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Interview: "Großkotzig kommt vor Gericht nicht gut"

Die Fernsehrichterin Barbara Salesch über Stärken und Schwächen unseres RechtssystemS, Instanzenwirrwarr, clevere Anwälte und sinnvolles Auftreten von Klägern und Beklagten.

Barbara Salesch, 53, ist zur Richterin der Nation geworden, seit sie fünfmal wöchentlich im Sat-1-Nachmittagsprogramm Urteile fällt. Richter, Staatsanwalt oder Anwalt zählen dank Salesch mittlerweile zu den häufiger genannten Berufswünschen deutscher Schüler. Das Landgericht Hamburg hat die Vorsitzende Richterin vor fünf Jahren "bis auf weiteres" für ihre TV-Rolle beurlaubt. Die Sendung "Richterin Barbara Salesch", in der fiktive Fälle möglichst wirklichkeitsnah verhandelt werden, wurde vor zwei Jahren mit dem Deutschen Fernsehpreis für die "beste tägliche Sendung" ausgezeichnet. Barbara Salesch begleitet den stern inhaltlich und auch optisch als "Patin" durch die Serie.

stern: Haben Sie den Eindruck, dass Deutsche besonders streitsüchtig sind?

Barbara Salesch: Ich glaube nicht daran. Wir haben in Deutschland einen sehr leichten und guten Zugang zu den Gerichten. Auch ohne Beziehungen und ohne Geld. Das ist ein hohes Gut. Jeder lernt dies spätestens dann schätzen, wenn er es wirklich einmal braucht.

Wer bekommt Recht? Wer die besseren Anwälte oder wer die besseren Argumente hat?

Die besseren Argumente sollten entscheiden. Recht hat allerdings viel mit Tatsachen zu tun. Was wird vorgetragen, was kann bewiesen werden? Es kommt auf eine gute Vorbereitung an. Die kann der Anwalt liefern, aber auch der Kläger oder Beklagte selbst.

Wie sollte man vor Gericht auftreten, um seine Chancen nicht von vornherein zu verschlechtern?

Wie im Alltag auch: freundlich, vernünftiges Benehmen. Man ist rechtzeitig da, hat seine Unterlagen dabei. Beleidigungen und allzu großkotziges Auftreten kommen nicht gut. Wichtig ist, dass man den Mund aufmacht und vollständig sagt, was zur Sache vorzubringen ist. Und zwar im Saal. Wer wieder draußen ist und moppert, für den ist es meist zu spät.

Wie wichtig ist für Sie eine klare Sprache vor Gericht?

Sehr. Recht wird nur als Recht empfunden, wenn es nachvollziehbar ist. Die Fachsprache gegenüber Nichtjuristen wird schnell zur Machtdemonstration und als ein Urteilen von Oben nach Unten empfunden.

Ist unser Rechtssystem nicht viel zu kompliziert?

Das System selbst ist exzellent. Es wird nur seit Jahren versucht, alles immer kleinteiliger zu regeln. Das ist das Problem. Man muss sich wieder auf die Grundwerte des Rechtssystems rückbesinnen. Es kann nicht sein, dass ich Fachpersonal brauche, wenn es um Miet- und Steuerrecht geht, also Themen des Alltags. Demnächst kommt noch der Anwalt für den Einkauf beim Bäcker.

Gibt es zu viele Instanzwege?

Bei kleinen Sachen gibt es wirklich eine Menge Möglichkeiten, die Verfahren in die Länge zu ziehen. Da würde ich es bei einer Instanz belassen.

Haben die Deutschen eigentlich ein gut entwickeltes Rechtsempfinden?

Ich bin davon überzeugt. Als Richterin hatte ich stets das Gefühl, dass die meisten ein Gespür dafür haben, was gut und falsch ist. Ob sie danach handeln, ist eine andere Geschichte. Man sollte öfter mal darüber nachdenken: Wäre es mir recht, wenn jemand sich so verhielte wie ich selbst?

Wie erklären Sie sich die Faszination der Justizshows im Fernsehen?

Sie sind die Fortsetzung eines Krimis. Der Krimi hört immer auf, wenn der Täter gefasst ist. Bei mir geht es dann los. Das ist spannende Unterhaltung.

Gerd Elendt / print