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Experte für Absturzrisiken im Interview: "Ich fliege nicht mit jeder Airline"

Wo ist Fliegen besonders gefährlich? Steven Schmidt, Experte für Luftfahrtversicherungen, muss es wissen. Mit dem stern sprach er über die Sicherheit von Fluglinien - und den Preis des Risikos.

Herr Schmidt, Sie versichern die Flotten mehrerer großer Airlines. Wie wichtig ist es für Sie, ob die Routen einer Fluglinie über Krisengebiete führen?
Das Anfliegen von Flughäfen in Krisengebieten fließt längst regelmäßig in die Kalkulation der Prämien ein. Aber nach den jüngsten Vorfällen in der Ukraine werden wir die Fluggesellschaften vor Vertragsabschlüssen noch intensiver dazu befragen, was sie künftig bei der Planung von Flugrouten ändern.

Wer weiter über Krisengebiete fliegen will, muss höhere Prämien zahlen?


Die versicherten Gefahren müssen einen angemessenen Preis haben. Wir werden mit unseren Kunden diskutieren, ob bestimmte Risiken neu eingeschätzt werden müssen.

Machen Sie doch die Prämien für solche Routen so teuer, dass es sich nicht mehr lohnt, sie zu nutzen - auch wenn sie kürzer sind.


Selbst wenn der Weg über ein Krisengebiet manchmal der billigere ist: Ich glaube nicht, dass irgendeine Fluggesellschaft wissentlich ein Abschussrisiko eingeht, um zu sparen. Hasardeure werden Sie in der Flugindustrie kaum finden.

Wohl aber Menschen, die Gefahren unterschätzen.


Wie unterschiedlich die gleiche Gefahr gesehen wird, sehen Sie oft auf der linken Spur von deutschen Autobahnen. Es gibt einfach verschiedene Kulturen im Umgang mit Risiken. Das ist ein Punkt, der uns auch bei der Kalkulation der Prämie interessiert.

Wie bekommen Sie die Daten für Ihre Kalkulation?


Wir sitzen einmal im Jahr mit Vertretern einer Fluggesellschaft und deren Versicherungsmaklern zusammen und sprechen über die Versicherung ihrer kompletten Flotte für das kommende Jahr. Da geht es zum einen um die Kaskoversicherung für die Flugzeuge, zum anderen um die Haftpflichtversicherung für Passagiere und Dritte, die bei einem Unglück zu Schaden kommen können. Wir haben eine Checkliste und erheben erst einmal viele harte Daten.

Welche denn?


Wir fragen zum Beispiel: Wie groß ist die Flotte? Wie alt sind die Maschinen, wie viel sind sie wert? Wie oft und von wem werden sie gewartet? Welche Schäden gab es in der Vergangenheit? Dann sprechen wir auch über die Routen, vor allem darüber, wo die Flugzeuge starten und landen - weil das die riskantesten Phasen eines Fluges sind...

Und woher wissen Sie, welche Routen gefährlich sind?


Wir haben im Unternehmen einen Sicherheitsexperten, der mit Behörden, verschiedenen Netzwerken und spezialisierten externen Dienstleistern zusammenarbeitet und uns auf dem Laufenden hält.

Die Europäische Pilotenvereinigung ECA klagt, dass nicht alle Airlines genügend Informationen über die Risiken von Routen haben. Kann es sein, das die Versicherer über bessere Daten verfügen als manche Fluggesellschaft?


Das kann ich mir absolut nicht vorstellen. Aber die Daten schalten ja auch noch keine Gefahr aus - es kommt darauf an, wie man sie bewertet. Da sind wir bei der Risikophilosophie des Unternehmens.

Woran machen Sie die fest?


Man sieht, welche Entscheidungen eine Fluggesellschaft in der Vergangenheit getroffen hat. Ganz wichtig sind aber auch weiche Faktoren. Uns interessiert, welche Pilotenausbildung eine Airline gut findet. Ob die Piloten so oft wie vorgeschrieben in den Simulator geschickt werden oder öfter. Ob die Airline versucht, eine offene Kultur zu schaffen, in der es möglich ist, dass der erste Mann im Cockpit auf den zweiten hört, wenn er gerade auf einen Berg zufliegt.

Sie wissen sehr viel über die Risiken des Luftverkehrs. Fliegen Sie mit jeder Linie?


Nein, ich fliege selbstverständlich nicht mit jedem!

Interview: Dagmar Gassen
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