Immobilienkrise "Die Krise ist noch lange nicht zu Ende"


Panik im amerikanischen Bankenmarkt: Nach dem Zusammenbruch der Hypothekenbank IndyMac will die US-Regierung mit weiteren Milliarden einspringen. Zu spät, sagt Bankenexperte Thomas Hartmann-Wendels im stern.de-Interview. Er glaubt nicht an ein baldiges Ende der Finanzkrise.

Welche Bedeutung hat die Krise für die deutsche Konjunktur?

Zunächst hat die Immobilienkrise Auswirkungen auf den Bankensektor. Es wird für Unternehmen und Verbraucher schwieriger, einen Kredit zu bekommen, weil den Banken Eigenkapital fehlt und sie vorsichtiger geworden sind. Letztlich leiden darunter die Investitionen und der private Konsum. Das ist ja schon jetzt deutlich sichtbar, ob eine Rezession vermieden werden kann ist fraglich. Diese Entwicklung wirkt sich natürlich auf ein exportorientiertes Land wie Deutschland unmittelbar aus. Insofern werden wir davon sicherlich betroffen sein.

Wie stark wäre dieser Effekt?

Die USA ist natürlich als Ursprungsland der Krise am stärksten betroffen. Aber auch Deutschland und die EU werden sich durch die enge Verflechtung auf der Bankenebene und durch den Export der Krise nicht entziehen können.

Am Wochenende hat die US-Regierung den Immobilienfinanzierer Indymac vor der Pleite gerettet. Sind weitere Zusammenbrüche zu erwarten?

Ja, die Gefahr ist groß. Die US-Regierung hat sich sehr besorgt über die Situation geäußert und die amerikanischen Verbraucher haben in der Folge Teile ihrer Einlagen abgezogen. Das Geschäft mit Hypotheken und anderen Bankgeschäften ist einfach extrem vom Vertrauen abhängig. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass es auch bei anderen Kreditinstituten, die sehr stark im Immobilienbereich involviert sind, zu einem Abzug von Einlagen kommt.

Wie schlimm ist die Pleite für den Rest der Wirtschaft?

IndyMac ist schon einer der ganz großen Immobilienfinanzierer. Das hat erhebliche Konsequenzen. Es stellt sich die Frage, inwieweit auch der Staat für die Ausfälle geradestehen muss - ähnlich wie bei Northern Rock in England. Die andere Frage ist: Inwieweit werden Banken in Mitleidenschaft gezogen, die IndyMac erhebliche Kredite gewährt haben. Durch die starken Verflechtungen der Banken untereinander, könnte das gesamte System ins Wanken geraten.

Am Montag wollen Fannie Mae und Freddie Mac sich am Markt mit frischem Geld versorgen - wie wichtig ist der Erfolg dieser Aktion?

Die Hypothekenkrise ist zum großen Teil auch eine Liquiditäts-Krise geworden. Insofern ist der Erfolg der Versteigerung der Anleihen schon wichtig. Und dennoch werden die Banken auf einem Großteil ihrer Schulden sitzen bleiben. Die Aktion kann allenfalls kurzfristig Abhilfe schaffen. Langfristig stellt sich die Frage: Wie hoch sind die wahren Verluste aus der Krise und brauchen die Banken deswegen nicht neues Eigenkapital? Die Liquidität überbrückt nur die akuten Schwierigkeiten.

Ist ein Ende der Krise absehbar?

Da gehen die Meinungen weit auseinander. Manche behaupten und haben schon vor Monaten behauptet, das Schlimmste sei vorbei. Doch der Fall IndyMac zeigt, dass das Ganze noch lange nicht ausgestanden ist. Ich denke, die Krise wird noch das ganze Jahr über anhalten. Vielleicht wird sich die Situation 2009 etwas entspannen, wirklich abschätzbar ist dies aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Wie sollte die US-Regierung sich verhalten - sollte sie in den Markt eingreifen?

Die amerikanische Regierung bewegt sich auf einem schmalen Grat. Wenn es gravierende Liquiditätsengpässe im Bankensektor gibt, sollte sie eingreifen. Der Markt darf in einem solchen Fall nicht komplett sich selbst und damit dem totalen Zusammenbruch überlassen werden. Staatliche Hilfsmaßnahmen schaffen außerdem Vertrauen bei den Anlegern und beugen damit einem weiteren Abzug von Einlagen vor. Andererseits besteht das Problem, dass staatliche Eingriffe immer für Fehlanreize sorgen. Die betroffenen Banken könnten zum Schluss kommen, egal, welche Risiken ich eingehe, wenn ich in Not gerate, wird die Regierung schon eingreifen.

Hat die US-Regierung bis jetzt richtig gehandelt?

Die Finanzhilfe für Bear Stearns war schon eine unerlaubte Subvention und an der Grenze dessen, was eine Regierung tun sollte. Die Regierung hätte, statt die Bank mit Milliarden zu unterstützen, viel früher regulierend am Markt eingreifen müssen. Die Politik des günstigen Geldes und der niedrigen Zinsen hat zum Teil zu der jetzigen Situation beigetragen. Hätte die Notenbank und die Regierung hier früher gehandelt, hätte einiges vermieden werden können. Jetzt kann der Staat im Prinzip nur die Feuer löschen - für langfristige, strategische Maßnahmen ist kaum Zeit.

Interview: Lisa Louis

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