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Horrorszenario Zahlungsunfähigkeit: Wenn die USA pleite wären...

Ab Dienstag sind die USA zahlungsunfähig, wenn die Schuldengrenze nicht angehoben wird. Und was passiert dann? Ein Schreckensszenario.

Von Friederike Ott

Der Schuldenstreit im US-Repräsentantenhaus nimmt täglich dramatischere Formen an. Die ultrakonservative Tea-Party stellt sich quer und blockiert eine Einigung, die Schuldengrenze anzuheben. Die US-Wirtschaft, ohnehin siechend, wächst derweil so schwach wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr.

Es ist kaum vorstellbar, welche Auswirkungen der Streit haben kann. Die Schuldengrenze anzuheben, gehörte für die US-Regierung bisher zur Routine. 74 Mal hat sie es getan in den vergangenen 49 Jahren.

Geschieht dies diesmal nicht, dürfen die USA, juristisch gesehen, vom 2. August an keinen Cent mehr an Schulden aufnehmen, und die Reserven der Amerikaner sind niedrig. Die Folge wäre, dass das Land die Zinsen auf seine Schulden nicht mehr bezahlen könnte, die Vereinigten Staaten würden offiziell als pleite gelten. Das würde auch die Ratingagenturen dazu zwingen, das Land als zahlungsunfähig einzustufen. Es hätte also eine noch niedrigere Bonität als Griechenland.

Kein Cent mehr - für nichts

Staatsanleihen könnten gar nicht mehr begeben werden, denn die USA dürften keine Schulden mehr machen. Wer Kredite mit amerikanischen Staatsanleihen besichert hätte, müsste sie sofort zurückzahlen. Das würde viele Investoren illiquide machen, die Märkte würden zusammenbrechen und die gesamte Weltwirtschaft mit in den Abgrund reißen. Die schlimmste Finanzkrise, die die Welt je erlebt hat, würde ausbrechen.

Und in Amerika selbst? Die sozialen Folgen wären unvorstellbar. Denn die USA hätten keinen Cent mehr für Renten, keinen Cent für die Gehälter von Beamten, keinen Cent für offene Rechnungen, etwa von Bauunternehmen. Schon bald würden die Menschen auf die Straße gehen. Sie würden Plakate hochhalten, protestieren, irgendwann sicher randalieren, Molotow-Cocktails schmeißen.

Schließlich könnten bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, Menschen würden zunehmend auf der Straße leben, weil sie ihre Mieten nicht mehr bezahlen könnten. Schon durch die jüngste Finanzkrise wurden Millionen Amerikaner obdachlos. Beamte würden nicht mehr zur Arbeit kommen, weil sie kein Gehalt mehr bekommen. Es gäbe kaum noch Polizisten, die die brodelnde Menge in Zaum halten könnten. Schließlich würden auch die Politiker ihren Dienst einstellen - oder unendgeltlich arbeiten. Wer soll noch ihr Gehalt bezahlen?

Minnesota: Wo der Albtraum Realität ist

Ob es wirklich so weit kommt? Nach rationalem Ermessen ausgeschlossen, aber die Tea Party agiert derzeit nicht nach rationalen Maßstäben. In Minnesota ist das Albtraumszenario bereits Wirklichkeit. Der Bundesstaat ist bereits zahlungsunfähig, weist ein Defizit von fünf Milliarden Dollar auf. Vor wenigen Wochen schickte die Regierung fast zwei Drittel der Beamten nach Hause, weil sie die Gehälter nicht mehr bezahlen konnte. Staatliche Parks wurden geschlossen, ebenso wie ein Zoo und mehr als 80 Autobahnraststätten.

Schon wenn das Land nur ein paar Tage oder Wochen zahlungsunfähig wäre, hätte das massive Konsequenzen. Zum einen für Beamte und Empfänger von Sozialleistungen, deren Auszahlung verzögert würde, aber vor allem für die amerikanischen Staatsanleihen, die seit 94 Jahren das beste Rating AAA haben und bisher als weltweit sicherste Anlage überhaupt galten.

Die Ratingagenturen dürften die Bonität herabstufen. Dann würden die Zinsen auf die Staatsanleihen steigen, ihr Ruf wäre geschädigt – mit Konsequenzen für Investoren auf der ganzen Welt. Sie müssten Kredite zurückzahlen, wenn sie als Sicherheit US-Staatsanleihen hinterlegt haben. Extreme Illiquidität wäre die Folge.

Wie teuer eine Herabstufung ist

Nach Angaben des Investmentverbands Sifma würde schon eine Herabstufung amerikanischer Staatsanleihen auf den Status AA die Zinskosten für die USA um 100 Milliarden Dollar in die Höhe schnellen lassen.

Nach Einschätzung von Volkswirten ist eine Herabstufung der Bonität der USA sogar immer wahrscheinlicher, egal wie der Schuldenstreit der Politiker ausgeht. Das politische Gerangel habe der Wirtschaft bereits geschadet, die hohe Arbeitslosenquote belastet die Konjunktur zusätzlich. Am Freitag wurde die Regierung Obama von der Hiobsbotschaft erwischt, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal nur um 1,3 Prozent gewachsen ist. Analysten hatten 1,8 Prozent erwartet. Das Wachstum für das erste Quartal wurde drastisch nach unten reduziert.

Auch wenn die Parteien sich in letzter Sekunde einigen sollten, ist das Grundproblem nicht gelöst: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die öffentlichen Schulden des Landes verdreifacht. Sie liegen jetzt bei annähernd 15 Billionen Dollar. Die Summe ist fast so hoch wie die Wirtschaftsleistung der Amerikaner in einem Jahr. Das Defizit ist bei den Amerikaner mit knapp zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts schon fast so hoch wie bei den Griechen. Das an sich ist schon ein Schreckensszenario.