Hamburger Hafen "Chinesen krabbeln aus Containern"

Mit Panik reagieren Hafenarbeiter auf die geplante europäische Hafenrichtlinie - sie fürchten, asiatische Billigarbeiter könnten ihre Jobs übernehmen. Im Hamburger Hafen standen deswegen heute die Kräne still. Horrorgeschichten über die Zukunft machten die Runde.
Eine Reportage von Silke Haas Mitarbeit: Sophie Nadolny

Blaue, rote und grüne Container türmen sich in den Terminals. Kräne heben, wie von Geisterhand gesteuert, die großen, bunten Kisten von den Schiffen. Grell gelb gekleidete Hafenarbeiter geben Anweisungen und flitzen geschäftig hin und her. So geht es an einem normalen Werktag zu: Globalisierung und Export haben dem Hamburger Hafen einen Boom beschert.

Doch am heutigen Mittwoch geht gar nichts: Die Kräne stehen still, die Container bleiben, wo sie sind. Halb entladene Frachter dümpeln an den Kais. "Wir haben keine Angst vor Asiaten", quakt eine Stimme durch mannshohe Lautsprecher. Lautstarker Beifall brandet auf, begleitet von schrillen Trillern. "Es geht um meine Zukunft und um die meiner Familie", sagt Hafenarbeiter Dieter Brockmüller, 40. Die Stimmung unter den Männern ist trotzig, kämpferisch, aber auch verzweifelt. Rund 2000 Hafenarbeiter haben sich hier am Burchardkai versammelt, um gegen die geplante EU-Richtlinie (Port Package II) zu demonstrieren. Die Richtlinie sieht vor, dass die Belegschaften künftig selbst die Ladung ihrer Schiffe löschen können. Außerdem sollen Reeder in ganz Europa eigene Abfertigungsanlagen betreiben und dabei eigenes Personal einsetzen dürfen. Diese Mitarbeiter wären nicht mehr an Tarifverträge gebunden. Bis jetzt ist das Be- und Entladen der Schiffe Sache der einheimischen Hafenarbeiter.

"Und jetzt?"

"Die Automatisierung hat schon viele Arbeitsplätze gekostet und die Schlitzaugen holen sich die letzten", schimpft ein Hafenarbeiter in ölverschmierter Schutzkleidung. "Ich bin seit 30 Jahren mit Herz und Seele dabei. Als Junge hab' ich noch mit bloßer Hand Säcke von Schiffen geschleppt. Die Arbeit war hart aber sicher. Und jetzt?" Der Mann schüttelt den Kopf und reibt sich seine groben Hände im eisigen Winterwind.

Nicht nur Hafenarbeiter, sondern auch Hafenbetreiber, Gewerkschaften und die Bundesregierung kämpfen gegen die EU-Richtlinie, über die nächste Woche in Straßburg entschieden werden soll. Nach Ansicht der europäischen Parlamentarier soll sie mehr Wettbewerb und verbesserte Qualität bringen. "Verbesserte Qualität - dass ich nicht lache. Hier geht es nur um Kröten", zischt Brückenfahrer Andreas Wolling (36) durch die Zähne. "Wir haben 14 Containerbrücken, jede hat ihre Zicken. Da geht die Qualität flöten, wenn sich keiner damit auskennt."

"Keine Asiaten aus Containern"

Über die Frage, wer ihre Jobs in Zukunft macht, haben die Arbeiter klare Vorstellungen. Horrorgeschichten machen die Runde: "Die Reeder bringen ihre Asiaten, gestapelt in Wohncontainern mit. Die Chineslein krabbeln dann zum Ausladen raus, anschließend wieder rein und weg sind sie." "Und wir, wir stehen da und dürfen zugucken." "Nein, nein, die werden schnell eingeflogen." "Aber wir geben nicht auf", sagt Brückenfahrer Dennis Tessen und schwenkt mit kämpferischer Zuversicht seine Verdi-Fahne in der klirrenden Kälte.

Nicht nur in Hamburg standen am Mittwoch die Kräne still. Europaweit legten Hafenarbeiter den Schiffsverkehr in den Seehäfen praktisch lahm - in Bremerhaven, Rostock, Rotterdam, Barcelona, Marseille und Antwerpen genauso wie in Liverpool, Piräus und Kopenhagen. "Wir wollen und brauchen Europa, aber ein gutes und soziales", sagt der Europa-Abgeordnete Willi Piecyk auf der Hamburger Kundgebung. Die Männer klatschen - und frieren.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker