Horst Siebert «Meine Arbeit war ein Privileg»


Einer der namhaftesten deutschen Ökonomen geht in Rente: Der Konjunkturpapst und Leiter des Institut für Weltwirtschaft, Siebert, hört mit 65 Jahren auf.

Einer der namhaftesten deutschen Ökonomen muss in Rente. «Mit 65 ist gesetzlich Schluss», sagt Horst Siebert nüchtern, und ein Stück Bedauern klingt durch. «Es ist schon eine Zäsur, das Institut für Weltwirtschaft nicht mehr zu führen.» Siebert hatte am 20.3. Geburtstag und räumt seinen Stuhl an der Spitze des IfW. Als Nachfolger des legendären Herbert Giersch hat er 14 Jahre lang das Institut an der Förde geprägt und dessen Ruf und Position an der Spitze der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung in Deutschland ausgebaut. Noch steht nicht fest, wer nach ihm das Institut leiten wird.

Rege Medienpräsenz

Das klare Profil des IfW als Hochburg für marktwirtschaftliche, angebotsorientierte Wirtschaftspolitik hat Siebert von seinem Vorgänger geerbt und weiter geschärft. Durch rege Medienpräsenz schuf sich Siebert einen Ruf als herausragender Wissenschaftler, aber auch als kühler Liberaler. So geißelte er regelmäßig den ausufernden Sozialstaat, kämpfte gegen Subventionen und für möglichst viel Markt. «Die Deutschen suchen immer wieder Zuflucht beim Staat», kritisierte er. «Der Wunsch nach individueller Freiheit, nach etwas ganz Neuem, Innovativen ist nicht stark ausgeprägt.»

Kein ruhiger Ruhestand

Siebert hat schon drei Angebote für seinen Ruhestand angenommen; Gast- und Forschungsprofessuren in Paris, Bologna und den Niederlanden. Da er auch in der «Group of Economic Analysis» der EU weiter mitmischen will, kann von Altenteil keine Rede sein. Außerdem wird er im IfW ein Arbeitszimmer haben. Wie selbstverständlich gehörte das Wochenende zu seiner Arbeitswoche, um Forschung, Lehre, Publikationen und Politikberatung abzudecken.

Arbeit war 'Privileg'

«Ein Viertel des Jahres hat allein der Sachverständigenrat beansprucht», sagt Siebert, der zwölf Jahre dem Gremium der «fünf Weisen» angehörte. Der Ästhet, Kunstfreund und Individualist mit der unvermeidlichen Fliege listet sein Pensum nie stöhnend auf; vielmehr schimmert die Lust zur Arbeit durch. Sein Bekenntnis: «Es ist ein Privileg am Institut für Weltwirtschaft zu arbeiten - eine wunderbare Aufgabe.» So wie er selbst den Spitzenzirkeln der internationalen Forschergilde angehörte, so holte er hervorragende Wirtschaftswissenschaftler zu Diskussionen über die Weltkonjunktur an die Kieler Förde.

IfW ist auch Kaderschmiede

Mehr als andere Institutionen ist das IfW auch eine Kaderschmiede; die «Wirtschaftswoche» nennt es «eine Art wirtschaftspolitische Mission». Wie Mitglieder eines Ordens wirken die früheren Mitarbeiter des IfW bei Banken, Unternehmen, Ministerien und internationalen Organisationen in einflussreichen Positionen. Beispiele sind der schleswig-holsteinische Umweltminister Klaus Müller (Grüne), der nur wenige 100 Meter weiter sein Büro hat, oder der sachsen-anhaltische Finanzminister Karl-Heinz Paqué (FDP). Für 42 Dissertationen hat Siebert in Konstanz, Mannheim und Kiel die Erstgutachten gefertigt, sieben Habilitationen sind bei ihm entstanden. «Das ist das Schöne an dem Beruf, dass man so viel mit jungen Menschen zu tun hat und sieht, wie sie sich entwickeln», sagt Siebert. In der Politikberatung sei alles schwieriger gewesen, weil die Parteien viel zu kurzfristig denken.


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