Gigaliner Niederlande setzen auf Öko-Brummis


In Deutschland sind sie umstritten, in Skandinavien gehören sie schon zum Straßenbild: Überlange Lastwagen. Nun versuchen die Niederländer, deren ökologische und wirtschaftliche Vorteile zu nutzen - und wundern sich über deutsche Bedenken.
Von Albert Eikenaar

In Schweden und Finnland fahren sie schon längst auf den menschenleeren Strecken gen Norden, nun sind solche mächtigen Gefährte auch in den Niederlanden erlaubt: LKWs mit einer Länge von mehr als den in Europa gängigen 16,50 Metern. Doch die Einführung verläuft im am dichtesten besiedelten Land Europas nicht ohne Bedenken, ohne Proteste und extra Sicherheitsmaßnahmen. Die Auflagen sind so streng, dass es fraglich ist, ob die Transportunternehmen die langen Fahrzeuge in Zukunft überhaupt einsetzen wollen.

Schon 1999 begannen die ersten Tests - im Rotterdamer Hafen, auf Strecken, wo es keinen "normalen" Verkehr gibt: keine PKWs, Fahrräder oder Fußgänger. Dort wurden bis 2004 Proberunden gedreht - mit Erfolg. Die positiven Ergebnisse führten danach zu einem umfangreichen, großräumigen Experiment mit den 25,25 Meter langen Brummis mit ihren 60 Tonnen Gesamtlast. Diese Norm liegt weit über den üblichen 50 Tonnen, die in den Niederlanden als Maximum gelten. In Deutschland ist das Höchstgewicht auf nur 40 Tonnen begrenzt.

Die 162 Speditionen, die bei den Experimenten mitmachten, verzeichneten tatsächlich erhebliche Vorteile, denn die Superbrummis transportieren pro Fahrt mehr Fracht. Deshalb kommen weniger Fahrzeuge zum Einsatz, die Transportfirmen sparen so teuren Diesel. Sie brauchen bei weniger Fahrten auch weniger Personal. Der Ausstoß des giftigen CO2 wird erheblich reduziert. Weniger LKWs auf den Autobahnen bedeutet auch weniger Staus. Also taufte man den neuen LKW-Typ "Ökokombi". Aus Sicht der Unternehmer, die die Wirtschaftlichkeit in der Praxis erprobten, war alles in Butter.

Verband warnt vor den Giganten

Doch kurz vor der Einführung der Ökokombis warnte der Verkehrssicherheitsverband aus heiterem Himmel davor, die Giganten auf den Straßenverkehr loszulassen. Der Verband setzte den Transportminister unter Druck. Die "langen, schweren Vehikel" (LSV) seien gefährlich, wenn sie sich massenhaft unter den normalen Verkehr mischen. Die Fahrer hätten zu wenig Sicht. Auch seien die Bremsen nicht stark genug, bei einem Notstopp rechtzeitig anzuhalten. Trotz des Versprechens der Nationalen Transportorganisation "Logistiek Nederland", die bemängelten Punkte zu beheben, ließ der Minister sich nicht ganz überzeugen. Er schraubte die Maximumbeladung von 60 auf 50 Tonnen herunter. Mit seinem Eingriff machte er die Situation noch schlimmer.

Die Transportunternehmen sollen jetzt in den kommenden Monaten feststellen, ob es sich lohnt, die LSV auf dieser beschränkten Basis einzusetzen. Vorteil: Fast das ganze niederländische Verkehrsnetz steht ihnen dabei zur Verfügung, allerdings keine Strecken durch Dörfer oder Städte, wo sie Fahrrädern, Fußgängern und Mopeds ausweichen müssten. Alle Fahrer der Ökobrummis bekommen schriftliche Anweisungen, welche Wege genau zum Ziel führen oder wo ein Fahrverbot gilt. Zum Beispiel ist es nicht erlaubt, Bahnübergänge zu überqueren.

Speditionen sehen Vorteile

Trotz solcher Einschränkungen gibt es Speditionen, die große finanzielle und ökologische Vorteile sehen. Noy Logistics aus dem Örtchen Gennep, bei Goch in Deutschland, benutzt zwei Sattelschlepper nach den neuen Vorschriften. Direktor Antoine Noy zeigt sich zufrieden. "Die zwei Wagen sparen pro Jahr insgesamt 150.000 Kilometer und 46.000 Liter Sprit. Das sind umgerechnet 120 Tonnen C02. Der Kostenvorteil beträgt zehtausende Euro".

Der Niederländische Transportverband findet es schade, dass Deutschland neulich ähnliche Experimente stoppte. Bei der Entscheidung seien falsche Argumente mit im Spiel, meint ein Sprecher von "Logistiek Nederland". "Bei uns entsteht der Eindruck, dass der deutsche Verkehrsminister eher die Hand schützend über die Bahn halten will, statt die ökologischen Bedingungen beim Ferntransport zu verbessern". Die Niederlande sind wie die Bundesrepublik ein großes Transportland. Sie stehen in dieser Branche europaweit mit an der Spitze. "Wir hätten in Brüssel gemeinsam an einem Strang ziehen können. Das wäre ein Sprung vorwärts gewesen. Nun müssen wir abwarten, wann und wie Deutschland den Güterfernverkehr einschneidend modernisiert".


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