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Ermittlungen gegen Ex-Porsche-Chef: Wie Wiedeking mit VW gezockt hat

Im Herbst 2008 spielte die VW-Aktie verrückt, viele Anleger und Banken verloren Geld. Wir erklären, was damals genau geschah und warum Ex-Porsche-Chef Wiedeking nun Kursmanipulation vorgeworfen wird.

Von A. Hildebrand und S. Wiese

Der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist nach dem Übernahmepoker mit VW ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Die Strafverfolger gehen nach eigenen Angaben möglichen Verstößen gegen das Aktienrecht nach.

Was wird Wiedeking vorgeworfen?

Die Staatsanwaltschaft geht nach eigenen Angaben möglichen Verstößen gegen das Aktienrecht nach. Im Visier der Strafverfolger sind Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein ehemaliger Finanzvorstand Holger Härter. Aber auch gegen andere Personen wird ermittelt. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart sagte, die Börsenaufsicht BaFin habe Hinweise auf unberechtigte Weitergabe von Insiderinformationen und auf den Verdacht der Marktmanipulation weitergeleitet. Porsche weist die Vorwürfe zurück. Die Ermittler hatten Räume von Porsche durchsucht und am Stammsitz in Stuttgart-Zuffenhausen Unterlagen beschlagnahmt. Bei der - letztlich gescheiterten - VW-Übernahme durch Porsche sollen die Zuffenhausener an der Börse den VW-Aktienkurs manipuliert haben. Wie soll das passiert sein? Nach Informationen der Wirtschaftswoche könnte Porsche nicht erst im Oktober, sondern bereits im Februar 2008 die Absicht gehabt haben, 75 Prozent der VW-Anteile zu übernehmen. Womöglich haben sie die Finanzmärkte bewusst getäuscht, um ihren Plan, VW zu übernehmen, durchsetzen zu können. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ermittelte daraufhin wegen möglicher Kursmanipulation der Märkte.

Gegen wen wird noch ermittelt?

Die genaue Zahl der Verdächtigen ist bislang unklar. Die Staatsanwaltschaft habe am Donnerstag neben Geschäftsräumen von Porsche auch mehrere Privatwohnungen durchsucht, sagte eine mit den Ermittlungen vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Die Ermittlungen richteten sich außer gegen Wiedeking und Härter noch gegen eine weitere Handvoll Beteiligte, wie die mit den Ermittlungen vertraute Person weiter sagte. Es handele sich unter anderem um Berater. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart bestätigte stern.de, dass sich die Ermittlungen auf eine Gruppe von Personen beziehen. Diese würden mindestens ein halbes Jahr dauern.

Wer sind die Geschädigten?

In der Finanzbranche hat sich Porsche mit seinen Finanzzockereien diverse Feinde gemacht. Viele Banken und Fonds hatten auf einen fallenden VW-Aktien-Kurs gesetzt und verloren große Summen. Denn Porsche hatte den Kurs massiv in die Höhe getrieben. Unter anderem hatte sich auch der Pharma-Milliadär Adolf Merckle mit den VW-Aktien verspekuliert - das brachte ihm einen Verlust im niedrigen dreistelligen Millionenbetrag ein. Merckle hatte sich im Januar das Leben genommen.

Wie hat Porsche mit VW-Aktien gezockt?

Porsche schaffte das Kunststück, immer mehr Anteile am VW-Konzern zu erwerben und dabei auch noch Milliarden zu verdienen, anstatt die Aktien teuer zu bezahlen. Vermutlich begann die Zockerei bereits im Frühjahr 2005. Porsche kauft so genannte Calls. Das sind, vereinfacht ausgedrückt, Wetten auf einen steigenden Kurs. Je gewagter diese Wette, desto günstiger sind die Calls zu erhalten. Im Herbst 2005 malt Porsche-Chef Wiedeking eine vermeintliche Bedrohung für VW an die Wand: Es könne zu einer feindlichen Übernahme der Wolfsburger durch ominöse Hedgefonds kommen. Porsche erwerbe bis zu 20 Prozent der VW-Anteile, um fremde Investoren abzuwehren. Die Anteile werden nach und nach weiter aufgestockt. Möglicherweise strafrelevant wird es im März 2008. Da gibt Porsche bekannt, sich durch Optionen rund 50 Prozent der VW-Aktien gesichert zu haben. Eine weitere Aufstockung auf 75 Prozent sei nicht geplant, das versichert Porsche auch Anfang Oktober 2008 noch einmal. Weil die VW-Aktie zu diesem Zeitpunkt als vollkommen überteuert gilt, rechnet der Markt mit fallenden Kursen. Porsche dagegen erwirbt weiter massiv Kaufoptionen an VW-Papieren - heimlich. Nur drei Wochen, nachdem man noch eine Aufstockung ausgeschlossen hatte, verkündet Porsche dann die Kehrtwende: Man wolle bis zu 75 Prozent an VW erwerben. Der Kurs beginnt wieder zu steigen, schließlich schießt er innerhalb von zwei Tagen in die Höhe von 200 auf 1000 Euro. Wiedeking lässt die Optionsgeschäfte auflösen, nach Schätzungen von Analysten spült das fünf Milliarden Euro in die Porsche-Kassen.

Warum kam es zu den starken Turbulenzen?

Ausgelöst wurde die Kursexplosion der VW-Aktie im Oktober 2008 durch misslungene Spekulationen auf sinkende Aktienkurse, so genannte Leerverkäufe. Händler hatten in den Wochen davor massiv geliehene Aktien verkauft. Sie wollten sie später vor der Rückgabe an die Leihgeber zu niedrigeren Kursen wiederkaufen und die Differenz als Gewinn einstreichen. Denn die VW-Aktie galt damals überteuert, erst recht nachdem Porsche bekannt gegeben hatte, die Anteile nicht mehr weiter aufstocken zu wollen. Es kam jedoch anders - als Porsche kurze Zeit später mitteilte, dass der Anteil des Sportwagenbauers an Volkswagen auf 42,6 Prozent im Zuge der Übernahme erhöht wurde und das Unternehmen zudem noch 31,5 Prozent an VW in Form von Optionen kontrolliere. Insgesamt hatte Porsche also 74,1 Prozent der Anteile in der Hand. Damit wurden die Leerverkäufer - an der Börse auch Shortseller genannt - kalt erwischt. Nach Informationen aus dem Markt waren an die Spekulanten 12 bis 15 Prozent der VW-Anteile verliehen gewesen. Diese Aktien mussten zur Rückgabe wiedergekauft werden. Abzüglich der gut 20 Prozent, die beim Land Niedersachsen liegen und lagen, standen den Spekulanten rechnerisch dafür aber nur noch knapp sechs Prozent der Anteile zur Verfügung - und damit bestimmten nur noch wenige Marktteilnehmer den Preis. Die Shortseller jedoch starteten verzweifelte Kaufaktien, weil sie zur Rückgabe der Anteile gezwungen waren. Der Aktienkurs schoss innerhalb von wenigen Tagen von 200 auf 1000 Euro.

Was droht Wiedeking?

Sollten sich die Vorwürfe tatsächlich beweisen, müsste Wiedeking mit einer Strafe von bis zu fünf Jahren rechnen. Entscheidend ist das Wertpapierhandelsgesetz. In Paragraph 38 ist die Strafe für die unberechtigte Weitergabe von Insiderinformationen und Marktmanipulation geregelt. Sie reicht von einer Geldzahlung bis zur Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Wiedeking war nach dem gescheiterten Übernahmeversuch vor knapp vier Wochen zurückgetreten.

Wie erfolgreich sind Ermittlungen bei solchen Vorwürfen?

Die Beweisführung ist sehr schwierig. Bei Ermittlungen auf Insiderhandel nach Anzeigen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht wurden im vergangenen Jahr 102 Verfahren abgeschlossen. Davon wurden 84 jedoch eingestellt. In nur sechs Fällen gab es Verurteilungen, in zwölf Fällen wurde das Verfahren gegen Geldauflagen beendet. Wegen Marktmanipulationen wurde 2008 in 22 Fällen ermittelt. Zwölf Verfahren wurden eingestellt, in fünf gab es Verurteilungen.