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HANDEL: Quo vadis, Tchibo?

Weil die Eigentümerfamilie völlig zerstritten ist, kam Ludger Staby als 'Zwischenlösung' in den Konzern: Jetzt bleiben ihm noch fünf Monate, um die Problemem zu lösen.

Ludger W. Staby kann in dieser Woche (1.2.) ein kleines Jubiläum feiern, das er nie geplant hatte. Seit einem Jahr leitet der frühere Chef des Zigarettenkonzerns Reemtsma die Hamburger Tchibo-Gruppe. Der 66-Jährige kam als Nothelfer aus dem Ruhestand herbeigeeilt, als der langjährige Tchibo-Lenker Günter Herz nach einem erbitterten Konflikt mit seinen Geschwistern das Vorstandsbüro räumen musste.

Länger als geplant

Der Auftrag an Staby hieß: Die Weichen für die Zukunft des Konzerns stellen, bis ein neuer Mann an die Spitze tritt. Das sollte spätestens zum Jahresende 2001 so weit sein, doch die Aufgabe erwies sich als harte Nuss. Staby musste an Bord bleiben und ist nun offiziell bis zum 30.6. im Amt. Einen profilierten neuen Mann für die Tchibo-Spitze kann die Herz-Familie erst gewinnen, wenn die wichtigsten Entscheidungen für die Zukunft des Konzerns gefallen sind.

Kaffee, Zigaretten, Kosmetik

Die Tchibo-Gruppe besteht aus dem Kaffee-Stammgeschäft, dem Zigarettengeschäft mit einer 75-Prozent-Beteiligung an Reemtsma und einer Beteiligung von rund 30 Prozent am Kosmetik-Hersteller Beiersdorf (Nivea, Hansaplast, tesa). Alles höchst erfolgreiche Unternehmen, die kräftig Geld verdienen. Aber mittelfristig, so hieß es vor einem Jahr, ist Reemtsma der Konkurrenz multinationaler Tabakkonzerne wie Philip Morris und BAT nicht gewachsen und Tchibo braucht mehr Kapital zur Expansion, als in den Strukturen eines Familienunternehmens bereitgestellt werden kann. Darüber zerstritt sich die Eignerfamilie Herz bis aufs Blut.

Reemtsma-Anteil steht zum Verkauf

»Hinter den Kulissen ist jede Menge passiert«, versichert man bei Tchibo treuherzig, um dann jegliche weitere Information zu verweigern. Die beteiligten Firmen und Personen halten sich seit Monaten bedeckt und verraten nicht, in welche Richtung die Reise geht. Fest steht, dass der Reemtsma-Anteil zum Verkauf steht und diverse Tabakkonzerne sich darum bemühen, von Japan Tobacco bis zur französisch-spanischen Altadis. Außerdem vermeldet die Gerüchteküche, dass wenigstens für die seit fast einem Jahr führerlose Kaffee-Sparte ein neuer Chef gefunden wurde, der in den nächsten Wochen bakannt gegeben werden soll.

Allianz sicherte sich Beiersdorf-Mehrheit

Die gängigsten aus den zahlreichen Medienspekulationen in den vergangenen zwölf Monaten sagten meist, dass sich Tchibo mit dem Erlös aus dem Reemtsma-Verkauf die Mehrheit an Beiersdorf leisten könnte. Tatsächlich stockte Tchibo seinen Beiersdorf-Anteil um einige Prozente auf. Doch der Schlüssel für eine Mehrheit an dem wachstumsstarken Nivea-Konzern liegt in München. Die Allianz, Beiersdorf-Aktionärin seit Jahrzehnten, hat überraschend die Mehrheit oder zumindest fast die Mehrheit gekauft.

Dadurch Paketaufschlag gesichert

Über ihre Absichten schweigt sich die Allianz aus. »Vermutlich will sie einen zusätzlichen Mehrwert und einen Paketaufschlag erzielen«, meint der Analyst Michael Mantlik von der Vereins- und Westbank. Für eine Beiersdorf-Mehrheit gäbe es eine Reihe von Interessenten, was den Preis auf 150 Euro je Aktie treiben könnte. Das wären selbst für die Hälfte des Konzerns mehr als sechs Milliarden Euro - eine Menge Geld nicht nur für Tchibo.

Für jede Überraschung gut

Staby bleiben fünf Monate, um die Tchibo-Probleme zu lösen. Ob ein Börsengang oder die Realteilung der Unternehmen unter den Geschwistern angestrebt werden, ist offen. Die Entscheidungen sollen angeblich unmittelbar bevorstehen, doch das sah vor Weihnachten auch schon so aus. Die heillos zerstrittene Herz-Familie, die letztlich die wesentlichen Weichen stellen muss, ist für jede Überraschung gut.