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Edeka gegen Rewe: "Abgerechnet wird nach Ladenschluss"

Erbittert ringen Rewe und Edeka um die Vorherrschaft im Einzelhandel. Mit der Übernahme des Discounters Plus hat Edeka-Chef Alfons Frenk eine entscheidende Schlacht gewonnen. Doch Deutschland wird langsam aber sicher zu klein für den Marktführer.

Von Katja Wilke

Er muss geahnt haben, dass er aus dem Rennen ist. Als Rewe-Chef Alain Caparros Anfang letzter Woche auf dem Deutschen Handelskongress in Berlin zum Podium schritt, war dem Franzosen auf den ersten Blick nichts anzumerken. Trat er doch auf wie immer: aufgeknöpftes rosa Hemd, pinkfarbenes Einstecktuch, braune Haut und viel Charme - so kennt die Branche den "Alain Delon des Einzelhandels", wie ihn ein Kongressteilnehmer halb spöttisch, halb ehrfürchtig nannte.

Doch der Inhalt seiner Rede ließ die Branchenvertreter aufhorchen: Unerwartet lange referierte der Rewe-Chef darüber, wie wichtig neben dem Inlandsgeschäft die Auslandsexpansion für seine Gruppe sei. Caparros stimmte ein Loblied auf die internationalen Märkte an - was hätte er sonst auch singen sollen?

Denn daheim zerrann ihm gerade der größte Deal im Einzelhandel seit Jahren unter den Fingern: Ausgerechnet Alfons Frenk, Chef des Hamburger Erzrivalen Edeka, schnappte Rewe den Tengelmann-Discounter Plus mit seinen 2900 Filialen und sieben Milliarden Euro Jahresumsatz vor der Nase weg.

Rückschlag für Rewe

Monatelang hatte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub parallel verhandelt: mit Edeka, dem Marktführer im deutschen Lebensmittelhandel, sowie Rewe, der Nummer zwei. Und so den Kaufpreis für Plus immer weiter in die Höhe getrieben. Einmal soll Caparros Haub sogar theatralisch sein Jackett hingehalten haben mit den Worten: "Hier, nehmen Sie das auch noch."

In der Nacht zum vergangenen Freitag fiel schließlich die Entscheidung. Bis sechs Uhr morgens habe man zusammengesessen, berichtet Haub, die oberste Führungsriege und Anwälte seien dabei gewesen, heißt es bei Edeka. Heraus kam eine Grundsatzvereinbarung: Ein neues Gemeinschaftsunternehmen wird errichtet, unter dessen Dach die Netto-Discounter von Edeka und die Plus-Märkte zusammengeführt werden sollen.

Eine bittere Nachricht für Rewe. Nur allzu gern hätte der Kölner Handels- und Touristikkonzern mithilfe der Plus-Märkte seinen eigenen Discounter Penny wettbewerbsfähig gemacht. In weiten Teilen der Branche schien es lange Zeit besiegelte Sache zu sein, dass der Bieterwettstreit zugunsten von Rewe ausgehen würde. Caparros und Haub schienen auf einer Wellenlänge, sie seien sich sympathisch, hieß es. "Am Ende war aber das Geld entscheidender als die Freundschaft", sagt Volker Dölle, der Rewe bereits beraten hat.

"Abgerechnet wird nach Ladenschluss"

Der emotionale Caparros ließ sich prompt dazu hinreißen, via Pressemitteilung eine Kampfansage an den Konkurrenten im Norden zu schicken: "Wir werden in Deutschland und im Ausland weiter wachsen, aber nicht um jeden Preis. Abgerechnet wird nach Ladenschluss."

Der Kampf im Lebensmittelhandel geht also weiter. Alle Konzerne feilen an Strategien, ringen erbittert um Marktanteile und analysieren emsig, welche Ketten auf dem Markt noch Zukunft haben, welche Übernahmen oder Kooperationen sinnvoll sind. Im Mittelpunkt steht das Duell Edeka gegen Rewe um den ersten Platz. "Unsere Branche zeigt nur noch wenig Wachstum", sagt Haub. "Wenn man nicht zur absoluten Spitze gehört, hat man auf dem Markt keine Chance."

Gerade an der Spitze wird es zunehmend ungemütlich. Denn Edeka macht Druck. Durch die angestrebte Vereinigung seines Discounters Netto mit Plus ist Frenk nun die starke Nummer drei bei den Billigmärkten. Und er will mehr. "Wir werden dem Discountmarkt ganz gewaltig einheizen", sagte er am Wochenende der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" mit Blick auf die Konkurrenten Aldi und Lidl, die in diesem Segment dominieren.

Edeka will zurück ins Ausland

Frenk wird in der Branche einiges zugetraut. "Mit der Übernahme von Plus wird Marktführer Edeka nun noch mehr zum Taktgeber im deutschen Markt", sagt Sirko Siemssen von der Beratung Oliver Wyman. Ein anderer Handelsexperte wird noch deutlicher: "Frenk ist der Konsolidierungstreiber in Deutschland."

Der Plus-Coup war keine 48 Stunden her, da ließ Frenk die nächste Bombe platzen. Am Wochenende verkündete er, auch an den Auslandsfilialen des Discounters interessiert zu sein. Die Branche reagiert verblüfft. Der Edeka-Chef habe stets beteuert, man wolle sich auf den Heimatmarkt konzentrieren. In den vergangenen Jahren hat sich die Gruppe schrittweise aus dem Ausland zurückgezogen - zuletzt aus Russland, Tschechien, Polen und Österreich.

Manchem in der Branche wird Frenk immer mehr zum Rätsel. Mittlerweile traut man ihm alles zu: Einige mutmaßen, dass er mit seiner Ankündigung nur den Preis für die Plus-Filialen hochtreiben will - um zu verhindern, dass Konkurrent Rewe die Märkte zum Schnäppchenpreis bekommt. Andere vermuten, der Edeka-Chef habe erkannt, dass es ein Fehler war, sich aus dem Ausland zurückzuziehen. Deswegen korrigiere er jetzt seine Strategie wieder.

Die kartellrechtlichen Grenzen sind erreicht

Edeka dementiert die Spekulationen. "Von unserer bisherigen Strategie gibt es keinen Abschied", beteuert eine Sprecherin. "Wir stärken das Inlandsgeschäft, haben uns vom wenig erfreulichen Supermarktgeschäft im Ausland verabschiedet und bauen uns zum Kerngeschäftsfeld unternehmensgeführter Supermarkt eine starke Discountsäule in Deutschland auf." Man habe nie verhehlt, dass das Supermarktkonzept kein Exportschlager sei. Für die Discountsparte müsse dies aber nicht zwangsläufig gelten.

Frenk kann seinen Expansionsdrang hierzulande kaum noch befriedigen. "In Deutschland stößt Edeka mit seinem Wachstum an kartellrechtliche Grenzen", sagt der Handelsexperte Thomas Roeb. Zudem habe Rewe vorgemacht, wie gut deutsche Handelskonzerne auch jenseits der Grenzen wachsen können. Die Kölner betreiben derzeit rund 12.000 Märkte in 14 Ländern. "Frenk will nicht den Eindruck entstehen lassen, dass Edeka mit der Plus-Übernahme an die Grenzen gestoßen sein könnte", sagt Roeb.

Edeka hat auch Metro-Tochter Extra im Visier

Und so kündigte der Edeka-Boss gleich nach dem Plus-Deal schon wieder Preisoffensiven und weitere Neueröffnungen an: Zusätzlich zu den 4100 Netto- und Plus-Filialen sollen in den nächsten drei Jahren 900 Läden eröffnet werden. Zum Vergleich: Aldi hat derzeit in Deutschland 4200 Geschäfte, Lidl 2900 Märkte. Rewe macht mit beim Wettlauf: Caparros will 2008 bis zu 360 neue Standorte eröffnen, die Hälfte davon sollen Penny-Märkte sein.

Auch die nächste offene Bieterschlacht zwischen Edeka und Rewe scheint nur noch eine Frage der Zeit. Am Wochenende ließ Frenk erstmals offiziell durchblicken, dass er sich auch den Kauf der Metro-Tochter Extra vorstellen könnte. Rewe verhandelt schon seit Längerem mit der Metro über die Übernahme der rund 260 Extra-Verbrauchermärkte.

Allerdings stellen sich Branchenexperten auch die Frage, ob Edeka finanziell überhaupt noch eine weitere Übernahme stemmen kann. Gerüchten zufolge muss der genossenschaftlich organisierte Konzern bereits für Plus 1 bis 1,5 Mrd. Euro bezahlen.

Konkurrenten im eigenen Konzern

Auch die Integration bindet große Kapzitäten. "Mit der Plus-Übernahme dürfte das Unternehmen erst einmal ausgelastet sein", prognostiziert Roeb. Zwar hat Edeka die Übernahme der Spar- und Nettomärkte von der französischen ITM-Gruppe vor knapp drei Jahren mittlerweile verdaut. Der Plus-Deal stellt die Genossen aber vor ganz neue Probleme.

So sollen künftig rund 800 der übernommenen Märkte den Namen Plus behalten, obwohl sie unter dem Dach von Netto geführt werden. Dabei handelt es sich um Märkte in Innenstadtlagen, die sich als Nachbarschaftssupermärkte profilieren sollen - und nicht als Discounter wie die übrigen Netto- und Plus-Märkte.

Damit besteht die Gefahr, dass einige der selbstständigen Edeka-Genossen ihre Probleme mit den Konkurrenten aus dem eigenen Konzern haben werden. "Wenn die auch nicht unbedingt eine direkte Konkurrenz für die Edeka-Filialen darstellen, so sind sie doch deren Wadenbeißer", sagt Dölle.

Und damit nicht genug: Künftig wird Tengelmann den Einkauf für seine Kaiser's Tengelmann-Supermärkte über Edeka erledigen, um seine Kosten zu senken. Das bedeutet noch schärferen Wettbewerb für die etablierten Edeka-Händler.

Übernimmt sich Frenk mit seinen Expansionsplänen - und geht am Ende doch Caparros als Sieger hervor? Bislang hat der Rewe-Chef ein gutes Gespür dafür bewiesen, was auf dem Markt machbar ist. So stellte sich die Umbenennung aller zum Konzern gehörenden Supermärkte - von Minimal bis zu Otto Mess - in Rewe im vergangenen Jahr als großer Erfolg heraus. "Wahrscheinlich war es wirtschaftlich auch vernünftig, dass Caparros einen Rückzieher bei Plus gemacht hat", sagt Roeb. Mit einer Prognose hat der Rewe-Chef jedenfalls jetzt schon recht: Abgerechnet wird immer erst nach Ladenschluss.

FTD