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Hartmut Mehdorn: Ein Macher, hemdsärmelig und wehleidig

In jüngster Zeit war Hartmut Mehdorn ein bisschen wehleidig, die ständige kritische Beobachtung durch die Öffentlichkeit zu schaffen. Seit dunkle Wolken über dem geplanten Börsengang hängen, könnte er sogar die Brocken hinschmeißen.

"Immer wird nur auf uns herumgehackt", sagte der Vorstandschef mehr als einmal. Dabei teilt der 64-Jährige, der zuweilen als hemdsärmelig beschrieben wird, selbst gerne aus. Einmal ging er so weit, die Fahrgäste dafür verantwortlich zu machen, dass die Züge der Bahn nicht immer so sauber sind, wie man es erwartet. Beim Bundestag, den er für die Bahnreform unbedingt braucht, verspielte er sich mit dieser hemdsärmeligen Art parteiübergreifend alle Sympathien. Ein Aufsichtsrat aus mehr als 600 Menschen, die alle mitreden wollen, ist für ihn wohl ein bisschen viel.

Schwierige Einsätze gewohnt

Die Sanierung der Bahn bis zur Börsenfähigkeit ist eine stringente Fortsetzung seiner Karriere. Der Maschinenbauingenieur Mehdorn ist das Bohren dicker Bretter gewohnt. Seine Stationen als Manager bei VFW Fokker (1966-1978), MBB (1984-1989), Airbus (ab 1989) und bei der Deutschen Aerospace (DASA, 1989-1995) waren stets von einschneidenden Maßnahmen der Anpassung an die Globalisierung geprägt. Erst recht traf das auf den Chefposten bei der Heidelberger Druckmaschinen AG (1995-1999) zu, die Mehdorn zu einem Konzern mit guter Börsen-Performance umbaute.

Dann holte Bundeskanzler Gerhard Schröder ihn zur Bahn - mit dem erklärten Ziel, sie kapitalmarktfähig zu machen. Schröder und Mehdorn kennen sich, seit sie einmal zusammen der Belegschaft eines niedersächsischen DASA-Betriebes die Schließung verkünden mussten. 1999 wurde Mehdorn Nachfolger des glücklosen Johannes Ludewig an der Spitze des größten deutschen Unternehmens. Im Gegensatz zum Kanzler machte Mehdorn aber die ständige kritische Beobachtung durch die Öffentlichkeit zu schaffen. Vor allem erschwerte der anhaltende Streit, ob eine kapitalmarktfähige Bahn die verfassungsmäßig vorgesehenen Infrastrukturaufgaben erfüllen könne, sein Wirken.

Harter Widerstand gegen seinen Kurs

Mehdorns will die Bahn als "integrierten Konzern" an die Börse bringen, also einschließlich des Fahrwegs. Dagegen gibt es harten Widerstand aus Industrie und Parlament. Die Wirtschaft ist in der Frage gespalten. Über beide Fragen bildeten sich Bündnisse gegen den Börsengang zu diesem Zeitpunkt und in dieser Form. Am Ende zogen sich die Wolken über dem Börsenfahrplan so dicht zusammen, dass die Bundesregierung die Flucht nach vorn antrat. Niemand schließt seitdem aus, dass Mehdorn sich mit einem "Macht euern Kram alleine" in sein Haus in Frankreich verabschiedet und erst einmal an der eigenen Drehbank seinen Frust abreagiert.

Mehdorn hat zahlreiche Auszeichnungen bekommen, darunter zwei Ehrendoktortitel. Frankreichs Präsident Jacques Chirac beförderte den Bundeswehr-Hauptmann der Reserve für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft zum Kommandeur der Ehrenlegion. Sogar "Ex-Raucher des Jahres 2002" wurde Mehdorn, der auch mit Zigarette in Konferenzen stets einer der Unruhigsten war. Mehdorn ist seit 1973 verheiratet und hat drei Kinder.

Thomas Rietig, AP / AP
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