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Erziehungs-Soaps bei Sat1: Lernschwach, gewaltbereit und heiß begehrt

Das macht das Privatfernsehen sehr geschickt: Jahrelang züchtet es sich das TV-Prekariat heran, um daraus dann für Resozialisierungs-Soaps zu rekrutieren. Die Generation "Big Brother" vermehrt sich - und der Nachwuchs sucht Hilfe im Fernsehen. Jetzt will Sat1 mit Formaten wie "Die Superlehrer" an den Problem-Teenies verdienen.

Von Katharina Miklis

"Ich möchte kein asozialer Hartz-IV-Empfänger werden", sagt Marvin. Marvin ist 16 Jahre alt und leidet an der Aufmerksamkeitsschwäche ADHS. Seit er fünf Jahre alt ist, wird er deswegen mit Medikamenten "vollgedröhnt". Auf Schule hat er schon lange keinen Bock mehr. Das soll sich jetzt ändern. Marvin will den Hauptschulabschluss machen. Hilfe naht in Form einer Coaching-Show. Für eine bessere Zukunft ist Marvin bereit, sein Lebensleid an Sat1 zu verkaufen. Auch seine Eltern scheinen nichts dagegen zu haben, dass ihr Sohn, der vom Sender "das ADHS-Kind" genannt wird, nun auch im Abendprogramm von Sat1 pöbelt. Im Gegenteil: Vielleicht sind sie sogar stolz auf ihren kleinen Marvin, der jetzt neben Britt und Richterin Barbara Salesch ein bisschen zum Sat1-Programm dazugehört. So viel Aufmerksamkeit von seinen Eltern hatte Marvin wahrscheinlich schon lange nicht mehr.

Neuer Trend "Helptainment"

Polarisierende Erziehungsformate boomen im Privatfernsehen. Immer mehr Eltern lassen es zu, dass ihre Kinder nicht mehr nur den ganzen Tag vor der Glotze sitzen, sondern auch drin. In so genannten "Helptainment"-Formaten lassen sie von Sendern wie RTL und Sat1 nachholen, was sie selbst bei ihren Nachkommen versäumt haben. Und die Sender inszenieren sich als Erzieher der Nation.

Nicht immer sind es Quotenerfolge. Die umstrittene RTL-Dokuserie "Erwachsen auf Probe" mit Babys als Requisiten läuft trotz Krawall-PR nicht überragend. Böse Teenies ziehen da schon besser als schreiende Leihbabys. Die "Super-Nanny", "Teenager außer Kontrolle" oder "Die Ausreißer" sorgen bei RTL seit Jahren für verlässliche Quoten. Bei Sat1 hat es mit der voyeuristischen Ausbeute etwas länger gedauert, vielleicht weil die eigenen Probleme des Senders groß genug sind. Doch jetzt tritt auch dort das Helfer-Syndrom auf: Gleich zwei Coaching-Formate gehen bei dem Sender an den Start.

Nachhilfe in Sachen Fäkalsprache

In der Sozial-Soap "Die Superlehrer" wird die schlechteste Klasse Deutschlands zum Nachsitzen vorgeführt. 16 Berliner Schulabbrecher sollen ihren Abschluss innerhalb von vier Monaten an einer Kreuzberger Hauptschule nachmachen. Eine Gruppe von fünf Lehrern und Sozialpädagogen wurde dafür von einer Castingagentur bundesweit gesucht, die die ebenfalls gecasteten Teenies, die bisher vor allem durch Schlägereien, Schwänzen und Drogenkonsum auffielen, zur Vernunft bringen sollen. Die Klasse bringt eine ordentliche Portion Konfliktpotenzial mit, das gut für die Quote ist: ein Heimkind mit Alkoholproblem ist dabei, ein 21-jähriger Straftäter mit Macho-Allüren, ein Dealer, eine Schulschwänzerin, die ihren Lehrer "Fotzensohn" nennt. Der Zuschauer bekommt Nachhilfe in Sachen Fäkalsprache gleich mitgeliefert.

Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes in Nordrhein-Westfalen und selbst Lehrer der Mathematik, sieht das Problem an Doku-Soaps wie dieser in der "Verallgemeinerung und Verzerrung für den Showeffekt". "Hier wird eine künstliche Atmosphäre geschaffen, die der Schulwirklichkeit nicht entspricht", bemängelt der Lehrer gegenüber stern.de. "Für die Quote werden krasse Einzelfälle in ein Fernsehformat gepresst, die eigentlich viel sensibler behandelt werden müssten. Mein Appell an die Verantwortlichen solcher Sendungen ist, sich selbst eine Zensur aufzuerlegen und zu überlegen, wie weit man für die Quote geht".

Gleich im Anschluss an die Superlehrer darf sich Jugendcoach Oliver Lück, der ein Anti-Gewalt-Zentrum in Berlin mitbegründet hat, mit einem Anti-Aggressions-Training an Problemteenagern probieren. "Ich habe Angst, dass ich mal einen Typen umbringe", sagt sein erster Fall, der 19-jährige, aggressive Sebastian. Der Berliner Jugendcoach und Sozialpädagoge Lück, der selbst einmal drogenabhängig war und kein Problem in der Zurschaustellung gewalttätiger Jugendlicher in der Primetime sieht, streichelt dem verheulten Sebastian über den Kopf: "Ick lass dich da nich allene." Das Problem: die Zuschauer auch nicht. Ein Millionenpublikum ist dabei, wenn Teenager öffentlich ihre Probleme austragen.

Fernsehen als Verhütungsmittel

"Sie denkt auch, ich bin ein Abschaum", sagt Harun im Trailer zu "Die Superlehrer". Jugendliche, die keinen geraden Satz herausbringen und sich mit Vorliebe ins Koma saufen, werden also in den kommenden Wochen den Montagabend auf Sat1 bestreiten. Das macht keine Lust aufs Kinderkriegen. Fernsehen als Verhütungsmittel. Dass hier für die Quote Unterschichtenjugendliche in der Primetime vorgeführt werden, bestreitet Superlehrer Jürgen Volkmer: "Wir spielen hier nichts, sondern arbeiten genauso pädagogisch seriös wie sonst auch." Sat1 rechtfertigt seine Doku-Soap ähnlich wie RTL sein Leihbaby-Experiment: "Knapp 80.000 Schulabbrecher gibt es Jahr für Jahr in Deutschland. Ohne Schulabschluss sind ihre Aussichten auf dem Arbeitsmarkt mehr als trübe." Bei RTL führt man die Geburtenrate von Teenagern an. Unter dem Vorwand einer gesellschaftlichen Diskussion über Schulabbrecher und Teenieschwangerschaften zeigen Sat1 und RTL jedoch zugespitzte Doku-Soaps, die vielleicht der Quote helfen, jedoch ganz bestimmt nicht den Jugendlichen.

"Die Würde der Kinder darf nicht dem Streben nach einer hohen Einschaltquote geopfert werden", sagte die CDU in der Diskussion um die RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe". Gleiches sollte auch für die Jugendlichen in "Die Superlehrer" und "Jugendcoach Oliver Lück" gelten. Die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten kündigte gegenüber stern.de an, die Sat1-Sendungen am Montagabend gründlich zu prüfen.

Eine Ende der fragwürdigen Formate ist nicht in Sicht. So heißt es auf der Sat1-Internetseite: "Für unser Projekt suchen wir weiterhin aggressive und gewalttätige Jugendliche von 16 bis 21 Jahren."

"Die Superlehrer" und "Jugendcoach Oliver Lück", montags um 20.15 Uhr und 21.15 Uhr auf Sat1