HOME

Gerhard Schmid: Das Unternehmen Rache

Ex-Milliardär Gerhard Schmid ist wieder aktiv. Wie der Pleitier und seine Frau Millionen nach Liechtenstein schafften und nun mit Hilfe des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki einen Feldzug gegen Mobilcom führen.

Axel, was soll das?", raunzte der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki seinen alten Bekannten von der Kieler Staatsanwaltschaft an, "ihr habt Unterlagen meines Kontos in Liechtenstein sichergestellt." Der Politiker, im Nebenberuf Strafverteidiger, feuerte bei dem Telefongespräch am 29. März aus allen Rohren: Unverschämtheit! Keine Vorwarnung bekommen! Immunität als Abgeordneter verletzt!

Es nützte alles nichts. Staatsanwalt Axel Goos, an jenem Tag frisch erholt aus dem Osterurlaub zurück, ließ sich nicht einschüchtern. Der Vorgang ist brisant: Die Ermittlungsbehörde interessiert sich für ein rund 13 Millionen Euro schweres Aktienvermögen, das Politiker Kubicki in einem Wertpapierdepot mit der Nummer 339006900 bei der Verwaltungs- und Privatbank (VP-Bank) in Liechtenstein verwahrt. Die dortigen Behörden beschlagnahmten im Wege der Rechtshilfe bereits Bankunterlagen.

Die Aktion, versuchte Goos seinen Anrufer zu besänftigen, richte sich nicht gegen Kubicki, die Immunität bleibe unberührt. Ermittelt werde allein gegen die mutmaßlichen Finanziers des FDP-Manns: gegen den Gründer der Telefonfirma Mobilcom, Gerhard Schmid, 52, und dessen Ehefrau Sybille Schmid-Sindram, 60. Der Vorwurf: Bankrott, Betrug und Beihilfe zum Bankrott. Die Eheleute Schmid und die Aktiengesellschaft Mobilcom liefern sich derzeit eine erbitterte Schlacht um Macht und Milliarden. Klagen und Strafanzeigen beider Seiten beschäftigen ein halbes Dutzend Gerichte in Deutschland. Auch die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kiel gehen auf eine Anzeige von Mobilcom zurück. Es ist bereits das dritte Verfahren gegen die Schmids allein an der Förde. Das Ehepaar weist alle Vorwürfe zurück.

Auf Schmids Seite steht Wolfgang Kubicki. Auch wenn er nur der Anwalt von Sybille Schmid-Sindram ist, dem persönlich bislang nichts vorgeworfen wird, ist die Lage für den Politiker heikel. Denn bei vielen Geschäften war er hilfreich zur Hand. Der Liberale tritt als Strippenzieher für Aktientransfers und Millionendeals des Ehepaars auf. Kubicki hat es mit kühnen Sprüchen, der engen Freundschaft zu FDP-Outlaw Jürgen Möllemann und seinem ungezügelten Selbstvertrauen zu bundesweiter Bekanntheit gebracht ("Mein Ausstieg aus der Politik wäre ein Verlust fürs Land") - persönliche Kontoverbindungen in die Steueroase Liechtenstein fördern da nicht gerade das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des Volksvertreters.

"Wenn vor der Wahl auch noch diese Sache hochgekocht wäre", sagt der FDP-Mann zum stern, "na dann, gute Nacht." War ja auch so schon ein Desaster für die FDP, Herr Kubicki. Da guckt er nur - und reckt den Mittelfinger der linken Hand in die Höhe. Soll heißen: Ihr könnt mich! Kubicki zieht sein Sakko aus, es ist ihm heiß geworden. Er sitzt in der Villa der Schmids am Küchentisch. Draußen das weitläufige Anwesen am Lürschauer See bei Schleswig, drinnen vor ihm Ordner voller Akten. Auf der Holzbank liegt das Strafgesetzbuch. Gerhard Schmid und Gattin Sybille haben sich ebenfalls mit Leitzordnern bewaffnet. Auf dem Rücken eines Hefters steht das Wort "Gegenschlag". Schmid fühlt sich enteignet, betrogen, gehetzt, verleumdet. Andere Ordner tragen den Titel "Rache". Darum geht es - um Gegenangriff und Genugtuung.

Gerhard Schmid, vor fünf Jahren noch mehrfacher Milliardär, steht heute - zumindest offiziell - vor dem Nichts. Seine Mobilcom-Aktien: verpfändet, von den Banken verkauft. Die Villa: gehört seiner Frau. Mühsam scharrt ein Konkursverwalter die kläglichen Reste des Schmid-Vermögens auf deutschen Konten zusammen. Vor zwei Jahren musste er Privatinsolvenz anmelden. Laut Insolvenzverwalter Jan Wilhelm verlangen Gläubiger noch 200 Millionen Euro von dem früheren Mobilcom-Chef. Das Ehepaar Schmid will sich nun - mit Hilfe des FDP-Politikers Kubicki - viel Geld zurückholen: bei der Firma Mobilcom, die er gründete und zum Hauptkonkurrenten der Telekom aufbaute; vor allem aber bei Mobilcom-Großaktionär France Télécom, der das Abenteuer UMTS finanzieren sollte und schließlich die Milliardenzusagen nicht einhielt.

Als Vorbereitung darauf flossen Mitte Dezember vergangenen Jahres 900.000 Euro auf Kubickis Konto bei der VP-Bank in Liechtenstein, wie Unterlagen zeigen, die dem stern vorliegen. Rund eine halbe Million davon überwies der rasch weiter an Schmids Insolvenzverwalter. Der Zweck der Transaktion: Über das Konto des FDP-Manns wird der Prozess gegen die France Télécom finanziert.

Konkursverwalter Wilhelm verklagte Ende vergangenen Jahres die Franzosen wegen der nicht eingehaltenen Finanzierungszusagen auf Schadensersatz über 4,26 Milliarden Euro. Einen Verzicht gegenüber der France Télécom auf weitere Zahlungen, den Schmid selbst unterschrieben haben soll, ficht Wilhelm als unwirksam an. Wilhelm bestätigt gegenüber dem stern: "Die Prozesskostenfinanzierung wurde durch Herrn Kubicki vermittelt."

Kubicki, der die Verwaltungs- und Privatbank sowie ein ehemaliges Regierungsmitglied des Fürstentums früher schon einmal juristisch vertrat, macht aus dem Konto in Vaduz keinen Hehl: "Ich habe auch sonst Geschäftsbeziehungen zur VP-Bank." Über seine Geldquelle für den Gerichtskostenvorschuss will er nichts sagen. Nach stern-Informationen handelt es sich um Sybille Schmid-Sindram, die ihre Konten ebenfalls bei der VP-Bank führt. Das würde bedeuten: Frau Schmid finanziert verdeckt den Insolvenzprozess, in dessen Folge ihrem Mann die abhanden gekommenen Milliarden wieder zufließen sollen. Sie will sich zu dem Vorgang nicht äußern.

Auch an anderer Stelle vertritt Schmid-Sindram mit Hilfe des FDP-Politikers offenbar die Interessen ihres Mannes. Jüngst erst ersteigerte eine Firma namens Waterkant von der Sächsischen Landesbank für 13 Millionen Euro eine halb fertig gestellte Immobilie an der Kieler Förde aus dem Bankrott-Nachlass von Gerhard Schmid. Die Waterkant war einst von Kubicki gegründet worden, die Firmenanschrift deckt sich mit der seiner Kanzlei. Lange Zeit trat der Politiker als einziger Gesellschafter der Firma auf. Das hatte einen guten Grund: Banken wollten damals mit den Schmids nicht direkt verhandeln. Seit Neuestem gehört die Waterkant und damit der ersteigerte 16-stöckige Prestigebau nach Aussage Kubickis zu "über 95 Prozent" Sybille Schmid-Sindram. Die bestätigt: "Was sie meinem Mann genommen haben, hole ich jetzt zurück."

Pikant dabei ist, dass Immobilienkauffrau Schmid-Sindram ihre finanzielle Ausstattung für solche Deals offenbar nicht allein dem eigenen Geschick und einer lukrativen Scheidung vom ersten Ehemann zu verdanken hat. Indirekt stammt ein Teil des Geldes wohl aus dem ehemaligen Vermögen Gerhard Schmids. Nach Informationen des stern waren auf einem Liechtensteiner Konto der Waterkant zeitweise geschätzt zwei Millionen Euro verbucht, die aus dem Verkauf seines niedersächsischen Gestüts stammen dürften. Auf dem Höhepunkt seines Geschäftserfolgs hatte Schmid einst die Leidenschaft für den Pferdesport entdeckt und sich 35 Turnierpferde zugelegt. Inmitten der Mobilcom-Krise verkaufte er das Gestüt hastig für 500.000 Euro an die Briefkastenfirma Leoncavallo Trust in Vaduz. Dabei hatten Pferdekenner allein den Wert der hoch dekorierten Stute Goldika, die damals den Besitzer wechselte, schon auf eine solche Summe taxiert. Leoncavallo schlug die Pferde schließlich einzeln los - mit sattem Millionengewinn, wie man heute weiß. Über zwei weitere Liechtensteiner Gesellschaften - einen Isabo Trust und die Kasag Kapitalanlagen Anstalt - floss ein Teil des Geldes schließlich an die Waterkant, bei der damals, zumindest nach außen, noch FDP-Mann Kubicki das Sagen hatte.

Gerhard Schmid, vom stern auf das merkwürdige Pferdegeschäft angesprochen, reagiert zunächst ausweichend: "Das Gestüt hatte enorme finanzielle Verpflichtungen. Die konnte ich nicht mehr tragen." Seine Frau sagt: "Alles Turnierpferde? Das ich nicht lache. Da waren auch Ponys dabei". Doch dann geben sie zu, dass bei all den Liechtensteiner Firmen sie selbst als wirtschaftlich Berechtigte eingetragen seien. Sybille Schmid-Sindram: "Die Firmen gehören mir." Schmid verkaufte die Pferde also schlicht an seine Frau. Seine Gegner, die neuen Herren bei Mobilcom, haben von dem Deal Wind bekommen und wittern Steuerhinterziehung. Das Ehepaar bestreitet hingegen, den Fiskus umgangen zu haben: Es sei alles korrekt in Deutschland versteuert worden, sagt Sybille Schmid-Sindram. "Die wollen uns nur fertig machen mit solchen Gerüchten."

Zum öffentlichen Showdown

zwischen den Streitparteien dürfte es auf der Hauptversammlung der Mobilcom-Aktionäre im Berliner Tempodrom kommen. Die Schmids haben sich gerüstet. Wie jetzt publik wurde, verfügt Frau Schmid-Sindram noch über das Stimmrecht von knapp 2,9 Millionen Mobilcom-Aktien (Wert: rund 47 Millionen Euro). Dieses Aktienpaket - knapp fünf Prozent am Mobilcom-Kapital - will das Ehepaar nun nutzen, um auf der Hauptversammlung Stimmung gegen eine alte Finanzierungs- und Verzichtsvereinbarung der Mobilcom mit der France Télécom zu machen. Ziel der Aktion: Der Mobilcom-Vorstand soll per Aktionärsvotum zu einer Schadensersatzklage gegen den französischen Großaktionär in Milliardenhöhe gezwungen werden.

Auch die Gegenseite hat sich längst gewappnet: Mobilcom wirft dem Ehepaar vor, die Aktien gehörten eigentlich Gerhard Schmid - und er habe sie bei der Insolvenz verschwiegen. Tatsächlich lagerten die Aktien lange bei Gerhard Schmid. Erst im Zuge seiner Pleite wurden sie verschoben. Heute liegen die meisten Papiere auf den Bankdepots von Sybille Schmid-Sindram persönlich, ihren diversen Briefkastenfirmen sowie der Waterkant in Vaduz. Sie gibt an, die Firmenanteile im Zusammenhang mit ihrem Ehevertrag vor fünf Jahren von ihrem Mann erhalten zu haben.

Bei ihrem Vorstoß tritt Mobilcom-Aktionärin Schmid-Sindram freilich gut getarnt auf: Damit nirgendwo der Name Schmid auftaucht, schickt sie ihre Liechtensteiner Firma Kasag vor. Für die France Télécom birgt die Attacke ein unkalkulierbares Risiko. Denn die Franzosen dürfen als Betroffene in Sachen Klage und Vertragsprüfung nicht mitstimmen. Sollten sich andere Anleger wie Investmentfonds und Kleinaktionäre dem Antrag anschließen, könnte es plötzlich eng werden für den Hauptaktionär aus Paris. Und auch für die Verantwortlichen bei Mobilcom kann die Sache unangenehm enden. Sie müssten in diesem Fall gegen ihre selbst entworfenen Vertragswerke vorgehen.

Mit von der Partie

ist bei dem Poker Wolfgang Kubicki. Auch er kann als Aktionär auftreten. Der FDP-Mann hortet 800.000 der 2,9 Millionen Mobilcom-Papiere, über deren Stimmrecht Frau Schmid verfügt, in seinem Liechtensteiner Depot. Sie wurden ihm am 13. August 2004 von seiner Mandantin Schmid-Sindram übertragen. Gegenüber dem stern sagt Kubicki, der Aktientransfer diene dem Zweck, alle künftigen Prozesskosten der Schmids inklusive seiner eigenen Anwaltshonorare abzusichern. Wert des Aktienpakets: 13 Millionen Euro. Auch wenn Kubicki nicht offenlegt, wie hoch sein Honorar ist - derart üppige Nebenverdienste dürften nicht viele gewählte Abgeordnete in diesem Land haben.

Da erhält einer von Kubickis flotten Sprüchen plötzlich einen ganz neuen Sinn. Vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein gefragt, ob er einen Ministerposten anstrebe, erwiderte der: "Ich bin doch nicht blöd." Für einen Minister wären solche Geschäfte tabu.

Richard Rickelmann und Johannes Röhrig / print