt.

Von Michael Lenz, Sydney

Im Uamby Flüsschen 50 Kilometer nordwestlich der Winzer- und Schafzüchterstadt Mudgee fließt kein Wasser mehr. "Ironischerweise bedeutet Uamby in der Sprache des Aboriginalstammes der Wiradjuri 'Wo sich die Wasser treffen'", sagt Daniel Kiely, durch dessen 680 Hektar große Uamby Farm der Fluss einstmals in weiten Bögen floss. Der 28-jährige züchtet Merinoschafe, deren Wolle heiß begehrt ist. Eine extreme Dürre hat den größten Teil Australiens fest im Griff. So auch die Uamby Farm. Das vergangene Jahr war eines der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen down under und gleichzeitig eines mit der geringsten Niederschlagsmenge. In manchen Regionen ist seit Jahren kein einziger Regentropfen gefallen.

Der Boden der Schafsweiden ist lehmigbraun. Tiefe Risse ziehen sich durch das von glühender Sonne festgebackene Erdreich. Die Tiere finden kein Futter mehr und auch die Wasservorräte gehen zur Neige. Ein Wasserloch ist bereits ausgetrocknet. Dem zweiten Tümpel droht in wenigen Wochen das gleiche Schicksal. Bedenklich niedrig auch der Pegel in den Regenwassertanks der Farm, aus denen Kiely sein Wasser für Dusche, Kochen und seinen geliebten Tee bekommt. "Wenn es nicht bald regnet, werde ich Wasser für uns und die Tiere kaufen müssen."

Känguruhs als Futterkonkurrenten

Futter für seine 2800 Schafe muss Kiely bereits kaufen. Er hatte mal 4800 Merinos. Für so viele Tiere gab es aber kein Futter mehr und Kiely verkaufte 2300 Schafe. Zum Schleuderpreis. "Wir hatten mit 40 Dollar pro Kopf gerechnet, aber nur fünf bekommen." Die Weiden sind kahl, ausgedorrt. So weit das Auge reicht ist nur noch braungelbe, knochentrockene Landschaft zu sehen, unterbrochen von grauschwarzen Felsblöcken und vereinzelten Eukalyptusbäumen mit blaugrünen, von feinem Staub bedeckten Blättern. In den Baumwipfeln leben Horden lauthals kreischender weißer Kakadus. An den Hängen rund um die Uamby Farm sind hoppelnde Kängurus auszumachen. Was den Besucher aus Deutschland entzückt, ist für den australischen Farmer eine Qual. "Die Kängurus sind die Futterkonkurrenten der Schafe." Die beiden südamerikanischen Alpacas, die hungrige Füchse von den Merinos fernhalten, verdienen durch ihren Wächterjob wenigstens noch ihr Futter.

Not macht erfinderisch. Der 28 Jahre alte Schafzüchter hofft die restlichen Tiere Dank einer Idee seines Vaters Michael Kiely, Marketingexperte in Sydney und Mitbesitzer der Farm, über die schlimmen Sommermonate zwischen Dezember und März bringen zu können: "Adopt A Sheep". Wer Mitleid mit den Schafen der Kielys hat oder einfach sein Umweltgewissen beruhigen möchte, der kann über das Internet ein Schaf "adoptieren". Für umgerechnet 21 Euro. "Davon können wir ein Schaf 100 Tage ernähren", sagt Daniel Kiely.

500 Liter Wasser für ein Glas Wein

Die Fahrt vom 260 Kilometer westlich von Sydney gelegenen Mudgee hinaus zur Uamby Farm führt zunächst durch sattgrüne Weingärten inmitten des gelbbraunen Einerleis. Die Reben werden durch Sprinkleranlagen großzügig bewässert. Was Daniel Kiely auf die Palme bringt. "Zur Produktion von einem Glas Wein werden 500 Liter Wasser benötigt", schimpft er. Ein Ende der Trockenheit ist nicht in Sicht. Die Chancen auf eine "normale durchschnittliche Regenmenge" schätzen die Meteorologen in den nächsten drei Monaten allerhöchstens 50 Prozent. Direkte Ursache der Dürre ist das Wetterphänomen El Niño. Jedoch sind sich die Experten weitgehend einig, dass auch der weltweite Klimawandel eine wesentliche Rolle spielt.

Normalerweise braucht Kielys in seinem Rang Rover raus zur Farm über staubige Feldwege dreißig Minuten. Bei meinem Besuch kurz Weihnachten jedoch fast die doppelte Zeit. Alle paar Minuten klingelt das Handy und Kiely muss anhalten, um den Namen des neuen Schafpaten, Emailadresse und vor allem den Namen zu notieren, der dem adoptierten Schaf zugedacht ist. Eine Floristin nennt ihres "Blütenblatt". Was viel schöner ist als "Sonntagsbraten", wie ein anderer Spender sein Schaf getauft hat. (Meines heißt übrigens Rosemary.) Diese Daten sind wichtig für die Urkunde, die jedem Paten ausgestellt und per Email zugeschickt wird. Im Haupthaus der Farm stapeln sich auf dem großen Esstisch die Briefe mit Adoptionsanträgen und Schecks. Das Emaileingangsfach in Daniels Apple-Computer quillt über. Immer wieder schüttelt Kiely ungläubig den Kopf und sagt: "Das ist verrückt." Die Kielys sind überwältigt vom Erfolg ihrer Kampagne. "Ich hätte mit 70, 80 Paten gerechnet", sagt Kiely. "Jetzt haben wir schon etwa 900."

"Öko-Nazis" und "Umweltspinner"

Davon wollte aber Australiens konservative Regierung bisher nichts wissen. Das Protokoll von Kyoto, Handel mit Kohlendioxidemissionsrechten - das ist in den Augen von Australiens konservativer Regierung alles Teufelszeug von "Öko-Nazis" und "Umweltspinnern", wie die medialen Hilfstruppen der Regierung in den Talk-Back-Radios und Boulevardzeitungen Umweltschützer nennen. Jetzt aber spürt Ministerpräsident John Howard die Hitze. Die Australier nämlich haben in neuesten Umfragen Wasser und Klima zu seinen Topsorgen erklärt und in diesem Jahr stehen Wahlen in Australien an.

Auch Bauern und Unternehmen beginnen in der umwelt- und klimapolitischen Passivität der Howard-Regierung das eigentliche Problem zu sehen. Immer mehr schließen sich der von Daniels Vater Michael Kiely ins Leben gerufenen "Carbon Coalition" an. Die angeschlossenen Farmen und Unternehmen wollen auf eigene Faust den Handel mit den Emissionsrechten einsteigen.

Wie die Kielys bangen die meisten Farmer um ihr wirtschaftliches Überleben. Daniel Kiely weiß von einem Nachbarn zu berichten, der sich aus lauter Verzweifelung das Leben nehmen wollte. "Das war eine lange Nacht mit vielen Tränen, reden und Bier, bis wir den von seinen Selbstmordabsichten runter hatten", erinnert sich Daniel. Aber so mancher Bauer mit dem wirtschaftlichen Ruin vor Augen und ohne einfühlsame Nachbarn sehen im Tod den einzigen Ausweg der "Schmach" zu entgehen, die Familie nicht mehr ernähren zu können. "Schon jetzt nimmt sich alle vier Tage ein Farmer das Leben", warnt die Hilfsorganisation für psychisch Kranke "Beyond Blue".

Futter vom Karnelvalsprinzen

Viel Schlaf bekommt Daniel Kiely in diesem Tag nicht. Die Farm bewirtschaftet der Junggeselle ohne Hilfe. Alleine das Füttern der Schafe nimmt einige Stunden in Anspruch. Kiely will es den Tieren abgewöhnen, angerannt zu kommen, sobald sie das Geräusch seines Traktors mit dem Futteranhänger voller Weizen und grauen Kügelchen aus Getreide und Nährstoffen, die Kiely "Schafsnüsse" nennt. "Stress tut den Tieren nicht gut und wirkt sich negativ auf die Qualität der Wolle aus", ist sich Kiely sicher. Also unternimmt er zusammen mit seinem Hund Raavi einen langen Spaziergang über die Weide, inspiziert austrocknende Wasserlöcher, kontrolliert den Zustand der Zäune, solange, bis sich die Schafe beruhigt haben. "Manchmal dauert das drei, vier Stunden", sagt er. Erst dann bekommen die Merinos ihr Futter. Der Traktor tuckert langsam im ersten Gang von selbst über die Weide, während Kiely wie ein Karnevalsprinz auf dem Anhänger steht und die das Futter mit einer Schaufel unter die hungrigen Merinos schippt.

Abends dann sitzt Kiely in seinem Sessel, Laptop im Schoss, beantwortet die Emails der Schafspaten und verschickt Adoptionsurkunden. Auf ihrer Webseite entschuldigen sich Kielys für die Verzögerungen beim Verschicken der Patenschaftsurkunden. "Wir bearbeiten die Anfragen rund um die Uhr. Da kann schon mal was schief gehen." Auch die Computer sind überlastet. Einer ist unter der Email-Last zusammengebrochen und den gesamten Email-Adressbestand mit in den Cyberorkus gerissen.

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